Ärzte Zeitung, 16.02.2011

Am Ziel: Sanofi-Aventis übernimmt Genzyme

Sanofi-Aventis hat es geschafft und übernimmt das US-Biotechunternehmen Genzyme für 14,9 Milliarden Euro. Attraktiv für die Franzosen ist die Spezialisierung auf personalisierte Medizin.

Von Christiane Kern

Am Ziel: Sanofi-Aventis übernimmt Genzyme

Sanofi-Aventis profitiert künftig auch von der Forschungsexpertise von Genzyme.

© Sanofi-Aventis

PARIS. Nach monatelangen Verhandlungen und einer angehobenen Offerte haben sich der französische Pharmakonzern Sanofi-Aventis und das US-Biotech-Unernehmen Genzyme auf eine definitive Übernahmevereinbarung geeinigt.

Wie die beiden Unternehmen mitteilten, bieten die Franzosen den Anteilseignern der US-Biotech-Gesellschaft 74 US-Dollar (54,8 Euro) je Aktie oder insgesamt 20,1 Milliarden US-Dollar (14,9 Milliarden Euro).

Am 29. August 2010 hatte Sanofi-Aventis eine Bar-Offerte von 69 US-Dollar je Genzyme-Anteilschein angekündigt. Anfang Oktober wurde ein Übernahmeangebot an die Aktionäre gerichtet. Genzyme hatte das Angebot mehrmals als zu niedrig abgelehnt.

Beide Seiten einigten sich jetzt außerdem auf zusätzliche Zahlungen (CVR) beim Erreichen bestimmter Meilensteine, die bis 31. Dezember 2020 terminiert sind.

Die Nachbesserungen (CVR) sind unter anderem an das Erreichen der US-Zulassung des MS-Therapeutikums Lemtrada (Alemtuzumab) sowie an die Produktionsvolumina von Fabrazyme® (Agalsidase beta) zur Behandlung der Fabry-Krankheit und von der Enzymersatztherapie Cerezyme® (Imiglucerase zur Injektion) gegen Morbus Gaucher Typ I geknüpft. Außerdem werden CVR beim Erreichen bestimmter Umsatzziele fällig.

Sanofi positioniert sich in der Biotechnologie

Mit Genzyme werde ein signifikanter langfristiger Wert für die Aktionäre geschaffen, sagte Sanofi-Aventis-Chef Christopher A. Viehbacher. Es entstehe eine bedeutende neue Plattform für Wachstum. Gleichzeitig stärke das Unternehmen seine Position im Bereich Biotechnologie.

Die Übernahme von Genzyme ist für Sanofi nicht nur wegen Genzymes Expertise bei Arzneimitteln gegen seltene Krankheiten attraktiv, sondern weil sich das Wissen des Unternehmens um die Genetik seltener Krankheiten auch auf andere Gebiete übertragen lasse.

Wenn man das Konzept der personalisierten Medizin konsequent weiter verfolge, sei praktisch jede Krankheit eine seltene Krankheit, so Viehbacher bei der Vorlage der Bilanz 2010.

Der Abschluss der Transaktion, der bereits von den Vorständen der beiden Konzerne genehmigt wurde, ist laut Sanofi-Aventis für Anfang des zweiten Quartals 2011 vorgesehen.

Die Kartellbehörden in den USA und in Europa haben der Übernahme bereits grünes Licht gegeben. Schon im ersten Jahr der Übernahme soll sich der Kauf positiv auf den Gewinn auswirken. 2013 dürfte er laut Sanofi-Aventis 0,75 bis 1 US-Dollar zum Nettoergebnis je Aktie beitragen.

Genzyme hat sich auf Orphan Drugs spezialisiert, mit denen hohe Margen zu erzielen sind. Das auf Enzymtherapien fokussierte Unternehmen beschäftigt weltweit etwa 10.000 Mitarbeiter und verfügt über zwölf Produktionsstandorte. In Deutschland ist die Gesellschaft mit ihrer Tochter Genzyme GmbH in Neu-Isenburg bei Frankfurt präsent.

Die Produkte des Unternehmens werden in etwa 100 Ländern vertrieben. Im vergangenen Jahr wurden im Konzern insgesamt 4,1 Milliarden US-Dollar (3,0 Milliarden Euro) umgesetzt.

Vermarktete Produkte von Genzyme sind neben Cerezyme® (Imiglucerase) und Fabrazyme® (Agalsidase Beta) unter anderem das Hormon Thyrogen® (injizierbares Thyrotropin alfa), die Sevelamer-Produkte Renagel und Renvela, Lumizyme (Alglucosidase alfa), eine Enzymersatztherapie bei Morbus Pompe sowie das Leukämie-Päparat Campath (Alemtuzumab zur Injektion), das in den USA von der Schering-Tochter Berlex vermarktet wird. Der Wirkstoff von Campath® wird von Genzyme für das MS-Therapeutikum Lemtrada weiterentgwickelt.

