Ärzte Zeitung, 05.12.2008

72-jähriger Arzt wagt Neustart nach Betrug durch Nachfolgerin

Er hat eine Flucht aus dem Ostblock, einen gesetzlich erzwungenen Abschied aus seiner Praxis und einen aufreibenden Prozess mit seiner Nachfolgerin hinter sich. Jetzt ist Dr. August Palatsik 72 Jahre alt - und öffnet seine Praxis wieder.

Von Dirk Schnack

Dr. August Palatsik eröffnet seine Praxis mit 72 Jahren neu.

Foto: di

Das Schild ist schon angebracht: Dr. August Palatsik steht in den Startlöchern, um seine Arztpraxis wieder eröffnen zu können. Noch ungeduldiger als der 72jährige sind einige Patienten in Lägerdorf. Denn in dem Ort bei Itzehoe praktiziert derzeit nur ein Hausarzt - und das bedeutet viel Arbeit bei rund 3000 Einwohnern.

Fast jeder hier kennt die wechselvolle Geschichte der Palatsik-Praxis, viele warten sehnsüchtig, dass der gebürtige Ungar seine Tätigkeit wieder aufnehmen kann. Palatsik war aus politischen Gründen aus seinem Heimatland geflohen. Seine Frau hatte er im Kofferraum versteckt, als er 1966 in den Westen kam.

2004 erreichte der Arzt die Altersgrenze von 68 Jahren

Nach einigen Jahren in Bayern kam er in den Norden, wo er zunächst als angestellter Arzt in einer Klinik in Malente arbeitete und sich zugleich nach freien Hausarztstellen erkundigte. Obwohl damals schon drei Hausärzte in Lägerdorf praktizierten, umwarb der damalige Bürgermeister Palatsik und überzeugte ihn von einer Niederlassung im Kreis Steinburg. Seine Praxis wurde gut angenommen, zugleich hörten seine Kollegen um ihn herum nach und nach auf. 2004 war Palatsik der einzige Arzt in Lägerdorf. Im Dezember des gleichen Jahres wurde er 68 Jahre alt und damit zum Aufhören gezwungen.

"Ich war empört, schließlich hat meine ärztliche Leistung nicht nachgelassen. Ich hatte auf eine Ausnahmeregelung gehofft", erinnert sich Palatsik. Vergebens - seine Kassenarzttätigkeit war zum Jahresende 2004 beendet. Weil die Praxis mit einem Jahresumsatz von über 300 000 Euro lukrativ war, konnte Palatsik zwischen den Interessenten auswählen. Er entschied sich für eine Kollegin aus Nordrhein-Westfalen. Über den Kaufpreis von 70 000 Euro wurden sie sich schnell einig. Vereinbart wurde außerdem, dass die Nachfolgerin für die Immobilie Miete zahlt.

Die Frau öffnete die Praxis im Oktober 2005. Bei Nachfragen wegen der ausbleibenden Bezahlung der Praxis vertröstete sie ihren Vorgänger - angeblich sei ihre Praxis im Westen noch nicht verkauft. Auch mit der Miete geriet sie von Beginn an in Rückstand. Bis auf sporadische Überweisungen weniger Kaltmieten floss kein Geld. Ähnliche Erfahrungen mit der Zahlungsmoral der Ärztin machten Dienstleister aus dem Ort.

"Ihr Verhalten war unzumutbar", sagt Palatsik über seine Nachfolgerin. Die flüchtete nicht nur vor Gläubigern durch die Hintertür, sondern schwärzte auch angeheuerte Schwarzarbeiter bei der Innung an. Besonders peinlich aber war Palatsik, dass die Nachfolgerin auch Praxisangestellten das Gehalt nicht pünktlich zahlte und die Patienten schlecht behandelte. Mehrere Stunden Wartezeit waren an der Tagesordnung.

Nach kurzer Zeit hatte es Palatsiks Nachfolgerin geschafft, den einst umfangreichen Patientenstamm auf wenige Hartgesottene zu reduzieren. Im Sommer 2007 schließlich verließ sie den Ort. Palatsik hatte vom vereinbarten Kaufpreis für seine Praxis nur 5000 Euro bekommen. Seine Praxis war ausgeräumt, fast 5000 Karteikarten fehlten. Palatsik hat inzwischen von einem Gericht bestätigt bekommen, dass er einen Anspruch auf die noch ausstehende Summe des Kaufpreises hat..

Die 54-jährige Kollegin ist wegen schweren Betruges und versuchten Betruges in Lägerdorf zu einer Gesamtstrafe von elf Monaten Freiheitsstrafe zur Bewährung verurteilt worden.

Derzeit fungiert die Praxis als Filiale eines Kollegen

Vorher hatte die Ärztin bereits versucht, in einer weiteren Praxis Fuß zu fassen. Wegen der versuchten Übernahme in der Nähe von Kiel wird sie sich ebenfalls wegen versuchten Betruges verantworten müssen. Erfolgreich konnte sie in Lägerdorf auch deshalb sein, weil die ersten Abschlagszahlungen der KV noch auf den Erfahrungswerten aus der Vorgängerpraxis beruhten. Sie kassierte also zwei Quartale, bevor klar wurde, dass sie nicht annähernd die gleiche Leistung wie ihr Vorgänger erbrachte.

Palatsik hat nach dem Verschwinden seiner Vorgängerin daran gearbeitet, die hausärztliche Versorgung in Lägerdorf nicht allein auf den Schultern des einzig verbliebenen Arztes vor Ort ruhen zu lassen. Palatsiks alte Praxis wurde zu einer Zweigpraxis eines Itzehoer Kollegen. Sobald das Gesetz es zulässt, wird Palatsik jedoch seine eigene Praxistätigkeit in Lägerdorf wieder aufnehmen.

Berufsrecht: Folgen für Betrüger

Die wegen Betruges verurteilte Ärztin muss auch mit berufsrechtlichen Folgen rechnen. Berufsorganisationen wie die Ärztekammer werden regelmäßig von der Staatsanwaltschaft informiert, wenn es zu einer Anklage gegen ein Mitglied ihrer Organisation kommt. Die Kammer prüft nach Beendigung der Strafsache, ob es einen "berufsrechtlichen Überhang" gibt. Diese Verfahren sind nicht öffentlich. Wie die Überprüfung für die Ärztin ausfällt, ist noch offen. (di)

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