Ärzte Zeitung, 03.09.2012

Tod nach Stammzelltherapie

Ärztin droht Anklage

Zwei Jahre nach dem Tod eines rumänischen Jungen nach einer Therapie an einer Stammzellklinik im Rheinland könnte die behandelnde Ärztin nun angeklagt werden. Die Staatsanwaltschaft entscheidet darüber im Herbst.

Von Jonas Tauber

DÜSSELDORF. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft wird voraussichtlich im Herbst 2012 entscheiden, ob sie gegen eine Ärztin der inzwischen geschlossenen Stammzellklinik XCell-Center Anklage erheben wird.

Der Vorwurf: fahrlässige Körperverletzung in zwei Fällen und fahrlässige Tötung in einem Fall. "Ich rechne mit dem Gutachten über die Arbeit der Ärztin nicht vor Oktober", sagte der ermittelnde Staatsanwalt Christoph Kumpa der "Ärzte Zeitung".

XCell-Center hatte im August 2010 für Schlagzeilen gesorgt, als ein Kleinkind starb, dem kurz zuvor eine Stammzelllösung injiziert worden war. Die Ärztin, gegen die jetzt ermittelt wird, hatte die Behandlung vorgenommen.

Zwischen 2007 und 2011 hatte XCell-Center in Köln und Düsseldorf Stammzelltherapien für Schwerkranke angeboten, deren Wirksamkeit wegen fehlender klinischer Studien nicht erwiesen war.

Nach Angaben der Klinik ließen sich in diesem Zeitraum 3500 Patienten aus aller Welt für viel Geld behandeln. XCell-Center musste seine Häuser in Köln und Düsseldorf schließen, nachdem die Bezirksregierung Köln dem Unternehmen im April 2011 die Vergabe stammzellhaltiger Knochenmarkpräparate untersagt hatte.

Gespräche mit Ärztin über Dolmetscher

Um Anklage erheben zu können, muss die Staatsanwaltschaft entweder belastbare Hinweise für handwerkliche Fehler der Ärztin vorlegen oder dafür, dass sie nicht ordentlich über die Gefahren der Behandlungen aufgeklärt hat, sagte Kumpa.

Im Fall des verstorbenen Kindes haben die Eltern offenbar den Vorwurf der mangelhaften Aufklärung erhoben, die Ärztin bestreitet ihn. Die Ermittlungen sind schwierig, weil die Eltern aus Rumänien stammen und ihre Gespräche mit der Ärztin nur über einen Dolmetscher möglich waren.

Staatsanwalt Kumpa ermittelt gegen XCell-Center auch wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz. Neben der Ärztin müsste sich dafür Cornelis Kleinboesem verantworten, der ehemalige Chef und Gründer der Stammzellklinik.

Die Hürden für eine Anklageerhebung sind aber hoch. "Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz ist ein problematisches Feld, weil das nur bei Vorsatz strafrechtlich relevant ist", sagte der Staatsanwalt.

Der sei schwierig nachzuweisen, da das Gutachten des Paul-Ehrlich-Instituts, das zum Verbot der Stammzellbehandlungen geführt hatte, erst nach den Vorfällen erstellt wurde, die Gegenstand des Verfahrens sind.

XCell-Center hatte in einer Stellungnahme gegenüber der Bezirksregierung Köln argumentiert, die Ursache für den Tod des Jungen seien handwerkliche Fehler der behandelnden Ärztin gewesen. Der Medizinerin wurde deshalb gekündigt. "Die Klinik hat der Ärztin den schwarzen Peter zugeschoben", sagte Staatsanwalt Kumpa.

Offenbar haben Ärzte in deutschen Kliniken auch nach dem Verbot der Stammzelltherapien bei XCell-Center vergleichbare Behandlungen vorgenommen.

Verfahren gegen Elisées-Klinik Bonn

In diesem Zusammenhang läuft ein Verfahren gegen die Elisées-Klinik Bonn wegen Verdachts auf Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz, bestätigte die Sprecherin der zuständigen Staatsanwaltschaft in Bonn, Dr. Vanessa Weber.

"Ein Abschluss der Ermittlungen ist derzeit nicht in Sicht, da die beschlagnahmten Unterlagen gesichtet werden müssen", sagte Weber.

Außerdem stehe ein Gutachten darüber aus, wie bedenklich die Behandlungen aus medizinischer Sicht waren. Weber bestätigte nicht, dass ein früherer Arzt des XCell-Center an diesen Behandlungen beteiligt war. Das hatte die "Süddeutsche Zeitung" berichtet.

Beim Kölner Eduardus Krankenhaus bedauert man inzwischen eine indirekte Verbindung zu XCell-Center. Das Unternehmen hatte 2006 dort Räume bezogen, und zwar als Untermieter des Medical Center Cologne - seinerseits Untermieter des Krankenhauses.

"Auf dem Kenntnisstand von heute hätten wir die Untervermietung nicht genehmigt", sagt Holger Grießbach, Geschäftsführer bei Eduardus.

Dr. Robert Gorter, Leiter von Medical Center Cologne, äußerte sich ähnlich: "Natürlich bereue ich die Untervermietung." Gorter sagte, das Mietverhältnis sei von Anfang an enttäuschend gewesen, und eine wirkliche Zusammenarbeit habe nie stattgefunden.

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