Ärzte Zeitung, 14.10.2013

Medizinische Versorgung

Die Ungleichheit wächst

Gehört der Arzt wie selbstverständlich überall zur Infrastruktur? Nein, sagen Fachleute. Die Ballungsräume haben gewonnen, das Land verliert. Und die Situation wird sich verschärfen.

Von Anno Fricke

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Weit und breit kein Arzt: In manchen Regionen werden die Versorgungsengpässe zunehmen.

© blickwinkel / imago

BERLIN. Eine flächendeckend auf einheitlich hohem Niveau stehende medizinische Versorgung wird es in Zukunft nicht mehr geben. Statt ihrer werde es zu einer Konzentration der ärztlichen Leistungen dort kommen, wo die Menschen wohnten.

Das war eine der Hauptthesen auf einer Fachtagung anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung (ZI) am Freitag in Berlin.

Selbst die Aufgabe von Siedlungen müsse in Kauf genommen werden, um Qualität zu sichern. "Verahs" und rollende Praxen seien lediglich Notlösungen für eine Übergangszeit. "Das ist nicht die Qualität, die wir wollen", sagte Professorin Elke Pahl-Weber vom Institut für Stadt- und Regionalplanung der TU Berlin.

Für Pahl-Weber ist es durchaus mit dem Geist des Grundgesetzes zu vereinbaren, in Deutschland uneinheitliche Lebensverhältnisse zu haben. Die gibt es nämlich längst. Die Altersstrukturen, das Arbeitsplatzangebot und die Einkommen sind regional unterschiedlich verteilt.

Betroffen sind Gebiete in Ost wie West. Wo mehr alte, arbeitslose und arme Menschen lebten, sinke die Nachfrage nach Infrastrukturleistungen, die ausgerechnet dort noch am teuersten ausfielen. Dies betrifft unmittelbar auch die Ansiedlung von Ärzten. Das quantitative Verhältnis zwischen Arzt- und Einwohnerzahlen funktioniere nicht mehr.

Lokale Benchmarks statt Durchschnitt

Dass sich die Verhältnisse noch einmal umkehren, hält Pahl-Weber für unwahrscheinlich. "Wir sollten uns auf Räume konzentrieren, in denen sich die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse überhaupt herstellen lässt", sagte sie. Das schaffe die Voraussetzungen dafür, dass auch künftige Generationen noch eine Infrastruktur vorfinden könnten.

Dass Daseinsvorsorge auch eine Sicherung der Marktfunktion an sich bedeuten könne, bestätigte Bernt-Peter Robra vom Institut für Sozialmedizin und Gesundheitsökonomie des ZI.

Statt medizinische Infrastruktur und Bevölkerungszahlen in ein Verhältnis zu stellen, sollten Ziele in den Blick genommen werden. Zum Beispiel: Welcher Gesundheitszustand ist erreichbar und welcher Leistungsmix sollte bei den Bürgern ankommen?

Diese Entwicklungen werten die räumliche Versorgungsforschung auf, wie sie das ZI betreibt. Sie könne als Seismograf dienen, mit dem sich Veränderungen in den Regionen einschätzen und Reaktionen darauf planen ließen, sagte Thomas Czihal vom ZI.

Die Sicherstellung sollte dann jeweils eine lokale Benchmark anstreben und nicht als Angleichung an den Durchschnitt erfolgen.