Umsatzbringer verlieren den Patentschutz

Sanofi-Aventis leidet wie viele andere Unternehmen der Branche unter starker Generikakonkurrenz. Betroffen sind bei Sanofi derzeit der Blutverdünner Plavix® (Clopidogrel) in Europa und der Gerinnungshemmer Clexane® (Enoxaparin) in den USA. Bis 2013 verlieren Sanofi-Bestseller wie die Krebsmittel Taxotere® (Docetaxel) und Eloxatin® (Oxaliplatin) ihren Patentschutz.

2010 setzten die Franzosen etwa 30,4 Mrd. Euro um und erzielten einen Nettogewinn von 9,2 Mrd. Euro. Die Zahl der Mitarbeiter liegt weltweit bei mehr als 100.000. Das bisherige Kerngeschäft von Sanofi-Aventis sind verschreibungspflichtige Arzneimittel zur Behandlung weit verbreiteter Krankheiten.

Doch hat der seit Ende 2008 amtierende Konzernchef Viehbacher das Portfolio durch etliche Übernahmen diversifiziert, unter anderem in den Sparten Generika, Consumer Health, Biotech und Tiergesundheit. Das vor allem in den Schwellenländern. Die Transaktionen hatten einen Wert von insgesamt rund 10 Milliarden.

Umsatzstärkstes Medikament ist das in Frankfurt-Höchst hergestellte Diabetes-Mittel Lantus® (Insulin glargin). Für Impfstoffe ist das Unternehmen nach eigenen Angaben unter dem Markennamen Sanofi-Pasteur Weltmarktführer.

Genzyme

Branche: Biotech (Orphan Drugs)
Sitz: Cambridge (Massachusetts, USA)
Aktuelle Geschäftszahlen: Umsatz 2009: 4,5 Mrd. US-Dollar (3,33 Mrd. Euro), F&E: 804 Mio. US-Dollar
Mitarbeiter: 10.000 (weltweit)
Wichtige Produkte: Cerezyme® (Imiglucerase): 793 Mio. US-Dollar, Renvela® (Sevelamer): 707 Mio. US-Dollar, Fabrazyme® (agalsidase beta): 431 Mio. US-Dollar.
Pipeline: Alemtuzumab (Multiple Sklerose), Mipomersen (Hypercholesterinämie), Eliglustat (M. Gaucher)

Sanofi-Aventis

Branche: Pharma (Arzneimittel, Generika, Consumer Health Care, Tiergesundheit)
Sitz: Paris (Frankreich)
Aktuelle Geschäftszahlen: Gewinn 2010: 9,2 Mrd. Euro; Umsatz 2010: 30,4 Mrd. Euro
Mitarbeiter: ü. 105 000
Wichtige Produkte: Lantus® (Insulin glargin), Apidra® (Insulin glulisin) Aprovel® (Irbesartan) Plavix® (Clopidogrel), Clexane® (Enoxaparin), Multaq® (Dronedaron). Taxotere® (Docetaxel)
Pipeline: Anfang 2011 hatte Sanofi-Aventis 55 Projekte in der klinischen Entwicklung, 13 davon in Phase III / zur Zulassung eingereicht.

Chronik: Übernahmen in der Pharmabranche

Die internationale Pharmabranche hat sich in den vergangenen Jahren mit vielen Übernahmen und Fusionen neu geordnet. Die spektakulärsten Zusammenschlüsse:
14. Juni 2006: Der Pharmakonzern Bayer entscheidet den Übernahmekampf um das Pharmaunternehmen Schering für sich. Der Wert der Übernahme beträgt fast 17 Milliarden Euro.
21. September 2006: Die Darmstädter Merck KGaA kauft für rund 10,6 Milliarden Euro Europas größten Biotechnologie-Anbieter Serono aus der Schweiz.
21. Juli 2008: Der Pharmakonzern Roche teilt den Plan zur größten Übernahme in der Schweizer Firmengeschichte mit. Für 43,7 Milliarden Dollar (rund 33,7 Milliarden Euro) will das Unternehmen seine amerikanische Tochtergesellschaft Genentech ganz übernehmen.
26. Januar 2009: Der US-Pharmakonzern Pfizer kündigt die Übernahme des Biotech-Spezialisten Wyeth für 68 Milliarden Dollar (50,4 Milliarden Euro) an.
9. März 2009: Merck & Co. (in Deutschland MSD Sharp & Dohme) vereinbart eine Übernahme des Konkurrenten Schering-Plough für 41,1 Milliarden Dollar (30,4 Milliarden Euro).
19. März 2010: Der weltgrößte Hersteller von Generika, Teva aus Israel, kauft den deutschen Generika-Hersteller ratiopharm für 3,6 Milliarden Euro.
15. Dezember 2010: Der schweizerische Pharmakonzern Novartis übernimmt den Augenheilkundespezialisten Alcon für insgesamt 51,6 Milliarden Dollar (38,2 Milliarden Euro).
16. Februar 2011: Der französische Pharmakonzern Sanofi-Aventis kündigt die Übernahme von Genzyme für 20,1 Milliarden US-Dollar (14,9 Milliarden Euro) an. (dpa/eb)

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