Ärzte Zeitung online, 30.06.2012

Rhön-Übernahme geplatzt

Ein Mega-Deal ist gescheitert: Fresenius verfehlt sein Übernahme-Ziel für Rhön, wenn auch nur knapp. Lockerlassen will der Bad Homburger Konzern aber nicht - und sucht nach anderen Übernahmekandidaten.

Von Christoph Winnat

Rhön-Übernahme geplatzt

Im Schatten: Fresenius scheitert mit der Rhön-Übernahme.

© Frank Rumpenhorst / dpa

BAD HOMBURG. "Übernahmekrimi", "Zitterpartie", "Nervenkrieg". So und ähnlich lauteten die Schlagzeilen, mit denen die Fresenius-Offerte zur Übernahme der börsennotierten Rhön-Kliniken öffentlich begleitet wurde. Seit Freitagabend ist klar: Das Vorhaben ist knapp gescheitert.

Bis Mittwoch dieser Woche, 24 Uhr hätten Fresenius 90 Prozent plus eine Aktie angedient werden müssen.

Das hatte der Bad Homburger Gesundheitskonzern mit seinem Angebot Ende April zur Bedingung gemacht, um entsprechend der Rhön-Satzung das unumschränkte Sagen bei der Klinikkette zu erlangen.

22,50 Euro pro Titel war Fresenius bereit zu zahlen, 52 Prozent über der Rhön-Notierung am 25. April dieses Jahres und 53 Prozent über dem Durchschnittskurs der vorangegangenen drei Monate. Damit hätte der Kauf rund drei Milliarden Euro gekostet.

Mindestabnahmequote verfehlt

Als jedoch in buchstäblich letzter Minute der familiengeführte Klinikbetreiber Asklepios dazwischengefunkte, rechneten viele Branchenbeobachter nicht mehr damit, dass aus dem Merger noch etwas werden könnte.

Die Nummer zwei im bundesdeutschen Krankenhausgeschäft hinter der Fresenius-Sparte Helios teilte wenige Stunden vor Ablauf der Annahmefrist überraschend mit, 5,01 Prozent der Rhön-Stimmen zu halten.

Ob damit die Hochzeit der Konkurrenten zu vereiteln oder - wie Rhön-Gründer Münch vermutete - nur eine schnelle Gewinnmitnahme beabsichtigt war, bleibt offen. Am Ende reichte es ohnehin nicht.

84,3 Prozent der Rhön-Aktien wurden Fresenius angedient und damit die Mindestannahmequote knapp verfehlt.

Sowohl Anlegerschützer als auch Rhön-Gründer und Großaktionär Eugen Münch hatten sich für die Fusion mit Helios ausgesprochen.

Mitte Juni nahmen er und seine Frau das Fresenius-Angebot für sämtliche ihrer Rhön-Anteile (12,45 Prozent) an. Kurz darauf meldete Fresenius den Zusammenschluss beim Kartellamt an.

Wäre er gelungen, hätte sich unter dem Konzerndach der Fresenius SE der bundesweit größte Klinikbetreiber formiert.

Neue Übernahmeziele

Helios hat derzeit 75 Krankenhäuser und 31 Medizinische Versorgungszentren, die Rhön-Gruppe 53 Kliniken und 39 MVZ. Zusammen wären beide auf rund 36.000 Betten gekommen und 5,5 Milliarden Euro Jahresumsatz.

Den Kaufpreis aufzustocken, hatte Fresenius wiederholt abgelehnt. Vorstandschef Dr. Ulf Schneider muss sich nun nach neuen Übernahmezielen umsehen.

Er bekräftigte jetzt seine schon früher geäußerte Absicht, den Umsatz des Klinikgeschäftes mittels organischen Wachstums und Zukäufen bis 2015 auf vier Milliarden-Euro hochtreiben zu wollen. 2011 hatte Helios 2,7 Milliarden Euro erlöst.

Gelegenheiten zu Neuerwerbungen bieten nicht zuletzt weitere Privatisierungen. Allein dieses Jahr dürften kommunale Häuser mit einem Gesamtumsatz von rund 400 Millionen Euro in private Hände übergehen, erwartet Schneider.

Die Zahl verdeutlicht aber auch, dass Fresenius nach dem geplatzten Rhön-Deal sein Expansionstempo um einen Gang zurückschalten muss.

Warnung von den kommunalen Kliniken

Die kommunalen Krankenhäuser sehen sich derweil durch das Scheitern der Übernahme in ihrer Kritik an privaten Investoren bestätigt.

Die Entwicklung zeige die Gefahr einer Abhängigkeit des Krankenhauswesens von taktischen und strategischen Winkelzügen privater Anleger, sagte der Vorsitzende des Interessenverbands kommunaler Krankenhäuser (IVKK), Bernhard Ziegler, dem "Tagesspiegel".

Ziegler: "Wenn die Versorgung der Bevölkerung mit stationären Leistungen davon abhängt, welcher Investor sich in welcher Konstellation die größeren Vorteile verspricht, steht es schlecht um unser Gesundheitswesen."

Er forderte die Politik auf, klare gesetzliche Vorgaben für die Verwendung von Gewinnen aus dem Betrieb von Krankenhäusern auf den Weg zu bringen, um diese gegen Spekulationsrisiken abzusichern.

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