Ärzte Zeitung online, 23.12.2014

Palliativmedizin

Diakonie lehnt organisierte Sterbehilfe klar ab

Diakonie-Präsident wirbt für flächendeckenden Ausbau der Palliativmedizin und mehr Hospize.

FRANKFURT/MAIN. In der aktuellen Debatte um Sterbehilfe und die Selbstbestimmung des Menschen am Ende seines Lebens sollten nach Ansicht von Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, die Bedürfnisse der mehr als 800.000 hochaltrigen, multimorbiden Bundesbürger in den Mittelpunkt rücken. Bisher gehe der Fokus auf die onkologischen Patienten.

"Wir müssen alles dafür tun, dass die palliativmedizinische Versorgung dieser Menschen gewährleistet ist, damit in Deutschland niemand Angst davor haben muss, alt zu werden", sagte Lilie aus Anlass eines Besuchs mehrerer Einrichtungen des christlichen Gesundheitskonzerns Agaplesion in Frankfurt am Main.

"Wenn unsere Gesellschaft ihr menschliches Gesicht wahren will, müssen wir in Zukunft Milliarden in diesen Bereich investieren."

Palliativmedizin biete viele Möglichkeiten, Schmerzen bei Patienten zu lindern

Ulrich Lilie und Dr. Markus Horneber, Vorstandsvorsitzender der Agaplesion gAG, sprachen sich in diesem Zusammenhang klar gegen jede Form von organisierter und kommerzialisierter Sterbehilfe aus.

Stattdessen warben sie, gerade im Hinblick auf den demografischen Wandel in Deutschland, für einen effizienteren Einsatz von Ressourcen und neuen Versorgungsformen.

"Der flächendeckende Ausbau und die Förderung der Hospiz- und Palliativmedizin sind wesentlich", sagte Horneber. "Denn mit einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft kommen neue Herausforderungen auf die Gesundheitsversorgung in Deutschland zu."

"In der öffentlichen Debatte um Sterbehilfe werden die Möglichkeiten der Palliativversorgung zu wenig thematisiert", kritisierte Ulrich Lilie, der im März dieses Jahres als Präsident der Diakonie Deutschland Johannes Stockmeier nachfolgte.

"Viele wissen gar nicht, welche Möglichkeiten moderne Palliativmedizin bietet, um bei Patienten Schmerzen zu lindern." Gerade hochaltrige Menschen könnten von einem verbesserten Angebot in diesem Bereich profitieren.

"Leider hat die große Gruppe derer, die sich nicht selbst zu Wort melden können, bei uns keine Lobby", so Lilie. "Diese Menschen sitzen nicht in Talk-Shows."

Agaplesion plant palliativmedizinisches Angebot an all seinen Standorten

Horneber benannte zwei wesentliche Unternehmensziele des mit einer Milliarde Euro Umsatz und bundesweit 19.000 Mitarbeitern fünftgrößten deutschen Gesundheitskonzerns.

 Zum einen wolle man an allen Agaplesion-Standorten in Deutschland ein palliativmedizinisches Angebot schaffen, und zum anderen solle jedes eigene Krankenhaus künftig mit einem Hospiz kooperieren.

Derzeit betreibt Agaplesion zwei eigene Hospize, das Elisabethen-Hospiz in Darmstadt und seit Februar 2014 das Samaria Hospiz in Gießen. (Smi)

[26.12.2014, 19:32:24]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Diakonie neben Bundes- und Landesärztekammern eine Stimme der Vernunft
Nachdem die Abgeordneten (MdB) im Deutschen Bundestag (DBT) die Möglichkeit genutzt haben, ohne "ethisches Zwangsdiktat" i n h a l t l i c h und nicht unter ausschließlich juristischen Gesichtspunkten auf die moralisch-ethischen Dimensionen, die Gratwanderungen zwischen "Tötung auf Verlangen" (§216 StGB), aktiver und passiver Sterbehilfe bzw. ärztlich assistiertem Suizid, aber auch kommerziell und/oder privat organisierter Sterbehilfe mit Worten, Denken, Fühlen, Wollen und Meinungen einzugehen, haben die Landes-Ärztekammern und die Bundesärztekammer ein gemeinsames Bekenntnis abgelegt: "Helfen, aber nicht töten." Über die verschiedenen Formulierungen der demokratisch legitimierten und föderalen Vielfalt hinweg, wurde ein Konsens auch o h n e "bioethischen Hochdiskurs" oder die verfassungsrechtlich diffizile Güterabwägung zwischen Fremd-, Selbstbestimmung bzw. verfasster Autonomie erreicht. Von einem "Zwangsdiktat" wie hier auch bei der Diakonie konnte keine Rede sein, es ging eher um die Reflexion der eigenen, professionellen Lebens- und Grenzerfahrungen mit dem Sterben, den Sterbenden und denen, die palliativ-medizinische Hilfe suchen.

