Ärzte Zeitung online, 15.06.2015

Ärztliche Fehler

Patienten ziehen oft schon Diagnose in Zweifel

2252 Kunstfehler sind Ärzten im Jahr 2014 unterlaufen - bei knapp 720 Millionen Behandlungen kommen sie aber vergleichsweise selten vor. Wie die Bundesärztekammer berichtet, sehen Patienten immer häufiger schon ärztliche Fehler bei Anamnese und Diagnose.

Von Anno Fricke

Patienten ziehen oft schon Diagnose in Zweifel

BERLIN. Die Zahl der 2014 von den Ärztekammern festgestellten Behandlungsfehler ist im Vergleich zu 2013 gestiegen. Mit 2252 lag die Zahl ärztlicher Kunstfehler leicht über dem Wert von 2013, als 2243 Fehler bestätigt wurden.

In 1854 Fällen hätten die festgestellten Fehler die Patienten nachweislich geschädigt, berichtete die Geschäftsführerin der Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen der norddeutschen Ärztekammern, Kerstin Kols, am Montag in Berlin.

In 398 Fällen seien Fehler gefunden worden, die nicht mit der in frage gestellten Behandlung in Zusammenhang gebracht hätten werden können. In rund 90 Prozent der Verfahren akzeptierten beide Parteien die Streitschlichtung.

Insgesamt wurden 2014 bei den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Kammern 12.053 Anträge gestellt, wovon bislang 7751 bearbeitet worden sind.

Die Fehlerstatistik 2014 bestätigt 73 Todesfälle durch ärztliche Kunstfehler. Schwere bis mittlere Dauerschäden trugen 751 Patienten davon.

988 Menschen waren nach Behandlungen teils schwer, aber nur vorübergehend geschädigt. 42 Fälle wurden als Bagatellen eingeordnet.

Die meisten Kunstfehler in der Orthopädie

Niedergelassene Haus- und Fachärzte tragen für 27,2 Prozent der bestätigten Behandlungsfehler die Verantwortung. Die meisten Fehler finden sich bei Diagnose und Behandlung von bösartigen Neubildungen der Brustdrüse (34), gefolgt von Unterarmfrakturen (20), Rückenschmerzen, Kniegelenksarthrose, Unterschenkel- und Sprunggelenksfrakturen (je 12) und Neubildungen der Prostata (11).

Wie in den vergangenen Jahren auch bildeten ärztliche Fehlentscheidungen im Bereich der Orthopädie das Gros der bestätigten Fälle im Krankenhaus (72,8 Prozent).

Auffallend ist, dass viele Patienten sowohl bei niedergelassenen Ärzten (388 Fälle) als auch im Krankenhaus (532 Fälle) mögliche Fehler schon bei der Diagnose unterstellt und Anträge an die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen gerichtet haben. Hausärzte waren 2014 davon in 298 Fällen betroffen, niedergelassene Internisten in 183 Fällen.

Im Krankenhaus gerieten die Unfallchirurgen und Orthopäden mit 2059 Fällen am häufigsten ins Visier der Antragsteller. 179 Mal war die Geburtshilfe Grund zur Klage.

Fast 720 Millionen Behandlungsfälle

Der Vorsitzende der Ständigen Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der BÄK, Dr. Andreas Crusius, wollte bei der Vorstellung der Behandlungsfehlerstatistik die Zahlen relativiert wissen.

 So sei die Zahl der ambulanten Behandlungsfälle von 2004 bis 2013 um 157 Millionen auf fast 700 Millionen gestiegen. Im selben Zeitraum habe sich die Zahl der in Kliniken behandelten Fälle um 1,8 Millionen auf 18,6 Millionen Fälle erhöht.

"Die Zahl der festgestellten Fehler liegt im Vergleich zu der Gesamtzahl der ambulanten und stationären Behandlungsfälle im Promillebereich", sagte Crusius.

Kritischer hatten im Mai noch die Gutachter der Medizinischen Dienste der Krankenkassen das Fehlergeschehen beurteilt. Die Ärzte engagierten sich seit Jahren für eine verstärkte Fehlerprävention, so Dr. Walter Schaffartzik, Ärztlicher Leiter des Unfallkrankenhauses Berlin und Vorsitzender der Schlichtungsstelle der norddeutschen KVen.

Die Fehlerdaten würden für die Fortbildung ausgewertet. Eine wichtige Rolle für die Fehlerprävention spielten Peer Reviews.

