Ärzte Zeitung, 18.09.2008

Ludwig Georg Braun: Chef einer Weltfirma, aber ohne eigenes Büro

Ludwig Georg Braun, Chef der B. Braun Melsungen AG, wird am Sonntag 65. Seit 31 Jahren führt er den Medizintechnikkonzern - seit Jahren aus dem Rollcontainer heraus und ohne eigenes Büro.

Von Chris Melzer

Ludwig Georg Braun: Chef einer Weltfirma, aber ohne eigenes Büro

Ludwig Georg Braun, Firmenchef der B. Braun Melsungen AG und DIHK-Präsident, wird 65.

Foto: dpa

Wenn Ludwig Georg Braun von seinem Unternehmen spricht, klingt es wie bei einem kleinen Mittelständler. Er redet dann von "unserem Familienunternehmen", das sich gegen internationale Konzerne behaupte.

Doch ein mittelständisches Familienunternehmen mit umgerechnet gut 200 Millionen Euro Umsatz war B. Braun Melsungen zuletzt, als der damals 34-jährige Ururenkel des Firmengründers 1977 das Ruder des Medizintechnikherstellers übernahm. Heute hat B. Braun gut 35 000 Mitarbeiter in mehr als 50 Ländern der Erde, der Umsatz übersteigt die 3,5-Milliarden-Euro-Marke.

Man muss etwas wagen, aber mit Vorsicht

Als Braun 1943 in Kassel zur Welt kam, gab es das Unternehmen schon seit mehr als 100 Jahren. Mit der Rosenapotheke fing Julius Wilhelm Braun 1839 im nordhessischen Städtchen Melsungen an und erweiterte sie um einen Versandhandel. Aus der anfänglichen Produktion von Pflastern entwickelte sich eine hoch spezialisierte Fertigung. Die "Braunüle" für Dauerinfusionen eroberte bald den Weltmarkt. Derzeit ist das Werksgelände wieder eine gigantische Baustelle. B. Braun wächst seit Jahren kräftig.

"Das Geheimnis ist Innovation. Nur mit neuen Produkten können wir weiter wachsen", sagt Braun. Der Markt erwarte immer neue Produkte in höchster Qualität. "Wir müssen etwas wagen, aber mit Vorsicht." Die Familie habe immer Lust, etwas Neues zu probieren, aber nur wenn ein Misserfolg nicht das Unternehmen gefährden würde. "Das ist eine gesunde Selbstbeschränkung, ohne zu zaghaft zu sein", sagt Braun.

Projekte wie das gegenwärtige milliardenschwere Innovationsprogramm können zudem im kleinen Kreis diskutiert werden: Trotz des Börsenganges 1971 sind sämtliche Anteile im Familienbesitz.

Von spektakulären Dynastiekämpfen ist bei den Brauns nichts zu spüren. Die Melsunger sind so etwas wie hessische Preußen: Diszipliniert, zuverlässig, bis zum Umfallen fleißig, wertebewusst - und immer wieder für neue Ideen gut. So verliert jeder Mitarbeiter in der Hauptverwaltung jeden Tag seinen Arbeitsplatz.

Abends werden die persönlichen Gegenstände in einen Rollcontainer sortiert und am nächsten Morgen wieder ausgepackt - an dem Schreibtisch, der gerade verfügbar ist. Einen festen Arbeitsplatz hat niemand, nicht einmal der Chef. Vermutlich ist Braun der weltweit einzige Firmenchef eines Milliarden-Unternehmens ohne eigenes Büro.

"Wenn man Spitzenleistungen will, braucht man unendliche Disziplin", sagt der hagere Marathonläufer Braun. Weil er Fleiß und Zuverlässigkeit auch von anderen erwartet, gilt Braun als Provokateur. Als er vor sieben Jahren an die Spitze des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) trat, wünschten sich einige rasch den diplomatischen Vorgänger Hans Peter Stihl zurück. Zu deutlich war Brauns Kritik, zu provokant seine Forderung nach Nullrunden beim Einkommen, und zu unsolidarisch schien sein Rat an Unternehmer, die EU-Osterweiterung "zu nutzen".

Ans Aufhören denkt Braun frühestens in zwei Jahren

Der damalige SPD-Kanzler Gerhard Schröder sagte von Braun deshalb, er sei "unpatriotisch". Als er dann noch das "Bündnis für Arbeit" absagte, war Braun für einige zur Unperson geworden. Seine Begründung für die Absage: Die Treffen fanden immer an Sonntagen statt, die aber gehörten der Familie.

Derzeit gilt sein Kampf den Plänen für ein neues Erbschaftsrecht, weil diese den Generationswechsel in Familienunternehmen fast unmöglich machten. "Wenn Deutschland keine Familienunternehmen will, wird es sie auch nicht mehr lange haben", sagt Braun. Er selbst wird erst in gut zwei Jahren gehen. Dem noch unbekannten Nachfolger will er die Firmentradition ans Herz legen: "Die Mitarbeiter sind alles. Sie brauchen das Vertrauen der Vorgesetzten und zu den Vorgesetzten. Dann ist man stolz auf seine Arbeit - selbst wenn man Überstunden macht." (dpa)

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