Ärzte Zeitung, 22.12.2009

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Wie lockt man junge Ärzte in die Hausarztpraxis auf dem Land?

Kann eine reformierte Bedarfsplanung den Ärztemangel auf dem Land lindern? Es bleibt fraglich, ob sich genügend hausärztlicher Nachwuchs findet, so lange sich das Image der Provinz und des Hausarztes nicht bessert.

Von Rebecca Beerheide

Praxisinhaber sucht Nachfolger - dieser Aushang ist zum Standard in der deutschen Provinz geworden. Etliche Arztsitze sind nicht besetzt. Beispiel Thüringen: Hier fehlen aktuell 111 Hausärzte. Für sechs Planungsgebiete ist bereits eine hausärztliche Unterversorgung festgestellt worden. Ähnlich sieht es in Brandenburg aus, in Sachsen gilt dies für drei Bereiche.

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Eine starke Verschiebung beim Berufsbeginn von Vertragsärzten zeigt sich zwischen 1993 und 2008.

Blickt man in die Zukunft, verbessert sich die Situation nicht: Laut den Zahlen des Bundesarztregisters der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) waren 1994 noch 8,9 Prozent der Vertragsärzte unter 60 Jahren. 2008 sind es bereits 18,1 Prozent. Im gleichen Zeitraum ist der Schwund bei Medizinstudierenden zwischen Beginn des Studiums und dem Praktischen Jahr deutlich gestiegen: Gab es zwischen Studienbeginn 1994 und Praktikumsjahr 2000 noch einen Schwund von 37,7 Prozent, so ist diese - bereits erschreckend hohe Zahl - im Zeitraum drei Jahre später auf 41,6 Prozent gestiegen.

Als Lösung, um den Ärztemangel auf dem Land besser zu bekämpfen, fordern viele Vertreter der Selbstverwaltungen eine Reform der Bedarfsplanung. Denn die seit 1993 geltende Bedarfsplanung richtet sich primär auch darauf, Überversorgung zu verhindern - ein Postulat, dass die KBV erstmals 1983 erhoben hatte. Bei der Berechnung werden die KV-Regionen in Planungsgebiete unterteilt, Arzt- und Bevölkerungszahlen gegenübergestellt. Daraus ergibt sich die Zahl der Arztsitze, die die KV besetzen kann.

Viele Vertreter der Selbstverwaltung fordern deutlich kleinere Planungsbezirke. Denn innerhalb der Bereiche können sich Ärzte ihren Standort frei wählen - eine Konzentration auf attraktive Orte sind die Folge. Außerdem fehlt in der Bedarfsplanung ein demografischer Faktor, bei dem die Alterung der Bevölkerung und die der Ärzte eingerechnet wird. Dritter Punkt: Die Planungen für den ambulanten und stationären Sektor sind getrennt. Gerade in ländlichen Gebieten könnte eine gemeinsame Planung helfen.

Wenn nicht stehlen, woher den Nachwuchs nehmen?

Gleichzeitig gibt es an den Unikliniken immer noch wenig Professuren für Allgemeinmedizin -  ein Umstand, der die Entscheidung für eine Karriere als Hausarzt nicht befördert. Hier bessern viele Medizinfakultäten nach - doch die Auswirkung davon wird erst in Jahren zu spüren sein.

Aber eine Reform der Bedarfsplanung wird nicht die fehlenden Hausärzte in die Provinz bringen. Ein umfangreiches Programm für die primärärztliche Versorgung mahnt der Sachverständigenrat an.

Landesregierungen müssen den Prozess, junge Mediziner zu finden, oft unterstützen. Beispielsweise sieht die Thüringer Landesregierung hier eine Moderatorenrolle, so Gesundheitsministerin Heike Taubert im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung". Das Land hat bereits zusammen mit KV und Kassen eine Stiftung für den Hausärztlichen Nachwuchs aufgelegt. Vermitteln bei der Frage, wie die ärztliche Versorgung auf dem Land sichergestellt werden kann, soll auch ein Runder Tisch in Baden-Württemberg, an dem KV, Landesregierung, Kommunen, Kammer und Kliniken sitzen.

Berufsverbände wie der Hausärzteverband wollen mit Webseiten und Flyern ein besseres Image des Hausarztberufs schaffen. Doch Motivation und Werbung allein reichen nicht aus: So erhalten Medizinstudenten vom Land Sachsen, der KV und den Kassen bis zu 600 Euro pro Monat als Studienbeihilfe. Voraussetzung: Sie verpflichten sich, vier Jahre als Hausarzt in einem unterversorgten Gebiet in Sachsen zu arbeiten. Das Programm soll bis 2014 laufen und ist mit 2,88 Millionen Euro ausgestattet.

Viele Bundesländer locken mit billigen Krediten

Hat ein junger Mediziner die Approbation in der Tasche, greift die nächste Ebene der Förderung: Da eine Weiterbildung in einer Klinik finanziell lukrativer ist, gibt es seit zehn Jahren das Förderprogramm für Allgemeinmedizin. Gemeinsam zahlen KVen und Kassen an den Weiterbildungsassistenten in der Hausarztpraxis 2040 Euro pro Monat. Ab dem 1. Januar 2010 wird dieser Betrag erhöht auf 3400 Euro. Außerdem sollen Koordinierungsstellen den Ablauf der Weiterbildung organisieren.

Dritter Ansatzpunkt ist die Unterstützung mit günstigen Krediten oder Startfinanzierung für die eigene Praxis. Hier locken nicht nur die Länder in Ostdeutschland mit Hilfen, auch die Kommunen in Nordrhein-Westfalen werben mit zusätzlichen Geldern und Unterstützung Ärzte in die Provinz. Bis zu 50 000 Euro stehen für Mediziner bereit, die sich in Regionen niederlassen, deren Versorgungsgrad bei 75 Prozent liegt.

Beihilfe, finanzielle Förderung und billige Kredite - die Programme wecken eine Hoffnung: "Ist einer erst mal da, bleibt er auch." Doch ob die Hoffnungen der Initiatoren erfüllt werden können, bleibt unklar. Dafür muss es eine gründliche Evaluation geben - die bisher bei vielen Programmen aussteht. Bei allem Optimismus: Ob die jungen Ärzte wirklich dauerhaft aufs Land gehen oder sie später lieber die Förderung zurückzahlen, kann keiner vorher sagen.

Inhalt Jahresendausgabe 2009

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