Ärzte Zeitung, 24.10.2012

KBV kündigt an

IGeL-Ratgeber für Ärzte

Individuelle Gesundheitsleistungen sind in Verruf geraten, Ärzte werden als Abzocker dargestellt. Darauf reagiert jetzt die KBV: Chef Dr. Andreas Köhler hat einen IGeL-Ratgeber für Ärzte angekündigt.

Von Anno Fricke

BERLIN. Während die Opposition im Bundestag und Verbraucherschützer die Patienten vor einer vermeintlichen Abzocke durch die Ärzte schützen wollen, versuchen die Ärzte ihrerseits den Berufsstand vor Imageschäden zu schützen.

Die Fragen nach dem Sinn von Prostatakrebs-Vorsorge, Augeninnendruckmessungen oder Ostheopathie treiben Politiker, Fachleute und Patienten um. Die Debatte um die individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) trifft offenbar einen Nerv der Gesellschaft.

Im Bundestag haben die Abgeordneten in dieser Woche Fachleute zu den Selbstzahlerleistungen befragt.

Am Donnerstag (26. Oktober) stellen Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) und der Patientenbeauftragte der Bundesregierung Wolfgang Zöller (CSU) eine IGES-Studie zum Thema Patientenaufklärung bei IGeL vor.

Schon kommende Woche wird die KBV nachziehen und einen IGeL-Ratgeber für Ärzte veröffentlichen. Das hat KBV-Chef Dr. Andreas Köhler am Mittwoch in Berlin angekündigt.

Agressives Marketing kritisiert

"Wie die Selbstzahlerleistungen angeboten werden, sehe ich kritisch", sagte Köhler bei der Veranstaltung "KBV kontrovers" am Mittwoch in Berlin. Er warnte vor aggressivem Marketing in der Praxis.

Dazu bat Köhler um ein Ende der Scheinheiligkeit in der Debatte: "Ärzte sind nicht die Verursacher der Durchökonomisierung des Gesundheitswesens."

Viele Ärzte seien auf zusätzliche Einnahmen aus Selbstzahlerleistungen angewiesen. Nicht zuletzt investierten die Ärzte die Einnahmen aus Selbstzahlerleistungen in ihre Praxen und damit auch in das System der gesetzlichen Krankenversicherung.

Kassen sollten akzeptieren, dass es außerhalb des Leistungskataloges sinnvolle IGeL gebe, sagte Köhlerr und forderte zur Zusammenarbeit auf, um den Gegensatz "Kassenleistung sinnvoll - IGeL sinnlos" zu überwinden.

Kailuweit: Zahl von Selbstzahlerleistungen eindampfen

Kassen haben IGeL längst für sich entdeckt. Manche der ebenfalls in den Wettbewerb gezwungenen Kassen werben mit dem Versprechen, solche Leistungen zu bezahlen, um die Gunst der Versicherten.

Das geflügelte Wort vom "König Kunden" gelte im Gesundheitswesen aber nicht, sagte KKH-Allianz-Chef Ingo Kailuweit. "Der Patient ist nicht der Souverän in der Gesundheitswirtschaft."

Kailuweit forderte, den Katalog der derzeit mehr als 350 möglichen Selbstzahlerleistungen auf das, was sinnvoll sei, einzudampfen.

Vertrauen der Beitragszahler könnte auf der Strecke bleiben

Die zunehmende Deregulierung im Gesundheitswesen beklagte Dr. Wolfgang Wodarg vom Vorstand von Transparency International Deutschland.

Ärzte und Kassen dürften über die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitswesens ihren primären Auftrag nicht vergessen. Der handle vom Wohlergehen der Versicherten, vom effizienten Einsatz der Ressourcen und von freier und kritischer Forschung und Lehre.

Wenn Ärzte, Kliniken und Krankenkassen mehr als Marktteilnehmer denn als Versorger wahrgenommen würden, drohten sie das Vertrauen der Beitragszahler zu verspielen.