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Versorgungsforschung (1543)
[15.10.2013, 21:26:15]
Michael Brenner 
Die Flinte so schnell ins Korn zu werfen...
...zeugt ja nur davon, dass keinerlei Phantasie mehr da ist, was für Alternativen vorhanden wären. Vorstellbar scheint nur ein Medizinsystem mit hamsterradelnden Medizinern, die nur überleben können/dürfen, wenn auch genug Patientenmassen da sind um trotz Billigstvergütung irgendwie noch ein Auskommen zu generieren.
Ein reiches Land wie unseres, sollte in der Lage sein, sich vorzustellen, dass auch ein großes Gebiet versorgt werden könnte mit einer (mindestens) Doppelpraxis, mit Verah/Gemeindeschwester, Fahrdienst und einem festen Turnus in dem z.B. 10 Dörfern wöchentlich eine hausärztliche Sprechstunde gehalten wird für die Grundversorgung. Sehr gut möglich, dass man da vielleicht auch geringe Patientenzahlen hat. Das muss halt dann subventioniert werden.
Der politische Wille muss dazu da sein und die Gesellschaft muss bereit sein, diese "unwirtschaftlichen" Gegenden mitzutragen. (Es geht offenbar leichter Milliarden nach Griechenland zu transferieren.)
Die Versorgungsdichte und auch Qualität wird sicher nicht vergleichbar mit der in Ballungszentren sein, das ist den Bewohnern der betroffen Gebiete aber auch auf andren Ebenen wohl sowieso klar.
Bleibt nur zu hoffen, dass sich möglichst wenige Politiker diesen mutlosen Vorhersagen anschließen! zum Beitrag »
[14.10.2013, 18:10:04]
Dr. Birgit Bauer 
Willkommen in Absurdistan!
Immer mehr "pseudowissenschaftliche" Personen kommen zu immer unsinnigeren Schlüssen!
Woher kommen die ungleichen Lebensverhältnisse?
Von einem parteipolitisch geprägten, formaljuristisch begründeten und pseudomarkwirtschaftlichen, am Patienten und seinem behandelnden Arzt/Ärztin vorbei betriebenen Gesundheits"un"wesen !
Ich kann Herrn PD Dr. Hans-Robert Böhme nur Recht geben.
M.E. braucht es grundhafte Veränderungen !
Gestalten wir unsere GKV zu einem wirklichen Solidarsystem um, kommen wir ab vom derzeitigen Solidarsystem zum Erhalt einer maroden nicht mehr zeitgemäßen und schon gar nicht marktwirtschaftlichen Krankenkassendiktatur.
Dazu einige Vorschläge:
1.Fusion von Ärztekammern und KVen zur tatsächlichen Standesvertretung des freien Arztberufes.
2.Eine Gebührenordnung für Ärzte, d.h. Abschaffung des EBM´s und endlich Verabschiedung der neuen GOÄ
3. Therapiefreiheit der Ärzte (der Pat. ist nun mal nicht evidenzbasiert!!!)
4.Fusion der Kassen in der GKV zu einer Kasse
5.Leistungsspektrum wird vom -in der Zusammensetzung etwas verändertem GBA- festgelegt. (Kontrolle durch die gewählten Volksvertreter des Bundestags)
4.Abschaffung der Butgetierung und der Regresse zu Gunsten von Stichprobenprüfung bei Auffälligkeiten bei der Abrechnung und der Verordnungsprüfung-
und noch einiges mehr.
Die Begründungen zu den einzelnen Punkten können sie , falls es sie interessiert gern von mir erfahren, denn ich denke langsam wird der Beitrag zu lang.
Bei veränderten Bedingungen würden sich auch wieder Kollegen für Niederlassungen auch in den ländlichen Regionen interessieren.
Mit kolleg. Grüßen
Dr.B.Bauer zum Beitrag »
[14.10.2013, 16:46:05]
PD Dr. Hans-Robert Böhme 
" Abschied von gleichen Lebensverhältnissen" !
" Wir müssen den Mut aufbringen,Siedlungen aufzugeben"

Nein ,Frau Professor (Dr.?) Pahl-Weber /ohne Doppelnamen geht für Frauen in arrivierter Position nichts!/ WIR müssen den Mut haben ,ein System der universellen Käuflichkeit und konsekutiven Herzlosigkeit in Frage zu stellen !! ---- Dazu müssen wir denken,altruistisch fühlen und nicht politisch intendierte rein merkantil akzentuierte Fragwürdikeiten autorisieren.
PD Dr.med.habil. Hans-Robert Böhme
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