Ärzte Zeitung online, 02.10.2013

Viele Alte in abgelegenen Regionen

Kanada setzt auf Telemedizin

Die Regierung von Kanada will mittels Healthcare-IT Kosten sparen.

Von Matthias Wallenfels

Kanada setzt auf Telemedizin

So schön ist Kanada.

© Ulrich Willenberg

TORONTO. Für deutsche E-Health-Anbieter kann sich ein Blick über den Atlantik lohnen. Denn Kanada bietet gute Exportaussichten für telemedizinische Anwendungen.

Davon geht zumindest die deutsche Außenhandelsagentur Germany Trade & Invest (gtai) aus.

Der Anteil der über 65-Jährigen soll sich demnach bis 2036 von derzeit 22 Prozent auf 40 Prozent nahezu verdoppeln.

Zudem wohnten viele Kanadier in abgelegenen Regionen und hätten nur beschränkten Zugang zu wichtigen Gesundheitseinrichtungen.

Die Regierung wolle daher den Anstieg der Gesundheitsausgaben verlangsamen. Im Fokus stünde dabei die Digitalisierung der Patienteninformationen. Hier habe Kanada nach Einschätzung der gtai erheblichen Nachholbedarf.

Mit Verweis auf das Canadian Institute for Health Information (CIHI) schätzt gtai, dass sich die Ausgaben 2012 auf 207 Milliarden kanadische Dollar (rund 162 Milliarden Euro) belaufen hätten.

Knapp 70 Prozent der Kosten würden dabei durch die öffentliche Hand - vor allem die 13 Provinzen und Territorien - finanziert.

Für weitere 15 Prozent kämen die Patienten direkt auf, für zwölf Prozent private Versicherer.

Umstellung auf elektronische Krankenakten könnte Kosten sparen

Der Beitrag der Zentralregierung zum Gesundheitssystem der Provinzen solle in den nächsten Jahren überproportional ansteigen.

Laut Gesundheitsministerium erhielten die Provinzen im laufenden Haushaltsjahr 2013/14 insgesamt 30 Milliarden kanadische Dollar aus dem Bundeshaushalt. Bis 2017/18 solle sich der Betrag auf 38 Milliarden kanadische Dollar erhöhen, so gtai mit Blick auf die Prognose des Ministeriums.

Um die steigenden Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen, setze Kanadas Regierung auch auf einen breiteren Einsatz der Telemedizin.

Laut einer Studie der Organisation Canada Health Infoway hätten allein durch die Umstellung auf elektronische Krankenakten seit 2006 Kosten in Höhe von 1,3 Milliarden kanadische Dollar eingespart werden können.

So hätten 2010 etwa 80 Millionen kanadische Dollar weniger für den Transport von Patienten ausgegeben werden müssen, da Diagnose- und Behandlungssitzungen mithilfe telemedizinischer Anwendungen hätte durchgeführt werden können, wie die Experten der gtai ausführen.

Angesichts der geografischen Ausdehnung Kanadas und der Tatsache, dass ein Teil der Bevölkerung in abgelegenen Gebieten lebe, könne die Telemedizin einen Beitrag zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung leisten, so die Einschätzung der Canada's Health Informatics Association.

Die Zahl der klinischen Telemedizinsitzungen sei in den vergangenen Jahren laut gtai kontinuierlich gestiegen - 2012 habe sie bei rund 290.000 - und damit um 55 Prozent höher als noch 2010 - gelegen.

Provinz Ontario hat die Nase beim Ausbau der Telemedizin vorne

Ontario steht laut gtai an der Speerspitze der telemedizinischen Anwendungen. So gäbe es dort etwa 2200 Kliniken, die über die technischen Voraussetzungen für telemedizinische Dienste verfügten.

In ganz Kanada seien mittlerweile 7300 medizinische Einrichtungen entsprechend ausgestattet - Tendenz steigend.

Die kanadische Regierung hoffe, durch eine stärkere Förderung der Telemedizin auch der heimischen Medizintechnik- sowie der Informations- und Kommunikationsbranche zusätzliche Wachstumsimpulse zu vermitteln.

Canada Health Infoway ist, so die deutsche Außenhandelsagentur, verantwortlich für Vergabe und Finanzierung der Vorhaben, bei denen Gesundheitsdienstleister, Kommunen sowie Vertreter der Medizintechnik- und IT-Branche gemeinsame Lösungen und Produkte entwickeln sollen.

In den vergangenen zehn Jahren seien rund zwei Milliarden kanadische Dollar an öffentlichen Geldern in entsprechende Schnittstellenprojekte - unter anderem in die Digitalisierung von Krankenakten, die Vernetzung von Gesundheitseinrichtungen und die Entwicklung von telemedizinischen Softwareapplikationen - geflossen.

Konjunkturprogramm soll Digitalisierung der Krankenakten pushen

Weitere 500 Millionen kanadische Dollar würden im Rahmen des erst kürzlich angelaufenen Konjunkturprogramms "Canada Action Plan" bereitgestellt worden. Damit solle vor allem die Digitalisierung der Krankenakten weiter vorangetrieben werden.

Derzeit lägen die Unterlagen von knapp 60 Prozent aller Patienten in elektronischer Form vor. Kanada hinke damit hinter anderen Industrieländern wie Australien und Großbritannien hinterher.

Dort seien mehr als 90 Prozent aller Krankenakten digitalisiert, wie gtai unter Berufung auf eine Studie von Pricewaterhouse Coopers hinweist.

Der Ausbau der Telemedizin biete auch ausländischen Anbietern von medizintechnischer Ausrüstung und IT-Lösungen für das Gesundheitswesen interessante Geschäftschancen auf dem kanadischen Markt.

Ein Großteil der Medizintechnik wird laut gtai importiert, 2012 seien es Gerätschaften im Wert von 5,2 Milliarden kanadische Dollar gewesen - rund neun Prozent mehr als im Jahr davor.

Die lokale Produktion habe in diesem Zeitraum lediglich um 1,5 Prozent auf drei Milliarden kanadische Dollar zugelegt.

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