Ärzte Zeitung, 07.05.2013

Der höfliche Doktor

Ärzte brauchen keinen Spezial-Knigge

Auch im Praxisalltag macht der Ton die Musik. Warum Ärzte dennoch keine besonderen Regeln für den Umgang mit Patienten brauchen, erklärt der Nachfahre des berühmte Knigge.

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Knigges Lebensthema: Über den Umgang mit Menschen.

© Steinach / imago

BONN. Für das Verhältnis zu ihren Patienten brauchen Ärzte keine besonderen Regeln. Sie sollten genauso freundlich oder höflich sein wie in allen anderen Lebensbereich auch, empfiehlt Moritz Freiherr Knigge, Geschäftsführender Gesellschafter der Freiherr Knigge OHG.

"Ich glaube nicht, dass man mit Patienten anders umgehen sollte als mit Kollegen oder der Familie", sagte Knigge auf dem "Gesundheitskongress des Westens 2013" in Bonn.

Entscheidend sei, dass der Arzt den Patienten mit Wertschätzung gegenüber tritt und sie ernst nimmt. "Ich muss den Menschen Interesse entgegen bringen", sagte Knigge, der ein Nachfahre von Adolph Freiherr Knigge ist, dem Autor des Werks "Über den Umgang mit Menschen".

Dazu gehöre es, die Patienten mit Namen und möglichst einem Lächeln zu begrüßen. Hat der Arzt ein schlechtes Namensgedächtnis und in der konkreten Situation auch keine Patientenunterlagen zur Hand, soll er das Problem ruhig thematisieren und beispielsweise sagen: "Ich bin schlecht mit Namen, nennen Sie mir Ihren bitte noch einmal."

Dann fühlt sich das Gegenüber ernst- und wahrgenommen. Das gelte auch für Nachfragen wie "Wie geht es Ihnen?" Ärzte würden ihm immer wieder berichten, dass sie das lieber nicht fragen, weil sie ohnehin keine Zeit für lange Ausführungen hätten, sagte Knigge.

Auch die Erlebnisqualität zählt

Holt der Patient zu weit aus, kann der Arzt ihn aber ruhig unter Verweis auf seinen Zeitdruck stoppen und dabei sein Bedauern ausdrücken, dass er nicht länger bleiben kann, sagte Knigge. Das sei für den Patienten viel besser, als wenn er überhaupt kein Interesse vonseiten des Arztes spürt.

"Wie beim Tür-Aufhalten geht es dabei nur um Sekunden, aber das ist richtig gut investierte Zeit", betonte der Berater für Umgangsformen.

Gerade weil Ärzte so wenig Zeit für die Patienten haben, sei es wichtig, dass Gespräche gut laufen, sagte der Anästhesist und Kinderarzt Dr. Thomas Beushausen, Vorstand der Stiftung Hannoversche Kinderheilanstalt. "Wenn das erste Gespräch nicht funktioniert, ist der nachträgliche Aufwand ungeheuer groß."

Zu den Grundregeln der guten Gesprächsführung gehört es für Beushausen, Augenhöhe mit dem Patienten herzustellen. Dazu müsse der Arzt sich setzen. "Auch wenn man hin- und her rutscht, ist das besser, als von oben herab zu sprechen", betonte er.

Im Gesundheitswesen machen sich die Akteure seiner Ansicht nach zu wenig Gedanken darüber, dass es neben der Struktur-, Prozess- und Ergebnis- auch eine Erlebnisqualität gibt. "Viele Menschen erkennen die Qualität der Medizin nicht, aber sie merken, wie ihnen begegnet wird." (iss)

[08.05.2013, 14:24:52]
Catherina Trappmann 
Wie der Herr.....
Aus meiner langjährigen Praxiserfahrung kann ich nur sagen, dass es im Rahmen der Patientenbindung ein wichtiger Punkt ist auf die Patienten einzugehen.
Natürlich sollten wir davon ausgehen, dass wir mit den Patienten so umgehen, wie mit unseren Nachbarn oder Freunden, aber....wie gehen wir mit den Menschen um?... und sind Patienten nicht ein spezielles Klientel, mit dem wir uns Tag für Tag befassen?!? Ja befassen müssen!
Zugegeben, Nachbarn kann ich mir nicht aussuchen...aber leben tue ich von diesen nicht....und Freunde kann ich mir aussuchen.....!

