Ärzte Zeitung, 13.10.2016

Deutsch-Dänisches Teamplay

Vorzeigeprojekt vor dem Aus

Grenzüberschreitende Kooperation im Gesundheitswesen wird zwischen Dänemark und Deutschland seit Jahrzehnten praktiziert – nun erhält sie einen Dämpfer. Dänische Tumorpatienten sollen sich ab kommendem Jahr nur noch im Heimatland behandelt lassen.

Von Dirk Schnack

FLENSBURG. Fast eine halbe Million Deutsche und 250.000 Dänen wohnen in der Grenzregion der Nachbarstaaten. Sie gehen in beiden Staaten einkaufen, essen, nutzen Freizeitangebote und manchmal auch Gesundheitseinrichtungen im Nachbarland.

Für Klinikmitarbeiter im Flensburger Malteser St. Franziskus Hospital etwa ist es tägliche Routine: Sie unterhalten sich mit dänischen Patienten in deren Heimatsprache und behandeln sie nach dänischen Leitlinien. Nach der Strahlentherapie erhalten sie Rückmeldungen von dänischen Ärzten über die Krankheitsverläufe.

Von der seit 2002 praktizierten Kooperation profitieren alle Seiten: Das Malteser investierte auch dank der Einnahmen aus Dänemark in neue Technik. Es konnte Kapazitäten schaffen, die der wachsenden Anzahl deutscher Patienten kürzere Wartezeiten bescherte und die dänischen Patienten aus dem Grenzgebiet genossen die kurzen Wege.

Die Zusammenarbeit klappte aus Sicht des früheren Gesundheitsministers Dr. Philipp Rösler so gut, dass er die Kooperation einst als Vorbild für andere Regionen empfahl.

Kaum Verhandlungsspielraum

Nun droht dem Vorzeigeprojekt das Aus. Denn die Region Syddanmark hat den Kooperationsvertrag gekündigt. Die dänischen Patienten müssen sich künftig in den heimischen Krankenhäusern in Odense oder Vejle behandeln lassen, wo die Kapazitäten nicht ausgelastet sind.

Da dort ohnehin Vorhaltekosten anfallen, ist die Behandlung in diesen Häusern für das dänische Gesundheitswesen günstiger. Auch ein nachgebessertes Angebot des Flensburger Krankenhauses schlugen die Dänen aus. Bislang zahlt der Nachbarstaat für die Behandlung seiner Patienten in Flensburg einen Preis, der auch Kapitaldienst und Kosten für Gebäude und Technik einkalkuliert. Unter dem Strich flossen dem Malteser Hospital so jährlich rund 850.000 Euro aus Dänemark zu.

Das neue Flensburger Angebot sah vor, die Behandlungskosten auf das Niveau deutscher GKV-Patienten abzusenken – die Dänen schlugen dennoch aus. Mehr Verhandlungsspielraum sieht Klaus Deitmaring, Geschäftsführer des St. Franziskus, nicht. "Wir können nicht die Behandlung dänischer Patienten subventionieren" sagte er im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

Auf den Klinikchef kommt nun die Herausforderung zu, den Umsatzausfall zu kompensieren. Entlassungen schliesst Deitmaring aus. "Strahlentherapeuten werden europaweit gesucht. Und in Deutschland steigt die Zahl der Strahlenpatienten." Zuletzt waren es insgesamt 1450 Strahlenpatienten jährlich in Flensburg, bei tendenziell zunehmendem Anteil der deutschen Patienten.

Die Kapazitäten in Flensburg könnten damnach mittelfristig auch ohne die Patienten aus dem Nachbarland ausgelastet sein. Und auch die Einsparungen wird das Haus irgendwie hinbekommen, glaubt Deitmaring. Seine Klinik ist profitabel, hat im vergangenen Jahr ein Plus erwirtschaftet. Auch 2016 und 2017 rechnet Deitmaring mit einem positiven Ergebnis.

Fremde Leitlinien: ein Plus im Job

Aber: Das Personal kam auch in die deutsche Grenzstadt, weil die Arbeit mit ausländischen Patienten nach anderen Leitlinien interessant ist und von den meisten als Gewinn betrachtet wird. Dieser Vorteil fällt künftig weg. Zudem verschiebt sich die Positionierung des Hauses im Wettbewerb: Mit ausländischen Patienten liegt Flensburg zentral im Ostseeraum, ohne sie am äußersten Rand Deutschlands, ohne nördliches Einzugsgebiet.

Die Kündigung der Dänen ist aber nicht nur durch die erhofften Einsparungen begründet. Denn der von den Deutschen so gepriesene Kooperationsvertrag war stets nur eine Einbahnstraße. Deutsche Patienten nutzten die Möglichkeit der Behandlung in Dänemark nicht. Dabei gäbe es durchaus sinnvolle Möglichkeiten.

Etwa wenn im kommenden Jahr das Partikeltherapiezentrum in Aarhus eröffnet wird. Norddeutsche müssen für den Weg ins nächste Partikeltherapiezentrum bis nach Marburg, Heidelberg oder München reisen und damit deutlich weitere Wege als nach Aarhus in Kauf nehmen, das nur 185 Kilometer von Flensburg entfernt liegt. Das Flensburger Krankenhaus versucht bislang jedoch vergeblich, gesetzliche Kassen zu einer Kostenübernahme der Behandlung in Aarhus zu bewegen.

Deitmaring hat damit die eigenen Möglichkeiten ausgeschöpft – hilfesuchend wendete er sich jetzt an die Politik, um die Kooperation nicht beenden zu müssen. Deitmaring: "Viele 1000 Menschen haben von der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit profitiert. Die Fortführung liegt in den Händen der Politiker."

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Mehr Metastasen

Immer mehr Männer mit Prostatakrebs in den USA haben schon bei der Diagnose Metastasen. Ihr Anteil hat sich fast verdoppelt. Auch die Inzidenz solcher Tumoren nimmt zu. mehr »

Deutsches Defizit

Diabetes-Prävention, Strategien gegen Polypharmazie, digitale Versorgungsangebote: Neue Initiativen gibt es zuhauf. Doch Patienten müssen davon wissen. Genauo daran hapert es aber. mehr »

"Einfache Ersttherapie ist für fast alle Patienten möglich"

Die antiretrovirale Therapie ist bei neu diagnostizierter HIV-Infektion stets angezeigt, und zwar unabhängig vom Stadium der Infektion oder der Helferzellzahl. mehr »