Ärzte Zeitung, 22.12.2009
Ein Präventionsgesetz wird es mit Schwarz-Gelb wohl kaum geben
Unter der schwarz-roten Koalition gescheitert, in der schwarz-gelben Bundesregierung überhaupt kein Thema mehr - und doch könnte es enorm wichtig sein: Das Präventionsgesetz. Denn eine bessere Planung und Abstimmung der vielfältigen Programme wäre sinnvoll.
Von Christiane Badenberg
Schwarz-Rot hat lange und heftig über ein mögliches Präventionsgesetz gestritten. Ebenso haben viele Ärzte, die sich in der Selbstverwaltung engagieren sowie leitende Angestellte bei Krankenkassen Stunden ihres Lebens darauf verwandt, sich über Sinn und Unsinn eines solchen Gesetzes Gedanken zu machen und diese in die Öffentlichkeit zu tragen. Geholfen hat es alles nichts.
Kurz vor dem Ende von Schwarz-Rot hat die CDU das Gesetzesvorhaben scheitern lassen, weil ihr die Vorstellungen von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt zu bürokratisch erschienen.
Heftige Kritik von Kassen und Bundesärztekammer
Schmidt favorisierte eine Präventionsstiftung, die die Gesundheitsvorsorge steuern sollte. Die Stiftung sollte Präventionsziele und Qualitätsstandards ausarbeiten und Aufklärungskampagnen initiieren. Finanziert werden sollte die Stiftung mit 350 Millionen Euro aus den Kassen der Sozialversicherungen sowie Beiträgen aus der Privaten Krankenversicherung. Die Stiftung sollte dann das Geld an verschiedene Vorsorgeprojekte auszahlen. Die Union machte sich dagegen für einen Präventionsrat stark, der nur beratend tätig sein sollte. Die beiden Positionen blieben bis zum Ende der Koalition unvereinbar.
Die Krankenkassen hat das gefreut, weil sie nun weiter größtenteils selber entscheiden können, welche Vorsorgeprojekte sie fördern möchten. Sie schätzen diese Möglichkeit als Marketinginstrument im Wettbewerb, denn bei den medizinischen Leistungen gibt es bekanntlich kaum Unterschiede zwischen den Krankenkassen.
Auch die Bundesärztekammer konnte sich mit den von der sozialdemokratischen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt vorgelegten Vorschlägen für ein Präventionsgesetz kaum anfreunden. Einer der Hauptkritikpunkte: Die Ärzteschaft werde an den Entscheidungen über Präventionsziele, Präventionsprogramme oder Präventionsmaßnahmen nicht beteiligt. Ärztlicher Sachverstand solle nur beratend hinzugezogen werden, kritisierte die Bundesärztekammer.
Dabei zeigt ein Blick in die Gutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen aus den Jahren 2005 und 2009, dass ein koordiniertes Vorgehen bei der Prävention sinnvoll und wünschenswert wäre. So müssen für Planungen zur Prävention zum Beispiel die Wirtschafts- und Sozialpolitik, die Bildungspolitik, der Verbraucherschutz sowie Ernährung und Landwirtschaft sowie Verkehr, Bau- und Wohnungswesen sowie die Umweltpolitik berücksichtigt werden, meint zum Beispiel der Sachverständige Professor Rolf Rosenbrock.
Sachverständigenrat kritisiert Planlosigkeit
So muss nach seiner Meinung für diese Bereiche ein "gemeinsamer Zielhorizont, Konsens über die Eignung von Strategien sowie eine enge (...) Kooperation der Akteure in unterschiedlichen Lebensbereichen und Politikfeldern", entwickelt werden. So kritisiert Rosenbrock unter anderem, dass viele chronische Krankheiten verhaltens- und konsumbedingt entstehen, Vorsorgeprogramme sich aber häufig darin erschöpften, die Betroffenen lediglich zu einer Änderung zum Beispiel ihrer Essgewohnheiten zu bewegen. Es würde über Gefahren aufgeklärt und es würden erzieherische Maßnahmen angeboten. "Dieser Art der Prävention fehlt aber oft der Bezug zu den Entstehungsbedingungen von Verhaltens- und Konsummustern", so Rosenbrock. Deshalb sei die Effektivität dieser zielgruppen- und kontextunabhängiger und auf Risikoinformation und Gesundheitserziehung reduzierter Programme gering, schreibt der Präventionsexperte im Gutachten des Sachverständigenrats von 2005.
Vier Jahre später sehen die Sachverständigen bei der Prävention zwar bereits durchaus einige Fortschritte. So zum Beispiel, dass bei Programmen, die vom Bund initiiert werden, Qualitätssicherung und Evaluation immer stärker berücksichtigt werden. Aber bei vielen anderen Programmen bleibe das Verhältnis zwischen Leistungsberichten, Absichtserklärungen und tatsächlich neuen Programmen oft intransparent. Auch sei häufig nicht klar, ob und wie Programme aufeinander abgestimmt würden.
Experte begräbt Hoffnung auf Präventionsgesetz
Der Präventionsexperte Rosenbrock hat wenig Hoffnung, dass unter der schwarz-gelben Bundesregierung richtungsweisendere Präventionsprogramme entwickelt werden. Er liest aus der Koalitionsvereinbarung eher heraus, dass in dieser Legislaturperiode kein Präventionsgesetz zu erwarten ist. "Es wäre jedoch nach wie vor dringend nötig, der Primärprävention die Legitimation eines Bundesgesetzes zu geben, damit sie nicht immer nur Anhängsel bleibt", sagte Rosenbrock kürzlich im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".