Patienten????? Aussuchen???? Sind Sie nicht die Grundlage unseres Schaffens und damit wir finanziell über die Runden kommen????

Was spricht also gegen einen Knigge für Ärzte? Und sind die Mitarbeiter nicht so, wie Ihre Chefs es vorleben? Auch hier steckt Unmengen von Potential, welches nicht genutzt wird.....aus Unwissenheit..?!?!?!?

Ist der Patient nicht das unbekannte Wesen, was zu uns kommt?
All inclusiv odere 5 Sterne plus...Serviceleistungen, nicht selbstverständlich aber hilfreich?
Als die Bilder laufen lernten....Körpersprache- die nicht zu unterschätzende Kommunikation.....
etc.
Es gibt noch viele Punkte, die ich hier aufführen könnte, die im alltäglichen Umgang mit Patienten nicht berücksichtigt werden oder vielleicht nur Ansatzweise....
Und mal ganz ehrlich, lernen die angehenden Mediziner und Medizinerinnen den Umgang mit Patienten im Studium??? Wie führe ich zum Beispiel ein Konfliktgepräch....High noon.....in der Sache hart, aber im Ton verbindlich.
Fazit.....ein Knigge für die Mediziner...nicht verkehrt und Pflichtlektüre für Ärzte und Ihre Angestellte.

Patienten beurteilen mehr als nur die medizinischen Leistungen/Qualität.
Und die beste Werbung für die Praxis ist und bleibt die "Mund-zu-Mund-Propaganda"....und dazu gehört auch der Umgang und das Verhalten bezogen auf "KNIGGE".....


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[07.05.2013, 11:50:46]
Bernd Niklas 
Nicht jeder aber viele Ärzte brauchen einen Spezial-Knigge
Leider kann ich die Aussagen in dem Artikel nicht bestätigen.

Als Gesundheitsberater und Lebensberater bekomme ich mit steigender Tendenz von meinen Mandanten Arzt-Patienten-Kontakte geschildert, die - vorsichtig ausgedrückt - sicher keine positive Erfahrung darstellen.

Nach meiner Einschätzung haben leider viel zu viele Ärzte, aus welchen Gründen auch immer, den Dienstleistunggedanken als Unternehmer verloren und machen sich zudem nur selten Gedanken über ihre Außenwirkung; denn die Patienten machen ja leider fast alles mit.

Nur drei Beispiele der letzten Zeit zur Veranschaulichung:

a) Später Nachmittag. Praxis nur mäßig gefüllt. Mann, ca. 40J., hatte vor ca. 90 Minuten einen am Morgen ausgemachten Termin starker Übelkeit. Als er den Arzt auf die lange Wartezeit anspricht kommt die Reaktion:"Was wollen Sie denn? Andere warten schon zwei Stunden!"

b) Frau nimmt sich frei, reist aus Nachbarstadt an und begleitet ihre Mutter, 88J, wegen Kreislaufproblemen zum geplanten Termin. Es sollte EKG gemacht werden, der Blutdruck gemessen werden sowie ein 24h-RR-Gerät angelegt werden. Beide Frauen hören während sie das EKG-läuft wie der Arzt sich im Nachbarzimmer ausführlich über ein Fußballspiel unterhält. Als er das Untersuchungszimmer betritt teilt er den Frauen mit, dass er jetzt keine Zeit mehr habe. Man solle doch einen Termin für die Besprechung ausmachen.

c) Grippewelle. Montag Abend. Praxis seit Stunden übervoll. Die Ärztin kommt sichtlich genervt aus dem Untersuchungszimmer:"Sind noch Privatpatienten hier? Ok, die können bleiben! Die anderen können ja morgen wiederkommen."


