Ärzte Zeitung, 19.01.2010

Kasse beklagt "Arztrennerei" der Deutschen

In Deutschlands Arztpraxen hieß es im Jahr 2008 gleich 1,5 Milliarden Mal: "Der nächste Patient, bitte." Das ist Weltspitze, wie aus dem gemeinsamen Arztreport der fusionierten Krankenkasse Barmer GEK hervorgeht.

Von Anno Fricke

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Praktisch alle gesetzlich Versicherten haben im Jahr 2008 mindestens einmal einen niedergelassenen Arzt aufgesucht.

BERLIN. 18 Arztkontakte je Versichertem im Jahr: Bei den Verantwortlichen der größten gesetzlichen Krankenkasse in Deutschland Barmer GEK weckt dies zwiespältige Gefühle. "Das ist ein Indiz für eine hohe Akzeptanz des Arztangebots", sagte Barmer GEK-Vize Rolf-Ulrich Schlenker bei der Vorstellung des ersten gemeinsamen Arztreports des fusionierten Hauses. Offensichtlich müssten zumindest die Patienten in Hausarztpraxen keine lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Sonst würden sie nicht so oft zum Arzt gehen.

Mit 18 Arztkontakten pro Versichertem in einem Jahr liegt Deutschland international an der Spitze. In Schweden wurden von der OECD 2006 gerade 2,8 Kontakte registriert.

In Deutschland sind den Barmer GEK-Daten zufolge 77 Millionen Menschen 2008 mindestens einmal zum Arzt gegangen. Das führte zu 614 Millionen Behandlungsfällen. 2007 waren es noch 586 Millionen Fälle gewesen. 57 Prozent der Patienten waren im Berichtsjahr bei vier und mehr Ärzten in Behandlung.

Die häufigsten Diagnosen 2008 waren Rückenschmerzen (26 Prozent), Bluthochdruck (25,4 Prozent), Sehstörungen (21,5 Prozent) und Fettstoffwechselstörungen.

Die "Arztrennerei" könne auch auf eine angebotsinduzierte Nachfrage, also auf ein Überangebot an Ärzten, oder auf Koordinationsmängel in der Patientensteuerung hinweisen, sagte Schlenker. Ersteres lässt sich aus den Zahlen des Reports nicht herauslesen. Die Bewohner Sachsen-Anhalts, einem Land mit geringer Arztdichte, gehen kaum weniger häufig zum Arzt als die in Bayern und Baden-Württemberg, wo sich deutlich mehr Ärzte niedergelassen haben.

Die fehlende Steuerung sieht Schlenker hingegen sehr wohl. Die Fakten deuteten auf Drehtüreffekte und Doppeluntersuchungen hin.

Kritik äußerte Schlenker an den kurzen Sprechzeiten. Bei rechnerisch acht Minuten Zeit pro Patientenkontakt sei der nächste Besuch des Patienten in der Praxis abzusehen. Ließen sich Ärzte sich mehr Zeit, könnten Folgebesuche beim selben oder bei einem anderen Arzt mit dem gleichen Anliegen vermieden werden, glaubt Schlenker.

Die Praxisgebühr schrecke diejenigen, die sie bezahlen müssten, nicht mehr ab. Allerdings lasse sie sich kaum ersetzen. Dafür habe sie mit zwischen 1,5 und zwei Milliarden Euro im Jahr zu viel Gewicht erlangt. Der richtige Ansatz sei der Hausarzt als Steuermann durch das Gesundheitssystem, warb Schlenker für einen Ausbau der hausarztzentrierten Verträge. Diese Verträge müssten jedoch mit verbindlichen Qualitätszielen ausgestattet werden. Die bisherigen Verträge verschafften den Ärzten nur mehr Geld, der Nutzen für die Versorgung sei fraglich.

Für eine hausarztzentrierte Versorgung nach den Vorstellungen der Barmer GEK forderte Schlenker Vertragsfreiheit und die Änderung des Paragrafen 73b SGB V. Nicht nur Hausarztverbände und Kassen sollten dabei Partner sein. Zur Sicherstellung der Versorgung müssten die KVen ins Boot genommen werden.

Die Barmer GEK räumt ein, dass es sich bei 18 Patientenkontakten um eine hochgerechnete Zahl handelt. Mit der pauschalierten Vergütung haben die Wissenschaftler den Zugriff auf exakte Daten verloren. Tatsächlich belegt sind für 2008 nur 13,5 Arztkontakte je Versichertem.

