Ärzte Zeitung, 17.10.2012

Versorgungsforschung

Jetzt wird um den Kirchturm geblickt

Daten zu Arbeitslosigkeit und Einkommen - mit ihnen wollen Forscher mehr Licht ins Dunkel der medizinischen Versorgung bringen. Denn bislang sind die Ergebnisse in manchen Regionen schlicht verzerrt.

Von Anno Fricke

Rund um den Kirchturm kann die Forschung noch genauer hinsehen

Kirchturm in Bayern: Wie um ihn herum die medizinische Versorgung strukturiert ist, wird noch erforscht.

© imagebroker / imago

BERLIN. Alter und Geschlecht der Bewohner einer Region sowie deren Morbidität lassen recht genaue Rückschlüsse auf den medizinischen Versorgungsbedarf zu.

Darüber waren sich die Fachleute beim Forum "Räumliche Versorgungsforschung" des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) einig.

Die Trefferquote liege im Schnitt bei 95 Prozent, sagte der ZI-Leiter, Dominik von Stillfried, der "Ärzte Zeitung".

Dennoch bestehen die Zweifel weiter, ob das Wissen über die regionalen Versorgungsstrukturen schon ausreicht.

Nach Ansicht von Fachleuten müssten zusätzlich soziodemografische Daten wie Arbeitslosigkeit, Einkommensverteilung, Mitversorgereffekte rund um die Städte und Umweltbedingungen herangezogen werden, um den Versorgungsbedarf einer Region einzuschätzen.

Sie sehen die Gefahr, dass eine Bedarfsermittlung nur auf Grundlage der bisherigen Messmethoden Fehlentwicklungen in der Zukunft provozieren könnten.

Ein Beispiel: Der schwach ausgebaute ambulante Sektor in Sachsen-Anhalt könnte auf seinem heutigen Niveau eingefroren werden, wenn die Datengrundlage für die Versorgungsplanung nicht verbreitert werde.

Dass diese Gefahr real ist, lässt sich belegen. Die Gesundheitsökonomin Professor Leonie Sundmacher von der TU Berlin hat sich die Verteilung unnötiger Krankenhauseinweisungen angeschaut und festgestellt.

Eine U-Kurve bei den Klinikeinweisungen

Die These, dass viele unnötige Einweisungen auf einen bedenklichen Zustand des ambulanten Sektors hinweisen, lässt sich nicht halten.

"Die ambulant sensitiven Krankenhauseinweisungen werden von der Morbidität getrieben und reflektieren nicht unbedingt die Qualität", sagte Sundmacher beim ZI-Forum in Berlin. Die Morbidität wiederum korreliere mit der Arbeitslosigkeit.

So zähle zum Beispiel der Landkreis Havelland bei Berlin zu den Regionen mit der höchsten Anzahl von unnötigen Einweisungen.

Rechne man die dort herrschende hohe Arbeitslosigkeit ein, lande der Kreis aber im Mittelfeld der 411 deutschen Stadt- und Landkreise.

Umgekehrt verhält es sich im bayerischen Weißenberg. Der Kreis verzeichne wenige unnötige Krankenhausfälle, sagt Sundmacher.

Ins Verhältnis gesetzt zu der niedrigen Arbeitslosigkeit, sorgten sie allerdings dafür, dass Weißenberg zu den zehn Prozent der Kreise am unteren Ende der Skala zähle.

Sundmachers Botschaft ist zweigeteilt: Mehr Ärzte, die mehr behandeln, können Krankenhauseinweisungen senken. Ab einer Ärztedichte von 211 pro 100.000 Einwohner jedoch steigen sie wieder.

Erste Länder wollen die neuen Daten nutzen

Für genauere Analysen soll aber nicht nur die Bevölkerung stärker gewichtet werden, sondern auch die Angebotsseite.

Zur Aufklärung von Unterschieden in der Versorgung leiste die Ermittlung der Vertragsarztdichte allein keinen Beitrag, stellte Steffen Bohm von der Berliner Unternehmensberatung Agenon fest.

In Zukunft könnten auch die Arbeitszeiten der Ärzte und Praxisschwerpunkte in die Forschung einfließen.

Die Versorgungsforscher verfügten über das wissenschaftliche Instrumentarium, diese Daten mit den Routinedaten zusammenzuführen, sagte von Stillfried. Es sei allerdings unklar, ob die zuständigen Politiker dies überhaupt wollten.

Angesprochen sind damit vor allem Landespolitiker. Nach allem, was bekannt ist, will der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) die Bedarfsplanungsrichtlinie möglichst schlank halten. Die Vorgaben der Bundesebene sollen überschaubar bleiben.

Die Versorgungsforschung ausbauen zu wollen, haben Bayern und Hamburg angekündigt.

Wie sich die Ergebnisse einer exakteren Forschung in Arztzahlen niederschlagen werden, lasse sich nicht beziffern, sagte von Stillfried. Der Versorgungsbedarf steige.

Jedoch bleiben blinde Flecken: So sei unklar, wie sich die Verschiebungen in der Arbeitsteilung zwischen ambulantem und stationärem Sektor niederschlügen.

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