Ärzte Zeitung, 01.09.2015

Facharzt-Termin

Ohne Überweisung geht's oft schneller

Patienten mit einer Überweisung kommen oftmals nicht schneller zu einem Facharzt-Termin. Diese überraschende Erkenntnis geht aus der KBV-Versichertenbefragung hervor. Ein Anruf des Hausarztes öffnet allerdings oft neue Möglichkeiten.

Von Anno Fricke

Ohne Überweisung geht's oft schneller

Nicht vergessen: Am 13. steht um 10 Uhr ein Arzttermin an.

© Marco2811 / fotolia.com

BERLIN. Chronisch kranke Menschen und Patienten mit geringem Bildungsgrad haben die größten Schwierigkeiten, zügig Termine beim Facharzt zu bekommen.

Darauf hat KBV-Chef Dr. Andreas Gassen bei der Vorstellung der Versichertenbefragung 2015 verwiesen.

Ärzte seien gefordert, gerade diese Patientengruppen besonders zu unterstützen, in geeigneter Frist einen Facharzttermin zu bekommen.

Die Befragung durch die Forschungsgruppe Wahlen in Mannheim hatte ergeben, dass zwei Drittel aller Patienten ohne Überweisung zum Facharzt gehen.

Beim Direktkontakt mit dem Facharzt fällt seit Anfang 2013 keine Praxisgebühr mehr an. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hatte sich gegen die Gebühr ausgesprochen.

Kommunikationsfähigkeiten von Vorteil

Matthias Jung von der Forschungsgruppe hielt ein überraschendes Ergebnis der tieferen Analyse der Daten bereit: Diejenigen, die ohne Überweisung beim Facharzt vorstellig werden, erhalten oft schneller einen Termin als jene mit Überweisung.

Für Gassen ein weiteres Indiz, dass Patienten mit Kenntnissen im Gesundheitswesen und hohen Kommunikationsfähigkeiten im Vorteil seien.

Am schnellsten kämen Patienten zum Facharzttermin, wenn der Hausarzt oder seine Medizinischen Fachangestellte sich selbst kümmerten, sagte Jung.

Dennoch: Die Zahl der von den Hausärzten als dringlich bezeichneten Überweisungen hat im Vergleich zum Vorjahr um sechs Prozentpunkte auf 58 Prozent abgenommen.

Aus den Ergebnissen der Befragung hat die KBV die Forderung an die Kassen abgeleitet, Tarife anzubieten, die Patienten dafür belohnten, wenn sie nur mit Überweisung zum Facharzt gingen.

Der Gesetzgeber sieht im Augenblick keinen Bedarf, Hausarztmodelle besonders zu stärken.

"Auch die Kassenärztlichen Vereinigungen könnten Hausarztverträge abschließen, wenn sie dazu von den Hausärzten ermächtigt werden", sagte die stellvertretende gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Maria Michalk (CDU), am Montag der "Ärzte Zeitung".

Facharzttermine: Oft umplanbare Arztbesuche

Insofern bestehe kein gesetzgeberischer Handlungsbedarf. Zudem seien die Krankenkassen aktuell schon per Gesetz verpflichtet, Hausarztmodelle anzubieten und dafür ihren Versicherten Prämienzahlungen oder Zuzahlungsermäßigungen anzubieten, sagte Michalk.

Die Ergebnisse der Versichertenbefragung berühren auch das Thema Wartezeiten. Die Daten würfen ein besonderes Licht auf die Debatte um Wartezeiten und die Notwendigkeit der von der großen Koalition beschlossenen Terminservicestellen, sagte Gassen.

Bei der Hälfte der Facharzttermine handele es sich umplanbare, nicht akute Arztbesuche wie Vorsorge- oder Impftermine. Dann könnten Wartezeiten von drei Wochen oder mehr entstehen.