Für die Versorgungsforschung sei die pauschalierte Vergütung ohne gezielte Dokumentation grundlegender Leistungsparameter schlecht, so Professor Friedrich-Wilhelm Schwartz, Leiter des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Hannover. Sie führe zu Intransparenz. Effekte der Versorgung könnten nicht belegt werden.

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Die Bundesbürger sehen ihre Ärzte immer häufiger

[20.01.2010, 16:47:48]
Dr. Stefan Krüger 
Nicht zu ueberbietender Sarkasmus
Also das schlaegt doch wirklich dem Fass den Boden aus: Da "rennen die Patienten viel zu oft zum Arzt" und Schuld daran sind – na klar, die Ärzte! Gäbe es weniger Ärzte, so die perfide Logik, gäbe es auch längere Wartezeiten, was die Patienten dann abschrecken wuerde, weil die Praxisgebühr allein offensichtlich nicht mehr genügend abschreckt. Und würden sich die Ärzte mehr Zeit für die Patienten nehmen, würden sie auch nicht so schnell wiederkommen?!? Und würden sich die Ärzte nicht die Patienten gegenseitig zuweisen, gäbe es ebenfalls weniger Arztbesuche.
Ich frage mich, ob eine solche Aussage mit einer Spitzenposition in einer großen gesetzlichen Krankenkasse vereinbar ist. zum Beitrag »
[20.01.2010, 14:49:01]
Dr. Edgar Remmel 
Erst der Kollaps wird es richten,
Es ist eine logische Entwicklung dass einer budgetierten, nicht kostendeckenden Honorierung und einem Arzneibudget auch von nur (pseudoselbsständigen) Leistungserbringern (früher als Ärzte ein angesehner Beruf, heute als allgemein anerkannter Störfaktor eine zu vernichtende Entität im Gesundheitssystem) eine Budgetierte Leistung gegenübersteht. Dies spürt der Patient und sammelt sich seine Unterbudgets an Leistungen und Veordnungen zusammen. Auch Kollegen überweisen zum Regressschutz bei Fusspilz zum Hautarzt und für die Hämorrhoidensalbe zum Proktologen.
So lange eine Kassennomenklatura in planwirtschaftlichem Grössenwahn mangels eigentlicher Aufgabe (Geldeinsammeln von Versicherten, erledigt heute Bankeinzug) glaubt das System, von dem sie letztlich nichts versteht, an Hand von Kenndaten steuern zu könnenn wird der Knoten nicht platzen.
Erst wenn das System kollabiert ist kann vielleicht eiim größten Wirtschaftszweig der Repulik auch wieder vernünftig organisert werden, wie es die Industrie schon lange gelernt hat. (Auch im postkommunistischen Russland, und China).
Mit flachen Hierarchien von kompetenten Spezialisten (selbstregulation der Ärzte nach bürgerlichen Handlungsmuster und nicht kommunistischer planphantasie) und ehrlicher Argumentation gegenüber den Kunden: Der durchaus aktzepiert dass er die weniger werdenden Beitragszahler nicht unendlich auslaugen kann, wenn im das offen gesagt wird.
Aber immer der Reihe nach, auch die planwirtschaftler in Russland, DDR und die Staatsbanken haben es ert nach dem Kollaps kapiert.
Das wird in den Kassenhierachien und in Nordkorea genauso sein. zum Beitrag »
[19.01.2010, 21:53:17]
Dr. Uwe Stolz 
Schon wieder 18 (+) ?
Es wäre nicht das erste mal, dass Daten, die auf wackligen Beinen stehen immer wieder abgeschrieben und publiziert werden. Aktuelles Beispiel ist die Zahl von angeblich 18 Arzt-Patientenkontakten pro Jahr durchschnittlich in Deutschland. Was wird da summiert? Die Patienten, die am Empfang Überweisung oder Rezept begehren - ohne dem Doktor zu begegnen? Die Patienten, die zur Blutabnahme, zum EKG, zum Verbandswechsel oder zur Mikrowelle kommen - ohne dem Doktor zu begegnen. Die Zahl 18(+) war schon einmal ein Flop in Deutschland! DeutschlandDeutschland!  zum Beitrag »
[19.01.2010, 19:41:07]
Cornelia Klettke 
Selber Schuld
Die Kassen sind doch selbst schuld. Mit Einführung der Praxisgebühr. Hat man die 10 Euro bezahlt will man dafür auch was bekommen. Es gibt auf der anderen Seite auch schon viele Patienten die gerade wegen der 10 Euro nur noch zum Arzt gehen wenn es nicht anders geht, dadurch werden Krankheiten verschleppt und die Heilung dauert länger und man muss öfter zum Arzt. Wer sich diesen M... ausgedacht hat ist ganz schön daneben getreten zum Beitrag »

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