Dem gegenüber stehen allerdings, das muss an dieser Stelle ebenso klar dargestellt werden, viele Ärzte die ideenreich, mit viel persönlichem Engagement (auch der Praxisteams) und guter Arbeitsstruktur sowie vorbildlichem Kommunikationsverhalten eine positive Arzt-Patienten-Beziehung aufbauen.
Leider bleiben den Menschen aber weniger diese guten Erfahrungen im Gedächtnis als die schlechten Erfahrungen.
Und leider sind viel zu wenig Patienten bereit, bei schlechten Erfahrungen den Arzt zu wechseln.


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[07.05.2013, 09:37:21]
Dr. Toralf Sperschneider 
So einfach ist das natürlich nicht...Es gibt den UHU-Knigge
Ein Arzt braucht vielleicht keinen Knigge für die Interaktion mit dem Patienten. Jedoch untereinander, im Team, interdisziplinär oder auf den jeweiligen Hierarchiestufen ist ein solches Werk zur Sicherung der moralischen Grundsubstanz unerlässlich. Vor allem für das Miteinander der verschiedenen Gehälterkasten gibt es hier einen soliden Begleiter:

"Der UHU-Knigge. Tricks und Kniffe zum Erreichen der Kohlrausch-Falte eines unmittelbaren Vorgesetzten im klinischen Alltag."

Der UHU oder UnterHUnd ist keine Figur aus dem 3. Höllenkreis, sondern die in einigen deutschsprachigen Regionen Europas übliche, liebevolle Bezeichnung für den Medizinstudenten während seines klinischen Primärkontaktes. Die ersten Praktika lassen den PJler, Unterassistenten oder Famulanten meist eine Art Läuterung im Fegefeuer der Krankenversorgung erfahren. Denn abseits der Hörsäle und Seminarveranstaltungen lauern Herausforderungen, die dem Arzt in spe Fertigkeiten abverlangen, die über das theoretische Studienwissen weit hinausgehen.
Toralf Sperschneider, zufällig selbst Arzt, nimmt sich des geplagten UHUs an und zeigt in seinem Vademecum, wie man mit schlafwandlerischer Sicherheit die hierarchischen Klippen der Halbgötterwelt in Weiß umschifft und im Dschungel der Ausbildung durch professionelle Heucheltechniken und muzinöse Schmeicheleien immer den locus minoris resistentiae finden kann.
Der UHU-Knigge ist die lang ersehnte Rettung im Kitteltaschenformat, wenn es gilt, die Stolpersteine des Krankenhausalltages unverletzt hinter sich zu lassen oder ihnen weiträumig auszuweichen.

Ein Standardwerk der Medizin. Garantiert ohne überflüssiges medizinisches Fachwissen.

http://www.amazon.de/Der-UHU-Knigge-Kohlrausch-Falte-unmittelbaren-medizinisches/dp/394008543X/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1367911980&sr=8-1&keywords=uhu+knigge zum Beitrag »
[07.05.2013, 08:34:36]
Marcella Kühnel 
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Woran können Sie einen guten Arzt,
einen guten Psychotherapeuten/Psychologen, einen guten Physio- oder Ergotherapeuten erkennen?
Der Forschungsauftrag lautete: Gibt es eine Therapeuten-Persönlichkeit? Welche Erwartungen können Sie mit recht an einen Therapeuten stellen?
Woran erkennen Sie welches Menschenbild ein Therapeut vertritt und welches Menschenbild vertreten Sie? In der Medizin hat der Wirkfaktor Therapeutenpersönlichkeit einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die Interaktion zwischen Patient/Klient und Arzt/Therapeut und das Gelingen von Therapie!
Warum müssen Therapeuten gute Lehrer sein?
Was ermöglicht eine erfolgreiche Therapie?
Diesen und vielen anderen Fragen bin ich im Rahmen einer Forschungsarbeit während des Studiums nachgegangen.
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Ich lade Sie herzlich ein zu einem Exkurs in die Welt der zwischenmenschlichen Interaktion in der Medizin, wie sie sich darstellt aus Sicht von hilfesuchenden Patienten/Klienten und von Ärzten/Psychologen & Therapeutisch Tätiger.
Marcella Kühnel
Dipl. Ergotherapeutin (FH) zum Beitrag »

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