Ärzte Zeitung, 23.12.2015

Gefährdungsbeurteilung

Oft fällt die Psyche hinten runter

Nur jede vierte Firma in Deutschland erfasst bei der Gefährdungsbeurteilung am Arbeitsplatz auch psychische Belastungen. Es mangelt an Sensibilität.

Von Matthias Wallenfels

Oft fällt die Psyche hinten runter

Zur Gefährdungsbeurteilung am Arbeitsplatz gehört auch, potenzielle psychische Gesundheitsgefahren zu identifizieren.

© VDBW

STUTTGART. Die Mehrheit der Unternehmen in Deutschland hat die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter noch nicht ausreichend im Blick. Nur ein Viertel legt bei der gesetzlich vorgeschrieben, regelmäßigen Gefährdungsbeurteilung besonderes Augenmerk auf psychische Belastungen.

Das ist ein Ergebnis des aktuellen Dekra Arbeitssicherheitsbarometers 2015/ 2016. Dabei stehen mit insgesamt 40 Millionen AU-Tagen psychische Erkrankungen nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) auf Platz zwei bei den Krankschreibungen in Deutschland .

Paragraf 5 Arbeitsschutzgesetz verpflichtet die Unternehmen, im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung am Arbeitsplatz auch die psychischen Belastungen zu erfassen.

800 Unternehmen befragt

Für das Arbeitssicherheitsbarometer hat die Dekra nach eigenen Angaben 800 Unternehmen nach den Entwicklungen im Arbeits- und Gesundheitsschutz befragt. Dabei habe sich gezeigt, dass die Themen des klassischen Arbeitsschutzes dominieren.

So sei für 80 Prozent der Befragten die Gestaltung der Arbeitsstätte besonders wichtig, für 65 Prozent der sichere Einsatz von Arbeitsmitteln, Maschinen und Geräten. Psychische Belastungen würden mit 25 Prozent hingegen nur von jedem vierten Betrieb als besonders wichtig bezeichnet.

"Psychische Belastungsfolgen sind in vielen Unternehmen ein Tabu", sagt Dr. Karin Müller, bei der Dekra Leiterin des Bereichs Mensch und Gesundheit. "Die Analyse der psychischen Gefährdungen bringt in der Praxis zuweilen unangenehme Wahrheiten zutage, die häufig Handlungsbedarf bei den Unternehmensführungen erzeugen.

Nötig ist deshalb eine professionelle Gestaltung gesunder Arbeits- und Führungsstrukturen", erläutert Müller. Auch dem häufigsten Grund für Fehltage, Muskel- und Skeletterkrankungen, könne bis zu einem gewissen Grad vorgebeugt werden, zum Beispiel durch gezielte Maßnahmen innerhalb eines funktionierenden Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM), wie sie ergänzt.

Es gibt anerkannte Methoden, mit denen Experten routinemäßig im Rahmen einer Betriebsbesichtigung die psychischen Gefährdungen erfassen können. Diese können laut Dekra etwa durch Über- oder Unterforderung entstehen, durch Arbeitsorganisation wie hoher Zeitdruck oder unregelmäßige Arbeitszeiten, soziale Bedingungen, ungünstiges Führungsverhalten oder Konflikte, Arbeitsplatzumgebung, beispielsweise Stress durch Lärm, Klima, räumliche Enge oder unzureichende Arbeitsmittel.

Führungskräfte in deutschen Unternehmen sind auch aus Sicht der Arbeitsmediziner noch nicht ausreichend sensibilisiert für das Gefährdungspotenzial, das psychische Erkrankungen von Mitarbeitern birgt, wie die Betriebsärztin und Vizepräsidentin des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW) Dr. Anette Wahl-Wachendorf im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung" erläuterte.

Depressionen oft zu spät erkannt

Nicht immer werde zum Beispiel eine Depression bei einem Mitarbeiter rechtzeitig erkannt, wie Wahl-Wachendorf anlässlich des Europäischen Depressionstages vom 1. Oktober verdeutlichte (wir berichteten). "Die frühzeitige Diagnose Depression und die sofortige Zuführung zur Behandlung sind essenziell", mahnte sie.

Das Dekra Arbeitssicherheitsbarometer deutet nach Unternehmenslesart nicht nur bei der Gefährdungsbeurteilung am Arbeitsplatz, sondern auch bei der Unfallverhütung auf kommunikative Defizite in den Betrieben hin.

"Viele Unternehmen ergreifen zwar pflichtgemäß Maßnahmen zur Unfallverhütung, glauben aber selbst nicht an deren Erfolg", beobachtet Michael Schröter, Dekra-Produktmanager für Arbeits- und Gesundheitsschutz.

So stellten 92 Prozent der befragten Firmen Betriebsanweisungen zur Verfügung, aber nur 63 Prozent hielten genau diese Maßnahme für wirksam. Ähnlich negativ sei das Verhältnis bei Maßnahmen zur Anlagensicherheit, zu Arbeitsschutzausrüstungen sowie Sicherheitsbegehungen und Schulungen.

Die Bedeutung der psychischen Gesundheit im Job hat auch die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) erkannt.

"Psychische Gesundheit ist eine unverzichtbare Grundlage, um im modernen Arbeitsleben zu bestehen und sich fachlich und persönlich entwickeln zu können", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von BDA und VDBW zur Bedeutung der psychischen Gesundheit im Betrieb.

[23.12.2015, 10:37:03]
Ulrich Welzel 
"Das Einzelschicksal interessiert mich nicht!"
Vielen Dank für den guten Beitrag.
Aus meiner Arbeit (Trauer am Arbeitsplatz) in Unternehmen kann ich die genannten Zahlen bestätigen.

In den letzten Monaten habe ich fünf Arbeitspsychologen zur Gefährdungsbeurteilung angesprochen. Der erste sagte sehr schnell: "Das Einzelschicksal interessiert mich bei der Gefährdungbeurteilung überhaupt nicht. Ich habe die Gesamtsituation einzuschätzen." Alle weiteren Anrufe endeten inhaltlich genauso.
Da darf sich kein Unternehmen über die hohe Zahl an AU-Tagen wundern.
Arbeitgebern (AG) scheint nicht klar zu sein, dass hier die Fürsorgepflicht des AG verletzt wird.
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