Ärzte Zeitung, 25.03.2015

Ärztenetze

Hoffen auf Status als Leistungserbringer

Die große Koalition setzt mehrere Hebel an, um die Versorgung mit ärztlichen Dienstleistungen auf dem Land zu sichern. Einer davon ist die Förderung von Ärztenetzen.

Von Anno Fricke

Hoffen auf Status als Leistungserbringer

Kollegialität im Verbund: Bei Ärztenetzen ist das nicht nur Anspruch, sondern Realität.

© Klaus Rose

BERLIN. Dass vernetzte Strukturen die Versorgung in einer Region oder für eine Indikation aufwerten können, hat der Gesetzgeber erkannt.

Aus den Mitteln der Strukturfonds können nun ausdrücklich auch Praxisnetze gefördert werden. Aber auch wenn eine KV keinen Strukturfonds aufgelegt hat, ist sie künftig verpflichtet, Praxisnetze zu fördern.

"Die Netze sind im Bewusstsein der Politik angekommen, sagte der CDU-Gesundheitspolitiker Michael Hennrich beim Symposium "Praxisnetze - Randerscheinung von heute oder Blaupause für die Versorgung von morgen?" der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in Berlin. Sie könnten Treiber sein für den Einsatz der Informationstechnologie im Gesundheitswesen.

Hennrich berichtete, derzeit werde im Gesundheitsministerium geprüft, ob Netzen ein Leistungserbringerstatus zugebilligt werden könne. Man gehe der Frage nach, ob der Leistungserbringerstatus regionalisiert werden könne. "Da sind wir dran", sagte Hennrich.

Der Leistungserbringerstatus, ein erklärtes Ziel der Agentur Deutscher Arztnetze, eröffnete den Arznetzen unter anderem die Möglichkeit, eigene MVZ zu betreiben.

Gassen: Netze als Innovatoren in wohnortnaher Versorgung

Die Netze sind ein wachsendes Segment. 32 Prozent der niedergelassenen Ärzte, mithin also rund 45 000 Ärzte, sind laut dem Ärztemonitor 2014 in einem Netz organisiert.

Das sind fünf Prozent mehr als noch 2012. Für KBV-Chef Dr. Andreas Gassen sind Netze als "Innovatoren in der wohnortnahen Versorgung" geeignet.

Als Hüter des Kollektivvertrags sieht Gassen jedoch in der Verpflichtung zur Förderung einen "vergifteten Apfel". Statt den Mut aufzubringen, Aufbau und Organisation der Netze extrabudgetär vergüten zu lassen, setze der Gesetzgeber auf Umverteilung der Mittel der morbiditätsorientierten Gesamtvergütung, sagte Gassen.

In der Umverteilung Richtung der Minderheit der Netzärzte schlummere aber die Gefahr der Stigmatisierung der Ärzte, ergänzte KBV-Dezernent Dr. Bernhard Gibis, (KBV).

Möglicherweise ist das der Grund, warum immerhin acht KVen nach Angaben der Agentur Deutscher Arztnetze (ADA) noch keine Netze anerkannt und die Rahmenvorgabe der KBV aus dem Jahr 2013 nicht umgesetzt haben.

Dabei handele es sich um Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein, Rheinland-Pfalz, Saarland und Thüringen.

Ärztenetze müssen sich erst beweisen

In der Frage der Finanzierung der Netze sind sich Koalition und Opposition jedoch einig. Mehr Geld sei nicht im Interesse der Netze, betonte Hennrich.

"Wir sollten erst schauen, ob Ärztenetze auch unter den bestehenden Bedingungen erfolgreich sein können", sagte das Mitglied des Gesundheitsausschusses. Unterstützung erhielt er von Dr. Harald Terpe, gesundheitspolitischer Sprecher der Fraktion der Grünen.

Man müsse zunächst beobachten, was diese Form der Versorgung leiste und erst dann über die Finanzierung nachdenken. Es sei allerdings klar, dass sich Netze nicht tragen könnten, wenn sie nur mit einer Kasse einen Vertrag hätten.

Der am Wochenende wiedergewählte Vorsitzende der ADA, Dr. Veit Wambach, betonte, ADA-Politik sei es, das KV-System zu stärken. Netze seien in der Lage, lokale Versorgungsdefizite aufzuspüren. Dann gelte es, gemeinsam mit KVen und Kassen einen Versorgungsauftrag umzusetzen.

Das Netz als lokale Ergänzung des Kollektivvertrags findet auch Zustimmung in der KBV. "Ich kann mir keine besseren Strukturen als das Arztnetz für die Zusammenarbeit mit Kommunen und dem öffentlichen Nahverkehr bei der Versorgung vorstellen", sagte Bernhard Gibis.

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