Inhalt Jahresendausgabe 2009
-
Editorial
- Krankenkassen und ihre Finanzierung I
In der Wirtschaftskrise wirkt der Gesundheitsfonds wie ein Schutzschirm
Aus dem Koalitionsvertrag
Was nun, Herr Rösler?
- Krankenkassen und ihre Finanzierung II
Ein neuer Anlauf zur Gesundheitsprämie
Die Schweizer sind mit ihrer Kopfpauschale kreuzunglücklich
Holländische Mischung: Prämie und nur ein Versicherungsmarkt
Aus dem Koalitionsvertrag
Was nun, Herr Rösler?
- Die Zukunft der PKV
Aufatmen bei den Privaten - aber wie wirkt die steuergestützte GKV-Prämie?
GOÄ-Novelle wird zum Machtkampf von Ärzten und PKV
Aus dem Koalitionsvertrag
Was nun, Herr Rösler?
- Medizinischer Fortschritt
Hürden für Innovationen - wie die ambulante Medizin benachteiligt ist
Mezzanine Versicherungen - Teilhabe am Fortschritt
Aus dem Koalitionsvertrag
Was nun, Herr Rösler?
- Vertragspolitik
Koalition lässt Hausärzteverband gewähren
KBV-Verträge verstauben in der Schublade
Aus dem Koalitionsvertrag
Was nun, Herr Rösler?
- Honorarpolitik
Ein Kraftakt und viel Frustration
Kommt ein Fiasko für den Osten?
Immer einheitlich - KV Hamburg stöhnt unter diesem Diktat
Nordrhein schaut in die Röhre, weil die RLV zu knapp sind
Mehr Qualität, mehr Geld: Bayern setzt auf diese Gleichung
Westfalen-Lippe - wo versickert das Geld für die Region?
Aus dem Koalitionsvertrag
Was nun, Herr Rösler?
- Ärztliche Versorgung
Wie lockt man junge Ärzte in die Hausarztpraxis auf dem Land?
Aus dem Koalitionsvertrag
Was nun, Herr Rösler?
- Neue Versorgungsformen
MVZ - Monopol für Ärzte?
Aus dem Koalitionsvertrag
Was nun, Herr Rösler?
- Kooperation und Arbeitsteilung
Berufspolitische Barrieren behindern die Zusammenarbeit von Ärzten und Pflegern
Delegation ja - aber wenn, dann am ehesten an die eigene MFA
Wie ist die Praxis - und wo stecken die Probleme?
Reha soll künftig Vortritt vor Pflege haben
Aus dem Koalitionsvertrag
Was nun, Herr Rösler?
- Reform der Pflege
Von einem neuen Pflegebegriff sollen vor allem Demenzkranke profitieren
Sparstrumpf für Pflege - wie gestrickt?
Aus dem Koalitionsvertrag
Was nun, Herr Rösler?
- Prävention
Ein Präventionsgesetz wird es mit Schwarz-Gelb wohl kaum geben
Prävention - da raschelt das Papier
Schulobstprogramm gescheitert
Aus dem Koalitionsvertrag
Was nun, Herr Rösler?
- Arzneimittelversorgung I
Deregulierung, Kalkulierbarkeit, Kümmern um die Versorgung chronisch Kranker
Sollen, müssen, dürfen, können - wer lichtet den Schilderwald im Arzneimarkt?
Aus dem Koalitionsvertrag
Was nun, Herr Rösler?
- Arzneimittelversorgung II
Die Weltformel für Kosten-Nutzen-Studien könnte am Ende der Wettbewerb sein
Der Erfolg der Rabattverträge wird der Politik unheimlich
Aus dem Koalitionsvertrag
Was nun, Herr Rösler?
- Telematik
Ist die Gesundheitskarte ein Auslaufmodell, oder gibt es einen Neustart 2010?
Praxisabläufe kommen auf den Prüfstand
Aus dem Koalitionsvertrag
Was nun, Herr Rösler?
- Abbau von Bürokratie I
Weniger Bürokratie ist möglich - "man müsste uns Ärzten nur vertrauen"
Der tägliche Verwaltungskram kostet Praxen Milliarden Euro
Bürokratieabbau im Kleinen und Lobbyarbeit im Großen
Die tägliche Mühsal mit Formularen
Billiger Aktionismus nützt nichts
Abbau-Vorschläge: Oft wenig praxisrelevant
Kollege Computer als Helfer in der Bürokratie-Falle
Aus dem Koalitionsvertrag
Was nun, Herr Rösler?
- Abbau von Bürokratie II
Steuergeschenke gibt's nicht gratis
Ein Nachweis für jeden geliehenen Cent
Mehr Freiraum bei der Mitarbeiterwahl
Im Ausland studiert: Jetzt fallen die Hürden für Ärzte
Aus dem Koalitionsvertrag
Was nun, Herr Rösler?
- Propädeutikum für Gesundheitsminister
Minister Rösler ist gerüstet - jetzt kommen die schwarz-gelben Reformen
- So seh´ ich es
Weihnachtswünsche für die Prominenz

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