Ärzte Zeitung, 01.07.2009

Hintergrund

Die Voraussetzungen für die SAPV sind in Bremen bestens - aber nur im Prinzip

In Bremen verhandeln drei Anbieter-Gemeinschaften mit den Krankenkassen über eine flächendeckende Versorgung mit der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) - im Prinzip untereinander einvernehmlich, doch nicht alle Karten liegen offen.

Von Christian Beneker

Drei Gruppen von Leistungserbringern sind in Bremen am Start, die die SAPV sicherstellen wollen: das Ärztenetz Bremen Nord, das Krankenhaus Links der Weser (LDW) und die Praxis für Anästhesie und spezielle Schmerztherapie Auerswald und Partner, vertreten durch den Schmerzmediziner Hubertus Kayser.

In der Hansestadt müssen im Jahr etwa 580 sterbende Menschen mit SAPV versorgt werden. Das Ärztenetz würde 110 Patienten im Norden der Stadt betreuen, inklusive der Patienten, die aus dem niedersächsischen Umland dazu kämen. Kayser und seine Kollegen würden rund 240 Patienten aus dem Süden der Stadt palliativmedizinisch versorgen und das Krankenhaus Links der Weser rund 230 Patienten im Westen. Bei einer durchschnittlichen Behandlungszeit von sechs Wochen würde etwa das LDW rund 15 SAPV-Patienten gleichzeitig versorgen, heißt es.

Zwei der drei Beteiligten sind sich weitgehend einig

Die Kollegen des Netzes und die Praxis Kayser haben sich auf einen Vertragsentwurf geeinigt, mit dem sie derzeit in den Verhandlungen mit den Kassen stecken. "Wir haben aber mehrere Punkte, an denen wir nicht weiterkommen", sagt Hausarzt und Vorsitzender des Ärztenetzes Bremen Nord, Dietmar Heupel. So wollen die Kollegen besonders die Hausärzte an der SAPV-Versorgung beteiligen, und zwar auch solche, die nicht als speziell fortgebildete Palliativmediziner gelten. Die Bremer setzen hier auf "qualifizierte Haus- und Fachärzte", die über eine 40-stündige Weiterbildung verfügen, so der Vertragsentwurf. "Aber an diesem Punkt sind noch dicke Bretter zu bohren", so Heupel. "Wir müssen bedenken, dass wir in Bremen gar nicht die Manpower haben, um die SAPV nur mit spezialisierten Kollegen zu stemmen." Die Kassen orientieren sich an dem Vertragsentwurf, den die Ersatzkassen kürzlich vorgelegt haben. Auch bei der Frage der Geldverteilung herrscht offenbar Dissens. "Wir wollen auf keinen Fall bei uns eine eigene Mini-Abrechnungs- und Verteilungsstelle installieren", betont Heupel, "wir meinen, die Verwaltung und Verteilung des Geldes ist Sache der Krankenkassen." Das Ärztenetz und Kayser wollen die Honorierung per Tagespauschale, getrennt in einschreibende Haus- und Fachärzte, qualifizierte Haus- und Fachärzte, spezialisierte Palliativärzte und spezialisierte Pflegedienste.

Werden mit der Klinik andere Preise verhandelt?

Die Kassen indessen haben andere Vorstellungen. "Sie favorisieren nur zwei Dienste für das ganze Land Bremen", erklärt Kayser, "das halten wir bei der großen Ausdehnung Bremens für unrealistisch. Dann wären Ärzte und Pflegende mehr auf der Autobahn als bei den Patienten." Außerdem erwartet man von den Leistungserbringern auch die Abrechnung. Was die Preise angeht, schweigen sich die Kassen vor den beiden Anbietern allerdings noch aus. "Wir wissen nichts", klagt Kayser.

Krankenhaus lässt die eigenen Ärzte außen vor

Der dritte Anbieter für SAPV an der Weser ist das LDW. Der dort ansässige Palliativmediziner Dr. Martin Willenbrinck, hat schon früh in einer Arbeitsgruppe zusammen mit Heupel und Kayser die Aufteilung der Versorgungsgebiete in Bremen Stadt favorisiert. "Wir sind gemeinsam mit unserer Idee an die Kassen heran getreten", berichtet Kayser. Im LDW führt aber die Geschäftsführung des Hauses die Verhandlungen, und zwar nicht zusammen mit den Palliativmedizinern des Hauses, sondern mit der Zentralstelle für private Fürsorge, einer Bremer Institution, die sich auf Alten- Krankenpflege spezialisiert hat und ein Hospiz betreibt. Auf Einzelheiten des Vertragsentwurfes wollten weder LDW-Geschäftsführerin Angela Dick noch die Zentralstelle eingehen. "Wir wollen aber auf keinen Fall eine Konkurrenzsituation zu den anderen Anbietern schaffen!" versichert Dick. Klar ist indessen: Die Vertreter der Palliativstation sitzen derzeit nicht mit am Verhandlungstisch.

In der Tat räumte ein Vertreter der Zentralstelle ein, dass die Palliativstation in den "letzten Treffen mit den Kassen, in denen es um administrative Dinge ging, nicht dabei waren". Inhaltlich müsse man selbstverständlich auf die Spezialisten im LDW zurück greifen, heißt es.

Heupel und Kayser kritisieren das LDW: "Es ist ein Unding, dass das LDW die eigene Palliativstation nicht an den Verhandlungen beteiligt," so Heupel. Kayser fürchtet, dass "am LDW andere Preise verhandelt werden, als bei uns." Man werde die Versorgung nicht um jeden Preis übernehmen, stellt er klar. "Alles unter 250 Euro Tagespauschale ohne Budgetverantwortung ist unrealistisch."

Spezialisierte ambulante Palliativersorgung

Die SAPV ist im April 2007 neu in das SGB V (§ 37b) als eigenständiger Leistungsanspruch aufgenommen worden. Dort heißt es: "Versicherte mit einer nicht heilbaren, fortschreitenden und weit fortgeschrittenen Erkrankung bei einer zugleich begrenzten Lebenserwartung, die eine besonders aufwändige Versorgung benötigen, haben Anspruch auf spezialisierte ambulante Palliativversorgung."

Im Dezember 2007 beschloss der Gemeinsame Bundesausschuss (GemBA) daraufhin die "Richtlinie zur Versorgung der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung". Im Juni vergangenen Jahres legten die Kassen und Pflegeverbände eine Empfehlung darüber vor, worin die "sächlichen und personellen Anforderungen an die Leistungserbringung" (§ 132d SGB V) der SAPV bestehen. Seither sind nur vereinzelt Verträge zur SAPV abgeschlossen worden. Laut Deutscher Gesellschaft für Palliativmedizin können Hausärzte auch ohne Vertrag SAPV verordnen. Die Verordnung müsse dann innerhalb dreier Tage der Kassen vorgelegt werden.(cben)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
SAPV verträgt keinen Preiskampf

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