Ärzte Zeitung, 09.09.2008

Selbstherrliche Arroganz oder Menschenliebe?

Hausarzt wegen versuchten Mordes an Patientin angeklagt / Staatsanwalt fordert vier Jahre Haft

MANNHEIM (uw). Weil er die Behandlung einer 82-Jährigen eingestellt und hinterher die Patientenverfügung gefälscht hat, drohen einem Arzt nach dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft vier Jahre Haft.

Als Hausarzt wollte er angeblich seiner schwer kranken Patientin einen "gnädigen Tod" ermöglichen. Gestern forderte Oberstaatsanwalt Hanns Larcher vor dem Mannheimer Landgericht vier Jahre Haft für den Angeklagten. "In selbstherrlicher Arroganz" habe der Mediziner bestimmt: "Die Frau hat zu sterben." Der 64-Jährige habe sich deshalb des versuchten Mordes und der gefährlichen Körperverletzung schuldig gemacht (wir berichteten kurz).

Der Arzt habe seiner zuckerkranken Patientin die "therapeutisch gebotene Behandlung" mit Insulin eingestellt, ohne die Betreuerin zu informieren. Zudem habe er die künstliche Nahrungszufuhr der zumeist bewusstlosen Heimbewohnerin "erheblich reduziert". Nach einem Schlaganfall war die alte Dame über eine Magensonde ernährt worden. Die stark abgemagerte Seniorin verschied im Juli 2004 kurz nach ihrer Einweisung in eine Klinik. Sie starb an einer Magenblutung, wofür der Arzt nicht verantwortlich sei. Daher lautet die Anklage auf versuchten und nicht auf vollendeten Mord.

Nach ihrem Tod fälschte der Arzt eine Patientenverfügung. Wegen Urkundenfälschung beantragte der Oberstaatsanwalt deshalb zudem eine Geldstrafe von 6000 Euro.

Er habe den "grauenvollen Zustand" der dementen Seniorin beenden wollen, so der Arzt. Es habe keine Aussicht auf eine Gesundung bestanden. Er sei davon ausgegangen, den "mutmaßlichen Willen" der Rentnerin nach einem "menschenwürdigen Sterben" umzusetzen.

Die Frau habe "nicht ansatzweise" eine entsprechende Willenserklärung abgegeben, entgegnete der Oberstaatsanwalt. Dazu war sie auch geistig nicht mehr in der Lage. Zudem war die Heimbewohnerin "zu keinem Zeitpunkt als Sterbende anzusehen", so Larcher. Am Freitag soll die Verteidigung plädieren. Das Urteil wird nächste Woche verkündet.

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[10.09.2008, 08:37:50]
Dr. Stefan Funk  Praxis@Dr-med-Funk.de
Gut gemeint ist leider das Gegenteil von gut gemacht
Einen menschenwürdigen Tod zusterben ist heute nicht leicht. Falsches Absicherungsdenken von Ärzten, Kliniken und Angehörigen wird sich durch diesen traurigen Fall noch verstärken. Wer, wenn nicht der Arzt kann entscheiden, was der mutmaßliche Wunsch eines Patienten war ? Ein Betreuer, der vom Gericht bestellt ist und den Patienten vielleicht nur wenig und kurz aus der Akte kennt ?
Oder der Hausarzt, der ihn seit vielen Jahren betreut ? Diese Frage ist leicht zu beantworten. Was aber, wenn es kein Dokument über den Willen des Patienten gibt, weil der sich nicht darum gekümmert hat und der Arzt in der Hektik der Sprechstunde sich eben nicht immer alles und jedes unterschreiben lässt, weil es einfach nicht praktikabel ist ? Ist dann automatisch der Arzt wegen versuchtem Mord zu belangen, wenn er die Therapie einstellt ? Nein sicher nicht. Mord hat als Tatmerkmale Heimtücke und niedrige Beweggründe. Wo sind diese hier ? Erlösung von Leiden sind jetzt also niedrige Beweggründe ? Na dann viel Spaß ihr operativen Kollegen. Wenn ihr eure Patienten von Gallensteinleiden erlösen wollt und sie bleiben auf dem Tisch, dann ist das jetzt Mord ! Was dem Kollegen vorzuwerfen ist, ist die mangelnde Kommunikation mit dem Betreuer. Der Versuch sich mit der gefälschten Patientenverfügung zu entlasten ist nachvollziehbar und erständlich, aber leider nicht akzeptabel. Die Herren Richter, Staatsanwälte werden eines Tages auch mal alt und gebrechlich werden. Es bleibt auch für sie nur zu hoffen, dass ihre Urteile und Anklagen nicht dazu führen, dass die Ärzte, die sie und uns eines Tages beim Sterben begleiten, den Tod um JEDEN Preis noch ein paar Stunden hinauszögern, nur damit keiner sagen kann es sei nicht alles menschenmögliche getan worden. Weniger ist bei der Begleitung sterbender eben oft mehr. Aber jeder stirbt für sich allein und jeder Fall ist für sich einzigartig. Daher gibt es keine Patentrezepte, die für alle und jeden gelten können. Es ist immer eine Einzelfallentscheidung, die mit allen Beteiligten besprochen und von allen mitgetragen werden muss. Das ist hier wohl nicht gelaufen und daher auch der Prozeß. Ich wünsche dem Kollegen viel Kraft für die bevorstehende harte Zeit.  zum Beitrag »

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