Ärzte Zeitung, 25.05.2009

Kommentar

Priorität für Vertrauen

Von Helmut Laschet

"Was immer den Menschen wichtig ist, es gedeiht in einer Atmosphäre des Vertrauens." Mit diesem Zitat der Philosophin Sisela Bok schloss Professor Christoph Hommerich am vergangenen Mittwoch Nachmittag beim 112. Ärztetag in Mainz sein Referat zur Freiberuflichkeit des Arztes.

Was dieser Satz konkret bedeutet, demonstrierten die Delegierten am Donnerstagvormittag bei ihren Beratungen über die medizinische Versorgung von Menschen mit Behinderung. Es war eine Diskussion der leisen Töne, eindringlich, kompetent, empathisch, sensibel für die soziale Komplexität der Probleme, mit denen Behinderte und ihre Angehörigen leben müssen. Selbstkritisch wurden die Defizite benannt, die von eigenen ärztlichen Institutionen verantwortet werden müssen - umso glaubwürdiger ist deshalb auch die Kritik an politischen Defiziten.

Politikdebatte mit der Keule statt dem Florett

Diese Sternstunden des Ärztetages setzten einen Kontrapunkt zu den zwei vorangegangenen Tagen, in denen sich Vorstand und Delegierte primär mit der gesundheitspolitischen Großwetterlage auseinandersetzten. Keule statt Florett. Schlagworte statt Argumente. Ideologie statt differenzierter Fakten.

Symptomatisch dafür ist, wie die Führung der Bundesärztekammer eine Wagenburg-Mentalität gegenüber dem Rest der Welt erzeugt, auch dann, wenn diese politische Außenwelt einen konkreten Namen hat: Ulla Schmidt. "Ihre Ideologie ist geprägt von der Vorstellung, nur der angestellte und für sie weisungsabhängige Arzt ist ein guter Arzt. Dabei geht sie aus von einem Arzt, der als Erfüllungsgehilfe Listenmedizin betreibt..." Damit schießt der Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer, Christoph Fuchs, weit über das Ziel hinaus. Listenmedizin hat die Bundesärztekammer selbst gefordert. Bürokratie, wie Ärzte sie in der Praxis spüren, ist nur teilweise Produkt des Gesetzgebers, aber auch von der eigenen Selbstverwaltung erzeugt.

Verlust der Maßstäbe - Zerrbilder von Ärzten

Die Beklemmung und den Zorn von Ärzten dadurch aufzufangen, um in der Rolle von Volkstribunen Ðämonen wie Staatsmedizin oder ein von Kapitalgesellschaften gesteuertes Gesundheitswesen aufzubauen, ist gefährlich. Auf diese Weise entsteht das Zerrbild eines marginalisierten, ferngelenkten Arztes - einer Marionette.

Unsägliche Vergleiche, etwa mit der Honorierung von Friseuren, einem der ärmsten Handwerksberufe überhaupt, werden gezogen. Dem Verlust der Maßstäbe folgt der Verlust an Glaubwürdigkeit und schließlich an Vertrauen.

Der Umgang des Ärztetages mit dem Thema Behinderung zeigte, dass Ärzte und ihre Patienten dies nicht verdienen. Und gerade dies hätte die Regie des Ärztetages priorisieren müssen: Vertrauensbildung.

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