Ärzte Zeitung, 06.10.2005
Kann man den freien Willen empirisch untersuchen? Ja, meinen Hirnforscher und ziehen weitreichende Schlußfolgerungen aus ihren Labordaten. Foto: dpa

FOLGE 1

Die schöne neue Welt der Neurowissenschaftler

Warum Thesen der Neuroforscher zur Willensfreiheit so populär sind - eine Diagnose zur Hirnforschungs-Debatte

NEU-ISENBURG (fst). Die Erkenntnisse moderner Hirnforscher haben eine Debatte entzündet, die Züge eines Kulturkampfs trägt. Dabei findet eine These in Zeitungen großen Widerhall, die das Selbstverständnis der Menschen in Frage stellt: Nicht das Ich, sondern das Gehirn denkt und trifft Entscheidungen.

Diese Annahmen der Deterministen - unter ihnen prominente Neurophysiologen wie der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth - haben weitreichende Folgen.

Wenn Menschen durch ihre neuronalen Verschaltungen festgelegt sind, dann schrumpft der Garten der menschlichen Freiheit auf die Größe eines Blumentopfs.

Was früher nur unter Fachleuten diskutiert wurde, wird inzwischen aufgeregt in den Feuilletons debattiert. Dabei geben sich viele Hirnforscher nicht nur mit der Vermessung des freien Willens zufrieden, sondern wollen ihr Fach zur neuen Leitdisziplin der Humanwissenschaften erklären.

 

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Das humanistische Menschenbild, das wir von uns selbst zeichnen, nachdem Vernunft und Verstand Grundlage unseres Handelns sind, gerät mit den Thesen der Hirnforscher ins Wanken.

Dabei ist der Zuspruch, den diese Thesen im Feuilleton und in populärwissenschaftlichen Magazinen ernten, enorm. Was macht die Thesen der Vertreter eines neurobiologischen Determinismus so attraktiv?

Die "Ärzte Zeitung" hat den Philosophen Lutz Wingert gebeten, die Hintergründe des Streits zu erklären und die Argumente der Deterministen zu prüfen.

Was macht die Thesen der Deterministen so attraktiv?

Was macht die Thesen der deterministisch argumentierenden Hirnforscher so attraktiv? Diese Attraktivität hat etwas mit unserem materialistischen Weltbild, aber auch mit handfesten wissenschaftspolitischen Gründen zu tun.

Von Lutz Wingert

DER AUTOR

Lutz Wingert hat nach Promotion und Habilitation in Philosophie und Assistenztätigkeit in Frankfurt/Main einen Lehrstuhl für praktische Philosophie an der Uni Dortmund inne. Forschungsschwerpunkte sind Ethik und Erkenntnistheorie sowie die Analyse von Möglichkeiten und Grenzen einer naturalistischen Auffassung vom Menschen.

Ausschlaggebend für die Attraktivität der Thesen sind Gründe, die in der Sache selbst liegen, aber auch äußerliche Gründe.

Ein erster sachlicher Grund hat mit einer vertrauten Tatsache zu tun. Wir sind uns nicht stets bewußt, was uns im Handeln wirklich antreibt, was also unsere wahren Motive sind. Auch folgen unsere Entscheidungen nicht immer unseren wohl erwogenen Gründen. Oft erleben wir uns in unseren spontanen Entscheidungen als irrational. Und unsere Worte greifen bisweilen zu kurz, um unser Tun und Erleben zur Sprache bringen zu können.

Die Erfahrung, daß das Ich nicht Herr im eigenen Haus ist, hat nichts Befremdliches für uns. Wer an eine solche vertraute und erklärungsbedürftige Erfahrung anknüpft, darf Aufmerksamkeit erwarten. Der neurobiologische Determinist tut das.

Er bestätigt diese Erfahrung und verspricht, sie zu erklären: Was wir über uns aus der Innenperspektive eines Handelnden und Fühlenden sagen, sind notwendigerweise nur Etiketten, die die black box unseres Gehirns markieren. Denn von innen läßt sich diese black box gar nicht erhellen, nur von außen - mit den bildgebenden Verfahren und den Erklärungen des Hirnforschers.

