Ärzte Zeitung, 06.07.2016

Kommunikation ist alles

Wie Praxen Fehler bei der Patientenversorgung vermeiden

Bis zu zwei Drittel aller Fehler bei der Patientenversorgung liegt an falscher Kommunikation. So sehen Ärzte den Zeitaufwand für strukturierte Übergabe oft als unnötig. Eine Gesellschaft hat simple Lösungsvorschläge erarbeitet.

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Schweigen ist nicht Gold: Bis zu zwei Drittel aller Fehler bei der Patientenversorgung in Krankenhäusern geht auf mangelnde Kommunikation zurück.

© Syda Productions / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Bis zu 65 Prozent der Fehler, die in Kliniken während der Patientenversorgung passieren, sind auf ungenügende Kommunikation zurückzuführen. Das würden Studien aus den USA belegen, heißt es in den "Empfehlungen zur strukturierten Patientenübergabe nach Operationen" der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI).

Die DGAI hat die Empfehlungen, deren Kernstück das Kommunikationskonzept SBAR (Situation - Background - Assessment - Recommendation) ist, erst vor wenigen Wochen anlässlich des Anästhesiekongresses in Leipzig veröffentlicht (Anästh Intensivmed 2016; 57:88-90).

Überall dort, wo schnell oft lebenswichtige Entscheidungen getroffen werden müssten, seien feste Regeln in der Kommunikation essenziell, mahnt die Gesellschaft. Denn, auch das habe man in den Studien im amerikanischen Raum herausgefunden: Fehler oder Informationslücken entstehen meist aufgrund von Arbeitsunterbrechungen und Ablenkungen, vor allem bei Behandlungsspitzen.

Drei Fehlerquellen analysiert

Gerade im Praxisalltag bezieht dies auch die direkte Kommunikation mit dem Patienten und die Infos, die er selbst zu seinem Gesundheitszustand, eingenommenen Arzneimitteln oder Allergien weitergibt, mit ein. Das SBAR-Konzept lässt sich in der Arztpraxis daher auch auf die Patientenkommunikation übertragen.

Zunächst sollten sich alle Teammitglieder aber der drei wesentlichen Fehlerquellen bewusst sein, erklären die Anästhesisten:

Probleme des Senders: Benutzt der Sender eine Sprache, die der Empfänger auch versteht? Hier geht es in Richtung Patienten vor allem darum, Fachbegriffe zu vermeiden und sich klar auszudrücken. Das beinhaltet auch, klare Anweisungen zu geben.

Probleme des Empfängers: Fehlinterpretationen bei Pflegepersonal, MFA oder Patienten passieren schnell. Daher besser noch einmal nachhaken und insbesondere im Patientengespräch diesen wichtige Inhalte in seinen Worten wiederholen lassen.

Probleme des Übertragungsweges: Werden die richtigen Übertragungsmedien genutzt? So kann es im Patientengespräch etwa hilfreich sein, auf ergänzende Unterlagen wie Handzettel, Broschüren oder Schaubilder auf dem Praxis-PC zu setzen.

Gute Gesprächskultur essentiell

Geht es um die Kommunikation innerhalb des Praxis- oder Klinikteams, können auch komplexe hierarchische Strukturen oder die Angst vor Sanktionen verhindern, dass Mitarbeiter offen sprechen.

Sind die allgemeinen Voraussetzungen für eine gute Gesprächskultur gegeben, kann die Praxis ihr eigenes SBAR-Konzept aufsetzten. Denn das Konzept ist "flexibel an unterschiedliche Rahmenbedingungen anpassbar und inhaltlich frei gestaltbar", schreibt die DGAI in ihren Empfehlungen.

Wie es geht, zeigt das Beispiel der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dort wird das SBAR-Konzept nämlich bereits genutzt.

Strukturierte Planung mit Check-Listen: Konkrete Empfehlungen in vier Punkten

Unter "Situation" sind an dem Uniklinikum alle Informationen über Name, Alter, Geschlecht, Diagnose, Art des Eingriffs und Details zur Anästhesie zusammengefasst.

Zum "Hintergrund" (Background) zählen hingegen Angaben über Allergien, Medikamente, Komorbiditäten, präoperative Diagnostik und Ereignisse während des Eingriffs.

Unter dem Punkt "Bewertung" (Assessment) werden etwa Infos zur Lagerung des Patienten, Zugänge, Blut- und Gerinnungsprodukte, Blutverlust, letzte Laborwerte, die Gabe von Antibiotika, Relaxans oder Opioiden sowie der aktuelle Stand der Op erfasst.

Abschließend folgt die "Empfehlung" (Recommodation) mit Operationsdetails wie Drainagen, Anordnungen des operierenden Arztes, Infos zur Beatmung sowie zur postoperativen Schmerztherapie. Die einzelnen Schritte können wie beim Piloten im Cockpit mit einer Checkliste erfasst werden.

Ärzte sehen Zeitaufwand für strukturierte Übergabe oft als unnötig

Wesentliche Voraussetzung, damit die strukturierte Kommunikation auch fruchtet, sei aber das Erkennen der Notwendigkeit dieser Maßnahme durch alle Teammitglied, mahnt die DGAI in ihren Empfehlungen. Dabei liegt das Hauptproblem laut der Gesellschaft weniger bei den Assistenzberufen. "Insbesondere Ärzten erscheint der für eine strukturierte Übergabe erforderliche Zeitaufwand oft als unnötig und unsinnig", heißt es in dem Papier.

Instrumente wie das SBAR-Konzept leisten zwar einen wichtigen Beitrag zur Patientensicherheit. Professor Teha Koch, Präsidentin der DGAI, sagt aber auch sehr deutlich: "Darüber hinaus sind für die meist besorgten Patienten, die sich ja in Ausnahmesituationen befinden, eine empathische und kompetente Behandlung von großer Bedeutung. Sie sollen sich auch vor großen Operationen, bei Notfällen und auf der Intensivstation gut und sicher aufgehoben fühlen." (reh)

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