Ärzte Zeitung online, 07.06.2017

Gesundheitswirtschaft

Ökonomische Triebfeder mit Defiziten

Die Gesundheitswirtschaft als Ganzes boomt. Bei der Digitalisierung hinkt Deutschland jedoch hinterher. Das hat Auswirkungen auf die Startchancen junger Unternehmen mit digitalen Ideen.

Von Anno Fricke

BERLIN. Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) stellt Förderungen für die Gesundheitswirtschaft in Aussicht und fährt Attacken gegen eine ihrer Ansicht nach überbordende Regulierung. Digitale Innovationen im Gesundheitswesen hätten mehr Chancen verdient, sagte sie vergangene Woche in Berlin. Die Regulierung des Zugangs zur Erstattungsfähigkeit von Produkten und Dienstleistungen sei für Start-ups "ein echtes Problem" (wir berichteten). Zypries sprach vor jungen Entrepreneuren der Gesundheitswirtschaft, die sie zu einer "Start-up Night" ins Wirtschaftsministerium geladen hatte. "Die kommende Regierung wird sich das Thema auf die Fahne schreiben müssen", mahnte sie.

Bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) scheint das Thema bereits auf der Agenda zu stehen. "Wenn man sich das Tempo der Politik bei den Themen elektronische Gesundheitskarte oder elektronische Signatur ansieht, da haben wir sicher keinen Weltrekord aufgestellt", bemerkte sie zur Eröffnung der Cebit im März. Die Deutschen könnten von Japan lernen, neuen Technologien offen gegenüber zu stehen, zum Beispiel beim Einsatz von Robotern in der Pflege.

Die Gesundheitswirtschaft in Deutschland an und für sich brummt. 2016 verzeichnete die Branche der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten, der Krankenhäuser, der nichtärztlichen Gesundheitsberufe, der Pflege, der Pharma- und Medizinproduktehersteller eine Bruttowertschöpfung von gut 336 Milliarden Euro. Sie gibt den Gesamtwert der von der Branche hergestellten Waren und Dienstleistungen an, abzüglich der Vorleistungen, also der Kosten für Rohstoffe, Energie, Mieten und mehr. Das waren zwölf Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung in Deutschland. Im Jahr 2006 hatte die Bruttowertschöpfung der Branche bei knapp 234 Milliarden Euro gelegen, 10,8 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung. Sieben Millionen Menschen in Deutschland verdienten 2016 ihren Unterhalt in den Segmenten der Gesundheitsbranche. Zehn Jahre zuvor waren es noch eine Million weniger gewesen. Die Entwicklung der Digitalisierung im Gesundheitswesen hierzulande wirkt im Vergleich zu diesen Zahlen etwas anämisch. Ein E-Health-Gesetz war nötig, um die Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland zu beschleunigen. Der Erfolg: Mehr als 30 Jahre nach der ersten weltweit verschickten E-Mail dürfen niedergelassene Ärzte hierzulande ab 1. Juli Laboraufträge digital ausstellen und übermitteln. Ein bisschen Telesprechstunde ist auch schon möglich, wird aber nach Ansicht der Kassenärztlichen Vereinigungen nicht gut bezahlt. Eine digitale Infrastruktur für das System nimmt nach 15 Jahren Vorlaufzeit langsam Gestalt an.

Dennoch setzen auch Ärzte auf die Verheißungen, die sich im digitalen Zeitalter auftun. Der neue Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) Professor Dirk Müller-Wieland hat angekündigt, einen Schwerpunkt seiner Arbeit auf die Digitalisierung zu legen. Sie biete die Chance zur Gestaltung einer menschlicheren Medizin und könne die "sprechende Medizin" stärken, teilte er zu seinem Amtsantritt am 2. Juni mit. Um die Ambitionen zu unterstreichen hat die DDG eine "Task Force Digitalisierung" gegründet. Sie soll helfen, den Nutzen großer Datenmengen zu erläutern und Vertrauen in die technologischen Entwicklungen schaffen.Mit Big Data setzen sich auch die Onkologen auseinander. In diesem Fach lässt sich besonders anschaulich darstellen, wie der Fortschritt Therapien bezahlbarer machen kann. Zur Jahrtausendwende kostete die Sequenzierung eines menschlichen Genoms noch Millionen Dollar. Inzwischen liege der Preis bei 1500 Dollar, berichtete Professor Michael Hallek von der Universitätsklinik Köln.

"Gesundheit im Zusammenhang mit Digitalisierung liegt im Trend", sagt auch Brigitte Zypries (SPD). Sie selbst hat erst vor wenigen Tagen die für Innovationen zuständigen Entwicklungschefs bei Apple und bei Google getroffen. Beide hätten sich ihr als Ärzte vorgestellt. Im Silicon Valley setze man voll auf Gesundheit, berichtet Zypries. Apple mit einer Marktkapitalisierung von gut 716 Milliarden Euro und Googles Konzernmutter Alphabet mit 560 Milliarden gelten längst als größte Gesundheitsunternehmen der Welt.

Soweit sind die Start-ups, die sich im Wirtschaftsministerium vorgestellt haben, bei Weitem noch nicht. Das Potenzial, die Gesundheitswelt ein Stück weit besser zu machen, gibt es darunter aber schon. "HygNova Medical" aus Berlin stellte zum Beispiel eine intelligente Lösung vor, Ärzte und Pflegepersonal fortlaufend an die Notwendigkeit von Handdesinfektion zu erinnern. "Selfapy", ebenfalls aus Berlin, bietet eine unterstützte Online-Therapie unter anderem bei Depressionen, Angststörungen und Burn-out an, die sogar von den Kassen übernommen werden kann. "Implandata Ophthalmic Products" aus Hannover wollen mit einem biokompatiblen Mikrosensor zur telemetrischen Augeninnendruckmessung punkten, der den Kontakt zum Augenarzt halten kann.

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