In Klinik und Praxis erleben Ärztinnen und Ärzte, aber auch deren Standesvertreter, ganz im Gegensatz zu juristisch motivierten Bedenkenträgern oder selbsternannten Heilsbringern in vielen Fachbereichen täglich Menschen, die nicht mehr leben wollen und können, die sich selbst (und manchmal auch anderen) den Tod wünschen, die sich selbst aufgeben haben. Wir können und dürfen diese per vordergründiges Selbstbestimmungsrecht nicht einfach in den Tod schicken, weil diese Menschen erst einmal ernst genommen eher froh und glücklich sind, wenn wir ihnen therapeutisch helfen und sie begleiten können. Sie sind erleichtert darüber, dass wir offen über palliative Maßnahmen und Möglichkeiten sprechen. Das widerspricht wohl einseitig verstandenem, ultimativem ad hoc Selbstbestimmungsrecht und pseudo-juristischen Argumenten bis hin zum "Doctor Death" auf entsprechender "Honorarbasis"?

Das wie auch immer geartete "Geschäft" mit der organisierten Sterbehilfe, aber auch das private "Helfer-Syndrom" z. B. eines selbsternannten "Sterbehelfers" Peter Puppe im Beitrag von "Report Mainz" am 14. Januar 2014 ("wenn Sie wüssten, was ich alles studiert habe...nach 8 Jahren täglichem, vielfältigem Eigenstudium"); oder das des bundesweit reisenden urologischen Kollegen Uwe-Christian Arnold mit seiner ärztlichen Sterbehilfe-Tätigkeit sind keineswegs ausschließlich altruistisch-selbstaufopfernd sondern immer auch ein Stück weit überheblich-selbstüberschätzend und von Eigeninteresse geleitet. Die Kommerzialisierung schreitet unerbittlich voran:

"Organisierte Hilfe zum Suizid
Organisationen: Dignitas Deutschland („Dignitate“), Sterbehilfe Deutschland (Dr. Roger Kusch),Uwe Christian Arnold, Peter Puppe sowie mindestens elf weitere, anonym arbeitende Vereinigungen.
Geleistete Suizidhilfe: Rund 700 Fälle von assistierten Suiziden sind seit Mitte der 90er Jahre dokumentiert. Mehr als 200 werden dem Urologen Dr. Uwe Christian Arnold zugeschrieben.
Preise: Dignitas Deutschland (Aufnahmegebühr 120 Euro; Monatsbeitrag 20 Euro); Sterbehilfe Deutschland (ärztliche Begutachtung 1500 Euro, Mitgliedschaften zwischen 2000 und 7000 Euro oder Jahresbeiträge von 200 Euro)." [Quelle: Deutscher Ethikrat] Vgl.
http://www.aerztezeitung.de/politik_gesellschaft/sterbehilfe_begleitung/article/874728/assistierter-suizid-kein-neues-gesetz-waere-besser-schlechtes.html
In dem man vorgibt, alleine zu wissen, was für Sterbende gut und richtig ist, dass die eigentlich medizinischen Palliativ-Experten ignorant, verleugnend und unwissend seien, setzt man sich über das Selbstbestimmungsrecht faktisch hinweg . Alle vorherigen ärztlichen Bemühungen führt man damit ad absurdum. Bei verzweifelt terminal Kranken ohne Familienangehörige könnte man dann relativ unkontrolliert auch zum eigenen Vorteil verfahren.