[25.10.2012, 20:27:03]
Hildegard Fuchs 
KBV und IGeL - eine verquere Verbindung
Vielleicht wäre es einmal grundsätzlich von Vorteil, darüber nachzudenken, was unter "IGeL" rechtlich zu verstehen ist? Es handelt sich um Leistungen auf Verlangen des Patienten (Wunschleistungen), die gebührenrechtlich nach § 1 der GOÄ zu berechnen sind. Das bedeutet, dass es sich um reine Privatleistungen handelt, deren Erbringung der Aufsicht durch die Ärztekammern unterliegt. Auf welcher Rechtsgrundlage sich die KBV zur Veröffentlichung des verhängnisvollen "IGeL-Kataloges" im Jahr 1998 berechtigt sah, ist nicht nachvollziehbar. Der ganze Schlamassel hat erst durch diese unsinnige KBV-Aktion begonnen! Aber anstatt rechtzeitig nachzubessern und die Ärzte auf die Einhaltung der Vorschriften der GOÄ bei der Erbringung von Wunschleistungen hinzuweisen, wurde der Wildwuchs negiert und erst auf dem Ärztetag in Magdeburg im Jahr 2006 gab es "IGeL-Richtlinien" durch die BÄK. Von denen ist auch bei den Ärzten an der Basis herzlich wenig angekommen. Und nun die neue Hiobsbotschaft: Die KBV will einen IGeL-Ratgeber herausbringen! Das ist der beste Witz des Tages! Seit wann fallen ärztliche Privatleistungen in die Zuständigkeit der KBV? Mein Rat: "Schuster bleib bei deinen Leisten" - damit nicht noch mehr Unheil angerichtet wird.
Hildegard Fuchs
GOÄ-Expertin
18513 Grammendorf zum Beitrag »
[25.10.2012, 16:25:28]
Dr. Eberhard Wochele 
Souverenität in der Gesundheitswirtschaft wer hat die wohl ?
Frau Bundeskanzlerin redet von Gesundheitswirtschaft.
Was meint sie denn damit?
Soll der Patient nur noch als Wertabschöpfungsobjekt gesehen werden ?
Nach Herrn Kailuweit darf der mündige Patient gar nicht so weit denken.
Und vor allen Dingen darf der Arzt so nicht denken !
Wer wird denn dann den Patienten abkassieren.
Ich glaube die Krankenkassen klingen danach.
Und der Heilpraktiker und Naturheiler. Das bezahlt ja schon der Patient freiwillig selbst.
Wie soll das nur weitergehen. Hilfe von der KV sehe ich da nicht.
Die KV kassiert ja selber ab, aber leider von meinem Honorar. zum Beitrag »
[25.10.2012, 08:43:51]
Dr. jens wasserberg 
Sind es oftmals nicht die Kassen, die Beitragsgelder für Unsinn verschleudern ?
Wo gibt es Untersuchungen, dass z.B. Homöopathie einen messbaren Nutzen jenseits der Suggestion hat ? Bezahlen nicht einige Kassen diese 'Therapieansatz ' ? Dass sich die KBV nun wieder konform zum Kassen-Politik-Block verhält, überrascht nicht.
Am Ende des Tages sind die Igelleistungen oftmals nur der hilflose Versuch, die nicht kostendeckende Echtmedizin zu subventionieren. Viele dieser Igelleistungen sind medizinisch ebenso unsinnig, wie es eine Flatratemedizin für 35,- € pro Quartal ist. Beides sind aber die Seiten derselben Medaille. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Werden europäische Männer immer unfruchtbarer?

Männern haben immer weniger Spermien. Direkte Rückschlüsse auf Fruchtbarkeit erlaubt das nicht – es könnte aber nur die Spitze eines Eisbergs gesundheitlicher Probleme sein. mehr »

Psychotherapie soll künftig Unifach werden

Ein einheitliches Berufsbild, Studium an der Uni. Die Psychotherapeutenausbildung steht vor umwälzenden Veränderungen. Kritiker vermissen beim Entwurf aber Konkretes zum Thema Weiterbildung. mehr »

Ist die menschliche Entwicklung am Ende?

Über Hunderttausende von Jahren ist der Mensch zu dem geworden, was er heute ist. Und nun? Ein Grimme-Preisträger fragt sich, ob Unsterblichkeit erstrebenswert ist und wohin uns die Evolution führen wird - oder kann der Mensch sie austricksen? mehr »