Ärzte Zeitung online, 16.06.2017

Big Data

Warum Gröhe lieber von "Individualisierter Medizin" spricht

Große Mengen von Patientendaten für Forschung und Versorgung nutzen? Das stößt bei vielen auf Bedenken. Auf dem Digital-Gipfel gab sich ein prominentes Panel unisono: Neben der Technik müsse auch der Umgang mit Ängsten modernisiert werden.

Von Jana Kötter

Für den Eingang in die Versorgung ist Umdenken nötig

Podium beim Digital-Gipfel 2017 (von rechts): Forschungsministerin Professor Johanna Wanka (CDU), Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), Fakultätentag- Präsident Professor Heyo Kroemer, IBM-Chefin Martina Koederitz und Ethikrat-Vorsitzender Professor Peter Dabrock.

© Jana Kötter

LUDWIGSHAFEN. Damit Big Data flächendeckend in die Patientenversorgung Einzug hält, ist einerseits die entsprechende technische Infrastruktur nötig. Andererseits ist dafür aber auch ein "Kulturwandel" bei Ärzten und Patienten gefragt. Darüber herrschte bei einer Podiumsdiskussion auf dem Digital-Gipfel der Bundesregierung, der sich in diesem Jahr der Digitalisierung im Gesundheitswesen verschrieben hat, Einigkeit.

Das Thema Big Data sei in der Bevölkerung mit großen Ängsten verbunden, betonte Bundesforschungsministerin Professor Johanna Wanka (CDU). Jeder Zweite wisse zwar nicht, was sich hinter dem Begriff verbirgt, gebe in Umfragen aber an, Angst davor zu haben. "Hier müssen wir gezielt Vertrauen erzeugen", so Wanka. "Das ist auch mit einer entsprechenden Kommunikation, etwa im Arzt-Patienten-Gespräch, verbunden."

"Individualisierter Medizin" statt "Big Data"

Für Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) schlägt sich dies bereits in der Wortwahl nieder: Er spreche lieber von "individualisierter Medizin" als von "Big Data", auch weil sich die Patienten darunter mehr vorstellen könnten. "Bei ,Big Data‘ schwingt für viele der ,Big Brother‘ mit. Die Angst vor einer Überwachung ist groß", beobachtet Gröhe. Gleichzeitig sei ein bedeutender Teil der Bürger bereit, Gesundheitsdaten zur Verfügung zu stellen – insbesondere im Fall einer eigenen Erkrankung.

Eine Blitzumfrage unter den Gästen des Digital-Gipfels wies in dieselbe Richtung: So haben fast 200 Besucher spontan über ihr Smartphone über die Frage abgestimmt, ob sie sich gar einen Chip implantieren lassen würden, um Gesundheitsdaten fortlaufend zu kontrollieren und den Arzt zu informieren.

Während sich deutliche Entschlossenheit und Ablehnung die Waage hielten (beide etwa 40 Stimmen), gaben fast 110 Besucher die Antwort "Nur bei einer schweren Erkrankung".

Dabei komme der Kommunikation vor allem dann eine immense Rolle zu, wenn Präzisionsmedizin etwa die Ablehnung einer Therapie bedeute. "Wir sprechen immer über die positiven Aspekte von Big Data", sagte Professor Heyo Kroemer, Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT). "Dabei kann Präzisionsmedizin im Falle einer solchen Ablehnung auch deutlich negativ konnotiert sein."

Umso wichtiger sei es, Ärzte in ihrer Kompetenz zu stärken. Kroemer plädierte deswegen dafür, das Thema Digitalisierung bereits in der Ausbildung zu verankern, um auch bei Ärzten mehr Wissen zu schaffen und so vorhandene Skepsis abzubauen.

Vertrauen als Basis für Datenbereitstellung

"Wir müssen Vertraulichkeit ausstrahlen, damit Menschen bereit sind, ihre Daten zu teilen", sagte Professor Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrates. Die Datenhoheit müsse bei dem Patienten verbleiben – jedoch sei die Frage nach dem Dateneigentümer zweitrangig bis gar schädlich, etwa wenn es zu der Situation kommt, dass Patienten ihre Daten an die Forschung verkaufen könnten.

"Wir müssen viel mehr über die Datennutzungsverantwortung sprechen", plädierte Dabrock. Er kündigte an, der Ethikrat werde bis zum Jahresende eine Empfehlung zum Umgang mit Big Data vorlegen.

Martina Koederitz, Vorsitzende der Geschäftsführung von IBM Deutschland, betonte neben Bildungsministerin Wanka die Wichtigkeit, Daten für die Forschung zugänglich zu machen. Ihr Unternehmen arbeite etwa mit dem Münchener Leukämie-Labor mit über 500.000 Datensätzen zusammen (die "Ärzte Zeitung" berichtete). "Auch im Bereich der Seltenen Erkrankungen bietet Big Data enorme Chancen für neue Therapien", erinnerte Koederitz.

Auch in der Forschung sieht Gröhe dabei die Notwendigkeit eines Kulturwandels. So seien bislang vor allem Insellösungen entwickelt worden – aufgrund technischer Hürden, aber auch aufgrund einer falschen Mentalität.

"In Sachen Interoperabilität können wir als Staat eingreifen", so Gröhe. "Gleichzeitig muss aber auch eine neue Kollegialität entstehen." Das könnte sich künftig etwa darin bemerkbar machen, dass mehr Nobelpreise an Forscherteams und nicht an Einzelkämpfer verliehen werden.

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