Sterbewille, Des-Lebens-Überdrüssig-Sein und Suizidbeihilfe müssen i n h a l t l i c h diskutiert werden. In der gesellschaftspolitischen Diskussion um zahlreiche Varianten organisierter, gemeinnütziger, aktiver, passiver, geduldeter oder unterlassener Sterbehilfe sind ärztlich begründete Positionen gegenüber der Mehrheit widerstreitender rechtspolitischer oder populistischer Expertisen unterrepräsentiert. Soll denn jedem/r, der glaubt, einem Sterbenden persönlich, sozial oder familiär nahe zu stehen, auf persönlichen Zuruf des Sterbenden, "ich kann nicht mehr", "ich will nicht mehr leben", "lasst mich doch sterben" oder "es soll ein Ende haben" erlaubt sein, dem Todgeweihten den Schierlingsbecher zu reichen oder gar das Kopfkissen aufs Gesicht zu drücken? Sind das wirklich immer uneigennützige Helfersyndrome, die sich in verschiedensten Spielarten der Sterbe-Hilfe verwirklichen wollen?

Viele meiner Kolleginnen und Kollegen bzw. ich selbst haben unsere professionelle, humanmedizinische Sozialisation und kulturelle Reflexionsfähigkeit im Gegensatz zu Juristen, Soziologen und Politologen in Studium, Klinik, und Praxis über die Interaktionen mit unseren Patienten erworben. Deshalb sollten uns Juristen, Parteipolitiker, widerstreitende Regierungsmitglieder jedweder Couleur, während wir schwerpunktmäßig noch mit Anamnese, Untersuchung, Differenzialdiagnostik, mehrdimensionaler Therapie, Palliation und Prävention beschäftigt sind, nicht zwingen, gleichzeitig darüber nachzudenken, wann und wie wir unsere todkranken Patienten aus ärztlicher Sicht am besten um die Ecke bringen könnten.

Es ist typisches Merkmal juristischer und gesellschaftspolitischer Kontemplation bzw. abwägender Erörterung in Legislative, Judikative und Exekutive ad hoc Entscheidungen zu vermeiden bzw. den tatsächlichen Taten Dritter ex post Beurteilungen folgen zu lassen. Damit wird konflikthaftes Erleben der Sterblichkeit, Ambivalenz und tätiges Entscheiden externalisiert: Der (fremde) Arzt soll mit ärztlich assistiertem Suizid oder aktiver Sterbehilfe auf eigene Verantwortung tätig werden. Während Betroffene, Angehörige, dritte Personen oder Juristen, die auch aktive Suizidbeihilfe leisten könnten, ihr dann möglicherweise schuldhaft erlebtes, aktives Handeln nicht selbst reflektieren und seelisch oder juristisch aufarbeiten müssen?

Vermeidungsstrategie und Angstabwehr sind weit verbreitet, wenn es ums Sterben geht. Nach Autonomie, Bewusstheit und Eigenverantwortung zu streben heißt, sich aktiv mit Sterben, Tod, und Vergänglichkeit auseinanderzusetzen, um seinen letzten Willen zu formulieren. Der Fangschuss, der Gnadentod, die Erlösungspflicht von unzumutbarem Leiden oder Behinderung bzw. "Eu-Thanatos" sind der Bewusstheit, der Erlebenswelt, dem Tötungs- bzw. Willkürverbot der "Conditio humana" wesensfremd.

Von uns Ärztinnen und Ärzten statt Heilung, Linderung und Palliation als zusätzliche Tätigkeitsmerkmale verpflichtend aktives Beschleunigen und Eingreifen in den Sterbevorgang bei (prä)finalen Patienten zu erwarten, ist abwegig. Niemand verlangt von Feuerwehrleuten mit ihrem internationalen Motto: "Retten – Bergen – Löschen – Schützen", Brand- oder Unfallopfer mit infauster Prognose einfach liegen und sterben zu lassen bzw. ihr Leiden aktiv zu verkürzen. Unser ärztliches Motto kann nur sein: "Helfen, Heilen, Lindern, Schützen … und Loslassen"!

Von daher ist die Position der evangelischen Diakonie mit der klaren Ablehnung organisierter Sterbehilfe von möglicherweise selbsternannten "Herren über Leben und Tod" als Unterstützung der Bundes- und Landesärztekammern nur zu begrüßen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler FAfAM Dortmund
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