[17.06.2015, 09:18:00]
Cordula Molz 
@ Dr. Bayerl
Eine letzte Bemerkung zum Thema noch:
Sie haben sehr Recht damit, dass viele Beschwerden mit den von Ihnen genannten Lebensstiländerungen äußerst positiv beeinflussbar sind und es ist segensreich, wenn ein Arzt das erkennt und entsprechend interveniert. Und nicht operiert, sondern dem Patienten auf den Weg hilft.
Es gibt aber auch folgenden Fall, und es ist kein Einzelfall: Rückenschmerzen unklarer Herkunft über Jahre, Orthopäde hat keine Idee. Röntgenbild zeigt nichts, also hat Patient nichts. Keine Therapie, keine Beratung über viele Jahre hinweg. Schmerzen bleiben. Wenn man lange genug wartet, geht alles kaputt - also: nach vielen Jahren des Nichtstuns von seiten verschiedener Ärzte zeigt jetzt das MRT erhebliche Schäden. Aha - jetzt sind alle zufrieden, außer dem Patienten, der permanente Schmerzen hat und Parästhesien und in seinem Leben erheblich eingeschränkt ist. Das alles trotz Eigeninitative, Sport, so gut es ging etc.
Es hat nicht alles Platz in dieser Kategorisierung "sichtbarer Schaden im Röntgenbild oder Psychosomatisches Problem". Es gibt auch Patienten, die Schaden nehmen, weil sie in früheren Stadien nicht ernst genommen werden, in denen Interventionen größeren Schaden vielleicht hätten verhindern können.
Bitte übersehen Sie nicht, dass sie Patienten möglicherweise mal Unrecht tun können, wenn sie für Beschwerden nur die o.g. beiden Ursachen in Betracht ziehen.
Das führt zum Artikelthema zurück: mit dem Wissen von heute würde o.g. Patient wesentlich mehr Engagement einfordern und den Ärzten nicht mehr alles glauben. Ist das dann überskeptisch? zum Beitrag »
[16.06.2015, 19:44:57]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Hallo, Frau @Dipl.-Psych. Angelika Filip, "Eigenverantwortung" ist doch out, die "Großen" machen das doch vor!
Kohl und Blüm haben das zum Schluss noch eingesehen und sowohl die 100%ige Lohnfortzahlung eingeschränkt, als auch das Rentenalter VERNÜNFTIGERWEISE heraufgesetzt, bei fehlendem Nachwuchs "demographischer Wandel" genannt, wogegen leider überhaupt nichts unternommen wurde und wird bis heute.
Auch das hat was mit "Verantwortung" zu tun.
Schröder hat das sofort wieder kassiert, denn krank feiern ist "sozialer Besitzstand" :-)
 zum Beitrag »
[16.06.2015, 19:13:47]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Interessante Antwort bei "Wirbelsäule"
Es ist KEIN Geheimnis, dass Patienten in aller Regel eine "Psychodiagnose" NICHT hören wollen und jede "organische" Diagnose bevorzugen, wofür sich ein Röntgenbild hervorragend eignet.
Dabei zeigt schon alleine die Haltung oder das Gangbild, wie einer "drauf" ist. Viele brauchen auch keinen Rollator, sie WOLLEN aber einen, achten Sie mal drauf. Ja, ich bin böse.
Also was machen?
Mir wurde von einem Neurologen nach wirklich schwerem Arbeitsunfall mit Rippenserienfraktur mal ein Patient zur Neurolyse (Operation) überwiesen, ein spezielles "Hobby" von mir.
Nun, ich kannte den "Schaden" aus einem anderen Bereich und wusste, dass er völlig harmlos war und eine Operation hier falsch war. "Psycho" durfte ich nicht sagen. Seine körperliche Konstitution war inzwischen hervorragend, sicher besser als meine (Tiefbauarbeiter, muskulös) er hielt sich allerdings selbst (nach dem Unfall) "für altes Eisen", nicht mehr zu gebrauchen, depressiv würde der Psychologe sagen.
Ich habe das nicht mit Medikamenten behandelt, sondern, da er schwimmen konnte, "funktionell":
er musste auf Rezept und mit BG-Kontrolle 300 Meter am Stück schwimmen und das systematisch steigern bis er auf 1000 Meter war. Da es ein BG-Unfall war und die mitmachte, hat er das durchgezogen, danach war Depression, Minderwertigkeitskomplex und der "Schmerz" ohne Op verschwunden.
Alle waren zufrieden, auch die BG, Heilung ohne Restschaden. zum Beitrag »
[16.06.2015, 13:57:36]
Cordula Molz 
Kritik als Hobby
