Ärzte Zeitung, 14.09.2016

Kinotipp 

Französischer Kinofilm erzählt vom Leben als Landarzt

Dieser französischer Film wird garantiert auch viele deutsche Ärzte in die Kinos locken: Der "Landarzt von Chaussy" zeigt das Ideal eines Hausarztes, das es so in Deutschland längst nicht mehr gibt: ohne Computer, ohne Arzthelferin und Abrechnungs-Kuddelmuddel - aber mit unendlich viel Zeit für die Patienten.

Von Julia Frisch

BERLIN. In Frankreich war der Film schon ein Erfolg. Auch hierzulande dürfte er etliche Zuschauer bekommen, allein schon weil François Cluzet den Landarzt spielt - der Star aus dem Kassenschlager "Ziemlich beste Freunde".

Er verkörpert Dr. Jean-Pierre Werner, der seit über 30 Jahren im Nordwesten Frankreichs eine Praxis betreibt. Vor zehn Jahren waren in seinem Kreis noch zehn Ärzte niedergelassen, nun ist er der einzige Doktor weit und breit. Tag und Nacht steht er seinen Patienten zur Verfügung, fährt für die Hausbesuche weite Strecken übers Land.

Als Dr. Werner, der sich selbst für unersetzbar hält, an einem Tumor erkrankt, ist er gezwungen, eine Vertretung einzustellen.

Die Klinikärztin Dr. Nathalie Delezia (dargestellt von Marianne Denicourt), die aus dem Praktischen Jahr kommt und festgestellt hat, dass das Krankenhaus "nicht mein Ding" ist , hält Werner anfangs nicht für geeignet, die Rolle des Landarztes richtig auszufüllen. Schließlich: "Landarzt lernt man nicht auf der Schulbank."

Bei den Patienten lässt Werner seine Kollegin anfangs mit voller Absicht auflaufen. Die Geschichte jedoch geht (ziemlich vorhersehbar) gut aus: Dr. Delezia kämpft sich durch, gewinnt Dr. Werners Anerkennung - und dessen Tumor lässt sich so weit zurückdrängen, dass der weiteren Landarztarbeit kein Hindernis im Wege steht.

Ein idealisiertes Bild

Nüchtern betrachtet zeichnet der Film ein idealisiertes Bild eines Landarztes: Ohne EDV, ohne Arzthelferin, ohne Ultraschall, dafür aber mit einem Röntgenapparat und eigenem Fotolabor ausgestattet, nimmt sich Dr. Werner nicht nur der medizinischen, sondern auch sonstigen Nöte seiner Patienten an.

Er erteilt Ratschläge fürs Leben, hilft bei der Aufstockung der Sozialhilfe und überlegt zusammen mit dem Bürgermeister, ob mit einem Gesundheitszentrum dem Arztmangel im Kreis beizukommen ist.

So wie bei der ZDF-Serie "Der Landarzt" wird kein Klischee ausgelassen. Der "Landarzt von Chaussy" legt die Finger aber auch in die Wunden des Hausarztdaseins - egal ob in Frankreich oder Deutschland: "Der Job hier heißt Tag- und Nachtdienst", warnt Dr. Werner seine Kollegin.

Und: "Das Geheimnis ist, die Patienten aussprechen zu lassen!" Und nicht, wie Statistiken zeigen, nach 22 Sekunden schon zu unterbrechen.

Applaus und Bravo-Rufe

Wie weit die Darstellung des Landarztlebens der französischen Wirklichkeit entspricht, sei dahin gestellt. Das Ziel von Regisseur Thomas Lilti, der selbst als Arzt praktizierte, war nach eigenen Angaben, sich mit dem Film vor dem Berufsstand des Landarztes "zu verneigen", einer "Spezies, die vom Aussterben bedroht ist".

Bei den Ärzten, die bei einer Sondervorstellung in Berlin dabei waren, kommt diese Geste an. Sie spenden dem Film Applaus und Bravo-Rufe.

"Der Film gibt ein ideales Bild wider, wie unser Beruf sein sollte", lobte bei dem anschließenden Fachgespräch Dr. Rudolf Henke, Vorsitzender des Marburger Bundes. Fraglich sei jedoch, ob die Arbeit des Dr. Jean-Pierre Werner den Vorstellungen entspreche, "die wir alle, nicht nur die Ärzte, davon haben, wie wir unseren Beruf ausüben wollen".

Nicole Holzer, Assistenzärztin aus Rudolstadt am Bodensee und angehende Hausärztin, erzählte, wie sie sich ihr Berufsleben vorstellt: Mit zwei oder drei Kollegen, auf keinen Fall allein, in einer Praxis arbeiten, damit man sich die Arbeit und Dienste aufteilen kann.

Und in der Stadt wohnen und zur Arbeit aufs Land fahren, das sei durchaus denkbar.

Um eins beneidet nicht nur Nicole Holzer den Landarzt von Chaussy: um die unendliche Zeit, die er sich für seine Patienten nehmen kann. Sie habe an ihrem Arbeitsplatz einen Zettel mit der Aufschrift kleben: "Lass den Patienten ausreden, nimm dir Zeit!"

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