Ärzte Zeitung, 07.10.2009

Wenn Patienten nicht mehr zuhören

Aggressivität, Misstrauen, Unruhe - die Kommunikation mit dementen Patienten ist schwierig. Dabei steigt die Zahl der Erkrankten stetig. Vor allem Hausärzte sind hier gefordert. Damit daraus keine Überforderung wird, braucht es die richtige Gesprächsstrategie.

Von Ursula Armstrong

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Demenz-Patienten brauchen eine emotionale Ansprache, mit Berührungen sollte man aber vorsichtig sein.

Foto: Klaro

Etwa 1,1 Millionen Demenzkranke leben zurzeit in Deutschland, so die Deutsche Alzheimer Gesellschaft. Jährlich kommen über 250 000 Neuerkrankte hinzu. Wegen der demografischen Entwicklung werden diese Zahlen weiter zunehmen. Bis zum Jahr 2050 wird sich die Krankenzahl auf etwa 2,6 Millionen erhöhen, schätzt die Alzheimer Gesellschaft.

Schon jetzt hat wohl jeder Hausarzt mit Patienten zu tun, die leicht bis schwer demenzkrank sind. Und jeder weiß, wie enttäuschend und frustrierend die unbefriedigenden Gespräche mit diesen Patienten sein können und wie schwierig es ist, mit ihrer Aggressivität und dem Misstrauen umzugehen.

Dabei helfe es, sich immer wieder klar zu machen, in welcher Situation die Patienten sind, sagt Professor Wolfgang Maier von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Bonn, im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". "Das Entscheidende ist, die Situation zu verstehen, sich in die Perspektive des Patienten hineinzuversetzen, die Welt aus seiner Sicht zu sehen und seine Beschränkungen wahrzunehmen." Aussagen und Verhalten der Patienten dürfen "nicht wörtlich" genommen werden, sondern müssen immer auf die Situation bezogen werden.

Die Aggressivität von dementen Patienten zum Beispiel: "Sie sind nicht von Natur aus aggressiv. Sondern sie leiden unter einer Situation, der sie sich nicht anders erwehren können. Aggressivität ist dann das letzte Mittel, das ihnen zur Verfügung steht", so Maier, der Sprecher des Kompetenznetzes Demenzen e.V. ist. Aggression kann bedeuten, dass die Patienten Schmerzen haben oder dass Konflikte mit den pflegenden Angehörigen oder dem Pflegepersonal bestehen. "Konflikte können nicht mehr ausgetragen werden. Das nehmen die Patienten aber wahr, und das macht sie wütend."

Aggression kann auch bedeuten, dass der Patient etwas nicht versteht, dass er sich übergangen oder bevormundet fühlt. "Das Empfinden, entwürdigt zu werden, macht die Patienten aggressiv." Es gilt also, nicht auf die Aggressivität zu reagieren, sondern sie auf die Situation zu beziehen und versuchen zu verstehen, was dahinter stecken könnte.

Demenzkranke neigen dazu, sich beeinträchtig zu fühlen. Häufig sind sie deshalb misstrauisch, und oft haben sie Angst - vor scheinbar irrationalen Dingen, etwa, von ihren Angehörigen bestohlen zu werden. Diese Angst könne nicht kontrolliert werden, so der Psychiater. "Darauf muss man gefasst sein. Man darf sich nicht irritieren lassen, sondern sollte Verständnis zeigen."

Das Problem für Arzt und Patient ist, dass die gewohnte Kommunikationsfähigkeit mehr und mehr versagt. "Doch andere Kommunikationsmöglichkeiten bleiben erhalten, vor allem die Emotionalität." Die Patienten können Emotionen weiter wahrnehmen und entwickeln, genau wie Gesunde. Sie können Atmosphärisches sehr gut erspüren. Deshalb rät Maier zum Beispiel, mit Berührungen vorsichtig zu sein, wenn man den Patienten nicht gut kennt. "Berührung kann einen übergreifenden Charakter haben, das verstehen die Patienten durchaus."

Das Medium der Emotion werde mit fortschreitender Erkrankung zunehmend wichtig. Grundlage für die emotionale Kommunikation ist Vertrauen. Darum sollten behandelnde Ärzte werben - umso mehr, je weiter die Erkrankung fortgeschritten ist.

Hauptproblem für Hausärzte ist: Die Betreuung von Demenzkranken kostet viel Zeit. Und dafür gibt es kaum Geld. Dennoch, so Maier: "Man darf nicht auf die Uhr gucken." Natürlich sei das eine Wunschvorstellung, die in unserem Gesundheitssystem kaum zu realisieren sei. Aber es sei wichtig, "die Balance zwischen Möglichkeiten und Erfordernissen zu finden".

Schulungen zum Umgang mit Demenzkranken gibt es nur wenige. "Nirgendwo wird dieses drängende Problem richtig thematisiert", kritisiert der Bonner Psychiater. Das Kompetenznetz Demenzen entwickelt zurzeit eine Toolbox für Hausärzte, die basale Fertigkeiten vermitteln soll. Etwa: Wie kann man über Demenz sprechen? Wie teilt man die Diagnose Demenz mit?

Denn Studien haben ergeben, dass Hausärzte sich bei diesem Thema sehr unwohl fühlen. Diese Toolbox soll dann ins Internet gestellt werden.

http://www.kompetenznetz-demenzen.de/

Lesen Sie dazu auch:
Wie verstehe ich Demenzkranke besser?
Tipps fürs Gespräch mit Demenzkranken

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