gibt es sicherlich. Auch aus Unsicherheit und mangelndem Vertrauen. Möglicherweise wegen schlechter Erfahrungen? Ich vermute, dass kaum ein Arzt Zeit hat, solche Patienten zu überzeugen.
Rückenbeschwerden sind bei dem Thema sicherlich ganz oben auf der Liste der suboptimalen Behandlungen. Allerdings ist das Bild nicht schwarz oder weiß. Nicht jeder Schmerz, der im Bild keinen eindeutigen Verursacher zeigt, ist dann automatisch ein psychosomatischer. Ein Röntgenbild sagt halt oft nichts aus. In die Psychoschublade gesteckt zu werden ist ein weiterer Grund dafür, dass der Patient nicht die richtige Behandlung erfährt. Auch, weil viele Ärzte (da kann ich auch als selbst Betroffene mitreden) nur zwei Zustände kennen: Problem ist auf dem Röntgenbild sichtbar oder Patient hat ein psychosomatisches Thema, "hat also eigentlich nix". Und das stimmt so einfach nicht immer.
Als Patient hat man es dann schwer und trifft nur mit Glück einen Arzt bzw. Therapeuten, der mehr als diese beiden Kriterien kennt. zum Beitrag »
[16.06.2015, 10:24:42]
Dipl.-Psych. Angelika Filip 
und dies ist sicher nur die Spitze des Eisbergs
Ärzte wie auch Pfleger etc. sind heute derart eingespannt und überlastet, dass es ja ein Wunder wäre, wenn da keine Fehler passieren. wie in den obigen Kommentaren schon erwähnt, sollte es für jeden Arzt eine Erleichterung sein, wenn der Patient gut beobachtet, mitdenkt und -schaut. Das tut aber nur ein kleiner Teil, und ein Teil hiervon gehört vielleicht zu den notorischen Skeptikern. Besser wäre, jeder Patient würde mehr Eigenverantwortung zeigen und sich nicht unreflektiert den Behandelnden anvertrauen. Hauptursache ist systembedingt zu sehen: kein Arzt o.ä. kann sich genug Zeit und Ruhe nehmen. Das ist sehr traurig für die vielen, die sinnlos daran versterben. zum Beitrag »
[16.06.2015, 10:17:28]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
pardon "psychosomatisches" Organ.
[16.06.2015, 10:12:40]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
liebe Cordula Molz, ich kenne zwar persönlich einen solchen Fall nicht und bin selbst als Arzt Bandscheibenpatient,
aber ich kann ihnen versichern, dass ich sehr froh bin, wenn mein Patient mitdenkt und mir auch dabei mithilft die richtige Diagnose zu stellen. Wer z.B. seine eigenen Befunde z.B. Laborwerte oder Rö-Bild mitbringt hilft mir dabei sehr.
Was mir UND dem Patient nicht hilft, ist das Verschweigen wichtiger Daten der Vorgeschichte, manche wollen damit der Dr. testen, oder halt schlicht (erkennbares) Misstrauen. Dass ein Patient ängstlich ist oder auch "schlechter Laune" wegen seiner Erkrankung, ist dagegen für mich eher normale Begleiterscheinung.
Mit "Wirbelsäule" und "Bandscheibenbeschwerden" haben Sie ganz sicher ein sehr problematisches Thema angeschnitten.
Denn die Wirbelsäule ist auch ein "psycosomatischen" Organ par excellence. Psyche kann man nicht operieren und ein Röntgenbild ist (fast) immer nur ein "archeologisches" Dokument über die Vorgeschichte dieses Skelettanteils. zum Beitrag »
[16.06.2015, 09:33:14]
Cordula Molz 
Es soll schon vorgekommen sein..
Dass der Patient den Arzt drauf aufmerksam machen musste, dass der im Bild gefundene Bandscheibenvorfall (mit OP-Empfehlung) mitnichten mit den klinischen Beschwerden übereinstimmt.
Eine OP hätte a) dem Patienten finanziell und gesundheitlich geschadet b) seiner Krankenkasse. Glücklicherweise hatte der Patient medizinischen Sachverstand.
Unbestritten können Patienten mit Halbwissen anstrengend werden, aber etwas Selbstverantwortung und Mitdenken von Seiten der Patienten sollte dem Arzt nicht unwillkommen sein. Das hilft vielleicht hin und wieder auch dem Arzt.
Allwissend ist niemand. zum Beitrag »
[15.06.2015, 17:47:57]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Gegen überskeptische Patienten, meist mittleren Alters ist man schlicht machtlos.
Diese Menschen schaden sich selbst.
Kinder und gerade ältere Patienten sind wesentlich unkomplizierter.
Das hilft beiden Seiten. zum Beitrag »

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