Ärzte Zeitung online, 07.11.2013

Wissenschaftler fordern

Qualitäts-Rangliste für Krankenhäuser

Wie kann die Versorgungsqualität in Kliniken verbessert werden? Wissenschaftler der Boston Consulting Group empfehlen eine Art Stiftung Warentest für die deutschen Krankenhäuser - und haben noch eine weitere Idee.

Von Anno Fricke

Qualitäts-Rangliste für Krankenhäuser

Wie viele Operationen bedeuten Qualität? Eine Beratungsfirma schlägt Klinikrankings vor.

© Davorin Wagner

BERLIN. Eine weitreichende Umgestaltung der Kliniklandschaft in Deutschland empfehlen Wissenschaftler der Boston Consultant Group (BCG). Zwei Neuerungen könnten nach Ansicht der Autoren den Qualitätswettbewerb zu Gunsten der Patienten befeuern.

Ein Ranking-Portal sollte in der Art der Stiftung Warentest Ärzte und Patienten darüber informieren, welche Ärzte in welchen Krankenhäusern am besten Hüftgelenke austauschen oder Mandeln entfernen.

Krankenkassen sollten zudem die Möglichkeit erhalten, ohne Kontrahierungszwang für bestimmte Leistungsbereiche mit Kliniken Einzelverträge abschließen zu können.

Seitens der Politik sollten zudem Strukturen vorgegeben werden, die zu Mengenbegrenzungen und Spezialisierungen im stationären Sektor führten.

Schlechte Noten für freie Krankenhauswahl

So ließen sich die Versorgungsqualität verbessern und Gesundheitsausgaben verringern, heißt es in der Untersuchung "Qualitätswettbewerb - Chancen für Deutschlands Gesundheitssystem", die der "Ärzte Zeitung" vorliegt.

Zwei Beispiele: Würden alle Patienten in Deutschland, die ein künstliches Hüftgelenk benötigten, in die besten 20 Prozent der Krankenhäuser gesteuert, ließen sich rund 75 Millionen Euro und damit fünf Prozent der jährlichen GKV-Ausgaben für Hüft-OP-Patienten einsparen, heißt es darin.

Beobachtungen in den USA hätten gezeigt, dass Patientengruppen, die mittels einer Positivliste zu ausgewählten Leistungserbringern gesteuert wurden, eine um 60 Prozent geringere Ein-Jahres-Mortalität aufgewiesen hätten als Patienten mit uneingeschränkter Krankenhauswahl.

Fallwerte variieren stark

Die Studie geht davon aus, dass es erhebliche Unterschiede in der medizinischen Versorgungsqualität in Deutschland gibt.

Bei Lungenentzündungen, Risikogeburten, Gallenblasenentfernungen und Hüft-Endoprothesen-Erstimplantationen seien die Chancen sehr ungleich verteilt.

"Bei Hüftimplantationen variiert die Wahrscheinlichkeit einer Reoperation risikoadjustiert um mehr als den Faktor 20", heißt es in der Studie.

Die Autoren haben bei verschiedenen Indikationen die 25 Prozent der Kliniken mit den wenigsten Komplikationen identifiziert.

Die vergleichen sie risikoadjustiert jeweils mit dem neunten Dezil auf der Qualitätsskala, also Kliniken, in denen es zu mehr Komplikationen kommt.

Die vier Beispiele seien repräsentativ für alle Behandlungen, die derzeit von der gesetzlichen Qualitätssicherung abgedeckt würden.

Studie: Mehr Fälle bedeuten bessere Qualität

Als eine der Hauptursachen für die Qualitätsunterschiede haben die Autoren die laxen Mengenregelungen ausgemacht. In Berlin würden zwölf Krankenhäuser Prostataektomien anbieten. Die Fallzahlen variierten zwischen 13 und 792 Eingriffen.

Dazu kämen neun Krankenhäuser im Umland der Hauptstadt, die zwischen sechs und 106 Prostatas im Referenzjahr entfernten.

Bei Hüftimplantationen werden die Verhältnisse noch krasser. Mehr als 1000 Krankenhäuser bieten sie an. Ihre Fallzahlen liegen zwischen sieben und mehr als 1000 im Jahr.

Es gebe einen positiven Zusammenhang von Fallzahl und Qualität, schreiben die BCG-Autoren. Je höher die Fallzahl desto verlässlicher lägen die Komplikationsraten bei einem niedrigen Wert.

Eine stärkere Konzentration jeweils auf die Kernkompetenzen einer Klinik würde keinesfalls bedeuten, dass die Menschen auf dem Land nicht mehr wohnortnah versorgt werden könnten, stellen die Autoren der BCG-Studie fest.

Eine Mindestfallzahl in der Wirbelsäulenchirurgie von 200 pro Jahr und Krankenhaus würde die durchschnittliche Fahrzeit zur Klinik für die Patienten lediglich um 14 Minuten verlängern.

Unzulängliche Transparenz

Die bisherigen Patienteninformationen halten die Autoren der Studie für unzureichend. Die gesetzliche Qualitätssicherung sei zwar ein guter erster Schritt.

Hinsichtlich der Transparenz sei sie jedoch unzulänglich, stellen die Autoren fest. Zudem decke sie nur 22 Prozent der Behandlungen ab.

Die Kliniken sind verpflichtet, Qualitätsberichte zu veröffentlichen. Der Gemeinsame Bundesausschuss ergänzt diese Informationen im Qualitätsreport um aggregierte Daten aus 30 Leistungsbereichen.

Die BCG-Studie merkt an, dass die darin angeführten Daten für Patienten wenig verständlich und nicht wirklich wichtig seien.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar:
Wer hat Angst vor Qualität im Krankenhaus?

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