Ärzte Zeitung, 04.02.2009

Kliniken gehen in die Ausbildungsoffensive

Unfallkrankenhaus Berlin sucht Partneruniversität in Europa / "Paradigmenwechsel" in der Lehre gefordert

BERLIN (hom). Private medizinische Hochschulen spielen in Deutschland bislang kaum eine Rolle. Dabei haben einige Kliniken schon fertige Pläne für eigene Ausbildungsstätten in der Tasche - so auch das Unfallkrankenhaus Berlin (ukb). Die nationalen Akkreditierungshürden aber sind hoch. Die Berliner gehen deshalb den "euorpäischen Weg".

Professor Franz-Xaver Kleber, Direktor der Klinik für Innere Medizin am Unfallkrankenhaus Berlin (ukb), ist ein Kämpfertyp - auch wenn man das dem kleinen, kantigen Mann auf den ersten Blick nicht ansieht. Wenn er spricht, dann meist mit gedämpfter Stimme. Die hebt sich deutlich, wenn es um ein Lieblingsthema des 55-jährigen Kardiologen geht: die Gründung einer privaten medizinischen Hochschule in Berlin.

Der Haken an der Sache: Der für die Akkreditierung von Hochschulen zuständige Wissenschaftsrat versagt den Plänen der Berliner beharrlich die Zustimmung. Erst im vergangenen Jahr war ein Antrag des ukb abgelehnt worden (wir berichteten).

Kleber hält trotzdem an seinem Plan fest. "Wir wollten den nationalen Weg einer eigenständigen privaten Medizinhochschule gehen. Da das in Deutschland offensichtlich nicht möglich ist, gehen wir jetzt den europäischen Weg", kündigt er gegenüber der "Ärzte Zeitung" an. Soll heißen: Das ukb sucht in Europa eine Partneruniversität, mit der medizinische Lehre umgesetzt werden soll.

Exakt für diesen Weg haben sich zuvor schon andere Kliniken entschieden: Das Klinikum Chemnitz etwa arbeitet in der Medizinerausbildung seit geraumer Zeit eng mit der Karls-Universität in Prag zusammen. In der "Euroregio Maas-Rhein" ist das Universitätsklinikum Aachen eine Kooperation mit den Universitätskliniken Maastricht und Lüttich eingegangen. Und in Hamburg hat Deutschlands größte private Klinikkette Asklepios im September vergangenen Jahres eine eigene "Medical School" eröffnet. Als Partner holte man sich die renommierte Semmelweis Universität Budapest ins Boot.

Private Initiativen könnten der Ausbildung der Ärzte neue Impulse geben.

"Die Medical School in Hamburg ist von den Ungarn als Zweitniederlassung gegründet worden, das Akkreditierungsverfahren fand komplett dort statt", erklärt Geschäftsführer Dr. Jörg Weidenhammer. Das europäische Recht lasse diese Konstruktion zu. Für die Studenten bedeutet das: Die ersten zwei Jahre studieren sie in Budapest und absolvieren danach dort ihr Physikum - in deutscher Sprache. Danach setzen die angehenden Ärzte ihr Studium am "Campus Hamburg der Semmelweis Universität in der Asklepios Medical School" fort. Die Semestergebühr in Budapest beträgt 5400 Euro, die in Hamburg 7200 Euro. Falls gewünscht, vermittelt Asklepios Kontakte zu Banken, die günstige Bildungsdarlehen anbieten.

Zwei Millionen Euro hat der Klinikkonzern in sein Bildungsprojekt gesteckt. "Gut angelegtes Geld", findet Weidenhammer. Mit der akademischen Ausbildung junger Mediziner betreibe die private Klinikkette "Nachwuchsförderung und Personalgewinnung in eigener Sache."

Dass innovative Medizinlehre nötig ist, um mehr junge Menschen in den Arztberuf zu holen, steht auch für den Berliner Kleber außer Frage: "Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Ausbildung von Ärzten." Die häufigsten und die gefährlichsten Krankheiten müssten von jedem Mediziner erkannt und versorgt werden können. "Sie erkennen solche Krankheiten aber nur, wenn sie nicht bloß theoretisch abgehandelt werden, sondern wenn sie innere Bilder in den Köpfen der angehenden Ärzte erzeugen. Das aber passiert bislang viel zu wenig." Private Initiativen könnten der Medizinausbildung "neue Impulse" geben, so Kleber.

"Man muss über neue Curricula in der Medizin nachdenken. Da wäre es nicht schlecht, private Konzepte mit einzubeziehen", bestätigt Professor Joachim-Felix Leonhard, Präsident der 2006 ins Leben gegründeten Behring-Röntgen-Stiftung in Marburg. Hervorgegangen ist die Stiftung, die sich für Exzellenzförderung in Forschung und Lehre der Medizin engagiert und über ein Stammkapital von 100 Millionen Euro verfügt, aus der Fusion der Universitätskliniken Gie-ßen/Marburg im Jahr 2005 und der anschließenden Privatisierung. Bis zu 15 000 neue Ärzte, schätzt Leonard, müssten in Deutschland demnächst ausgebildet werden, um die Patientenversorgung weiterhin auf hohem Niveau erbringen zu können.

Nachwuchssorgen

Viele Krankenhausbetreiber in Deutschland sorgen sich inzwischen um ihren ärztlichen Nachwuchs - und setzen daher auf eigene Hochschulen. Der Heidelberger Bildungs- und Klinikkonzern SRH eröffnete im Herbst 2007 in Gera die erste private Fachhochschule für Gesundheit in Deutschland. SRH zielt mit seinem Angebot vor allem auf Angehörige nichtärztlicher Pflegeberufe. "Damit diese die Mediziner entlasten können, brauchten sie eine erweiterte Ausbildung", so SRH-Vorstandsvorsitzender Professor Klaus Hekking. Der Münchner Klinikkonzern Sana betreibt zusammen mit der Steinbeis-Hochschule Berlin einen Studiengang für die Ausbildung zum "Physician Assistant" (PA). Das Studium zielt darauf ab, zwischen Arzt und Pflege ein weiteres Berufsfeld, das des ärztlichen Assistenten, zu etablieren. (hom)

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