Ärzte Zeitung, 22.12.2009

Berufspolitische Barrieren behindern die Zusammenarbeit von Ärzten und Pflegern

Ärzte sollen Aufgaben an nicht-ärztliche Gesundheitsberufe abgeben. Darüber, ob dies per Delegation oder Substitution geschieht, wird heftig gestritten. Nun soll das Gerangel beendet und die Debatte versachlicht werden.

Von Thomas Hommel

Zumeist geht es um Tätigkeiten wie Wunden versorgen, Magensonden legen, Infusionen wechseln. Der Arzt im Krankenhaus kann diese und andere Aufgaben delegieren - zum Beispiel an qualifizierte Pflegekräfte. Im SRH Zentralklinikum Suhl in Thüringen haben sich Ärzte und Pflegekräfte auf eine Auswahl solcher delegierbarer Tätigkeiten verständigt. "Wichtig war, dass haftungsrechtliche Fragen geklärt werden konnten", sagt der Ärztliche Direktor des Klinikums, Professor Werner Haberbosch.

Bei der Delegation sind rechtliche Fragen zu klären

Denn auch wenn der Arzt eine Aufgabe delegiert, so bleibt er doch in der Anordnungs- und Durchführungshaftung - und zwar für den Fall, dass es beim Patienten zu einer Komplikation kommt und sich anschließend herausstellt, dass der Arzt die persönliche Qualifikation der Pflegekraft, an die er die Aufgabe delegiert hat, nicht korrekt eingeschätzt hat. Genau das passiere nicht selten, sagen Beobachter. Zu oft werde "zwischen Tür und Angel" delegiert.

Auch aus diesem Grund gehört die Delegation zu den Reizthemen zwischen Ärzten und Pflegenden. Aber es geht beileibe nicht nur haftungs-rechtliche Fragen. Es geht auch um Personalschlüssel und Budgets. Beispiel Suhl. Im dortigen Pflegedienst habe es in den vergangenen Jahren einen signifikanten Stellenabbau gegeben, während es im Ärztlichen Dienst zu einem Zuwachs an Personal gekommen sei, berichtet Haberbosch. Angesichts dieser nicht bloß für das Klinikum Suhl typischen Entwicklung habe sich die schwierige Frage gestellt: Wie sollen immer weniger Pflegekräfte auf Station immer mehr ärztliche Tätigkeiten übernehmen? Nach Ansicht von Haberbosch gibt es dafür nur eine Lösung: "Der Kuchen muss neu verteilt werden."

"Der Kuchen muss
neu verteilt werden."

Geld und Personal vom Ärztlichen Dienst hinüber zum Pflegedienst zu verschieben, ist aber nicht immer ganz leicht. "Wenn sich die Delegation aus Sicht eines Krankenhauses wirtschaftlich niederschlagen soll, dann bedeutet das konsequenterweise: Sie müssen Aufgaben und Geld in den Pflegebereich verlagern. Und davor haben natürlich viele Kolleginnen und Kollegen im Ärztlichen Dienst große Angst", sagt Professor Karl Max Einhäupl, Vorstandschef der Berliner Charité. Dort fungieren zwei von 17 Charité Centren als Baukasten für ein Delegationsprojekt, bei dem Ärzte Aufgaben an Pflegekräfte delegieren, die wiederum Aufgaben an Servicekräfte abgeben. "Der Druck zur Veränderung macht einen neuen Umgang mit der klassischen Aufgabenteilung notwendig", betont die Pflegedirektorin an der Charité, Hedwig François-Kettner. Profitieren würden am Ende alle, Ärzte wie Pflegende - und zwar in Form sinkender Arbeitsbelastung.

Klinikarzt Haberbosch aus Suhl wünscht sich angesichts solcher Erfahrungen einen "grünen Tisch", an dem sich alle Beteiligten auf ein gemeinsames Vorgehen beim Thema Delegation verständigen. Eine solche große Konsensrunde habe bisher noch nicht stattgefunden, sagt er.

Delegation ja, Substitution ärztlicher Aufgaben nein

Eine Ursache dafür ist der Streit der Berufsfunktionäre über den Neuzuschnitt der Berufe im Gesundheitswesen und ihrer Kompetenzen. Besonders Pflegeverbände sie zuletzt selbstbewusst vorgeprescht. Sie fordern für die Angehörigen der Pflegeberufe mehr Eigenständigkeit ein. Es müsse nicht immer der Arzt sein, der heilkundlich tätig werde, heißt es. Die Pflege habe sich enorm professionalisiert und sei deshalb in der Lage, heilkundliche Aufgaben im Gesundheitswesen eigenverantwortlich zu erledigen. Für möglich und wünschenswert halten es Pflegeverbände denn auch, dass Ärzte bestimmte Tätigkeiten nicht bloß delegieren, sondern diese komplett an Pflegende abtreten - Substitution anstelle von Delegation also. Das wirke nicht nur gegen den Ärztemangel, sondern sorge obendrein dafür, dass die Pflegeberufe wieder attraktiver, weil interessanter für junge Menschen würden.

Ärztevertreter sehen solchen Forderungen mit gemischten Gefühlen entgegen. "Delegation ja, Substitution auf keinen Fall", betont der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Köhler. Die Übernahme von ärztlichen Aufgaben durch Pflegekräfte laufe darauf hinaus, dass der Arzt mit den Leistungen überhaupt nichts mehr zu tun habe. Deswegen fehle dann auch die notwendige fachliche Aufsicht. "Niemand kann deshalb ernsthaft wollen, dass die Schwester den Arzt ersetzt", sagt Köhler.

Jeder Neuzuschnitt von Aufgaben müsse sich an der Leitplanke Patientensicherheit orientieren, ist auch Dr. Theodor Windhorst, Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, überzeugt.

Funktionäre schlagen wieder versöhnlichere Töne an

Der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Professor Jörg-Dietrich Hoppe, ist dennoch zuversichtlich, dass sich etwas bewegen wird im Dialog zwischen Ärzte- und Pflegeverbänden. Optimistisch stimmt ihn vor allem die neue Führung des Deutschen Pflegerats (DPR). Ratspräsident Andreas Westerfellhaus sei ein "Gesprächspartner, mit dem man das alles gut durchdiskutieren kann", sagt Hoppe - und sendet gleich ein erstes Friedenssignal aus. "Wir kleben nicht an jeder Tat, die unter Arztvorbehalt steht."

Versöhnliche Töne sind auch vom Pflegerat zu hören. "Die Diskussion Delegation versus Substitution muss beendet werden", sagt Ratspräsident Westerfellhaus. "Es geht um Kooperation im Sinne der uns anvertrauten Menschen." Berufspolitische Barrieren, wie sie in der Vergangenheit aufgetürmt worden seien, störten beim Bemühen um eine bessere Versorgung nur, betont Westerfellhaus.

Inhalt Jahresendausgabe 2009

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