Die Hälfte der Akutpatienten erhalte binnen einer Woche einen Termin, in der Regel sogar beim Wunscharzt. "Das ist in Europa nahezu einmalig", sagte Gassen.

Knapp zwei Drittel der Befragten hatten geäußert, dass sie nicht zu irgendeinem, sondern zu einem bestimmten Facharzt überwiesen werden möchten. Der Wert ist im Sinkflug: Nur einem Fünftel der Menschen unter 30 Jahren ist dies noch wichtig.

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[07.09.2015, 22:40:38]
Dr. Martin P. Wedig 
Warte, warte noch ein Weilchen ....
Mir wird am 7.9.2015 in meiner Geburtsstadt und Wahlheimat als ehemaligem Kollegen ein Facharzttermin nach 3 Monaten avisiert. Kammer und KV spielen sich den Ball der Zuständigkeit für die Vermittlung eines näheren Termines zu. Damit ist klar: Die Einrichtung von Terminservicestellen ist unumgänglich. Front Desk fehlt die Übersicht über die Kardinalität von Anmeldungen, über Vakanzen und zeitkritische Fälle.

Indem KV und Ärztekammer deutlich ihre Spielunsicherheit aufzeigen, gehört die Servicestelle in eine andere Hand. Die elektronische Führung des Falles objektiviert die Entscheidungsfindung und liefert Beobachtungsgrößen zur Verbesserung der Versorgung. Die abzustimmende Beschlußvorlage benötigt in diesen Punkten Bestimmtheit. zum Beitrag »
[02.09.2015, 11:01:16]
Dr. Wolfgang Bensch 
Deutsche Zwangsneurose: Der immerwährende Fach-Hausarztkomplex
Liegt wohl an den Zwangskörperschaften und den vermeintlich demokratischen Gremien darin. Man denke nur an die aktuellen Querelen in der KBV.
Schafft die "Zwänge" ab und werdet demokratisch! zum Beitrag »
[01.09.2015, 12:51:16]
Dr. Michael-Detlef Schäfer 
Kein Wunder
Es ist nicht überraschend, dass den Fachärzten ein Patient in der Regel ohne Überweisung lieber ist als mit, da er dann in der Regel keine Berichte schreiben muss. Er ist dann auch der vorrangig behandelnde Arzt. Ob es einen Hausarzt gibt oder nicht muss ihn nicht kümmern. Jeden Tag kommen dann Patienten in die Praxis mit der Bemerkung, dass sie kürzlich beim Fachkollegen gewesen seien und wir sollen dann das und jenes machen. Wir wissen dann meist von nichts. Tolles System, wo der Hausarzt nur noch der Trottel am Ende der ärztlichen Nahrungskette ist, wenn überhaupt! zum Beitrag »
[01.09.2015, 10:48:13]
Dr. Henning Fischer 
"Chronisch kranke Menschen und Patienten mit geringem Bildungsgrad"

bekommen KEINE Termine beim Facharzt. Das wäre vielleicht eine Schlagzeile!

Nein, sie haben "Schwierigkeiten, zügig Termine beim Facharzt zu bekommen."

Und? Sind ZÜGIGE Termine entscheidend wichtig? Oder ist das ganze nur ein Popanz? Ist es überhaupt machbar, daß alle Patienten überall den gleichen Zugang zum Facharzt bekommen, egal oB Dorf, Großstadt, oB Rentner oder Schulkind, oB beim Rheumatologen oder Radiologen?

Soll der Facharzt alle Patienten gleich lieb haben, auch die, die sein Budget massiv überschreiten (chronisch Kranke)

Gröhes Terminservicestellen sind absoluter Quatsch, wie das meiste, was er bisher gemacht hat.

Auf jeden Fall unterscheidet sich die Einschätzung der Wichtigkeit eines Termines meist ganz erheblich zwischen Hausarzt und Patient. Daher muß die telefonische Terminanforderung absolute Ausnahme bleiben.


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