Ein zweiter Grund liegt in der Präsenz eines materialistischen Weltbildes: Das, was es eigentlich gibt, ist etwas Materielles - zum Beispiel physikalisch und biochemisch beschreibbare Zustände und Prozesse, also Prozesse wie die elektrisch induzierte Ausschüttung chemischer Stoffe, wie den elektrischen Stromfluß zwischen Nervenzellkörpern, Zellfasern und Nervenbahnen, Prozesse der Proteinsynthese, zelluläre, zerebral-anatomische Zustände usw. Dieses materialistische Weltbild ist in der europäischen Kultur uralt. Es wird zum materialistischen Determinismus, wenn man sagt: Alles, was es gibt, ist etwas Materielles und alles Materielle hat wiederum materielle Ursachen, wenn es denn überhaupt verursacht ist. Nicht-religiöse Deterministen, also Deterministen, die unser unwillentliches Festgelegtsein nicht auf das Wirken einer immateriellen, außerirdischen Instanz zurückführen, hat es immer schon gegeben, seitdem sich Menschen in argumentativer Form einen Reim auf die Welt zu machen versuchen. Mit dem Schwinden der Religion als einer Autorität, die Überzeugendes über die Natur zu sagen weiß, ist dieses materialistische Weltbild dominanter geworden.

Es gibt wenigstens einen dritten sachlichen Grund für die Konjunktur der Neurobiologie in der Öffentlichkeit. Er hat mit der Anschaulichkeit von klinischen Fallgeschichten zu tun. Man denke nur vor einigen Monaten an den anfangs unbekannten, verstörten Pianisten, der völlig durchnäßt an einem Strand in England gefunden wurde und der einen kompletten Gedächtnisverlust erlitten hat. Diese Fälle bezeugen intuitiv, daß unser geistiges Dasein einen biologische Ermöglichungsgrund hat. Ein hohler Schädel kann nicht die Gedanken haben, die die Relativitätstheorie ausmachen, selbst wenn es sich um Einsteins Schädel handelt. Und wenn man spektakuläre Ausfallerscheinungen der menschlichen Biologie präziser diagnostizieren und gar erklären kann, dann darf man sich der Aufmerksamkeit eines gebildeten Publikums gewiß sein.

Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit - womit man bei den äußerlichen Gründen wäre. Fallgeschichten, ihre eingängige Schilderung und ihre Auswertung für ein Determiniertsein des menschlichen Geistes durch die Biologie des Menschen gibt es nicht erst seit kurzem.

Die öffentliche Aufmerksamkeit wird auch gelenkt. Die Konjunktur neurobiologischer Themen über die Grenzen der Fachöffentlichkeit hinaus hat auch seine Ursache in Entscheidungen. Eine Handvoll tonangebender Redakteure in einigen Leitmedien hat ganz einfach beschlossen, die Biowissenschaften zu einem maßgeblichen Thema zu machen.

Das ist ein erster äußerlicher Grund: eine mediale Entscheidung. Das sogenannte Manifest, das elf Hirnforscher im vergangenen Jahr veröffentlicht haben, ist übrigens auf Initiative derjenigen Zeitschrift hin geschrieben worden, in der es dann publiziert wurde. Außer den sachlichen Gründen gibt es - zweitens - auch das Motiv der Science fiction. Dieses Motiv ist ein zweiter äußerer Grund. Die auch technisch bedingten Entwicklungen in der Molekulargenetik und in der Hirnforschung animieren ebenso zu weitreichenden Therapieversprechen wie zu utopischen Zukunftsentwürfen der menschlichen Lebensform.

Ein dritter äußerlicher Grund hängt eng damit zusammen: Das Soziale ist in der Öffentlichkeit kein reizvolles, utopieträchtiges Thema mehr. "Sozial" klingt nach Sozialpolitik und also nach dem Alltag von Rentenansprüchen, von Budgetierung der Gesundheitsleistungen oder von sozialen Brennpunkten. Entsprechend sind die Wissenschaften vom Sozialen uninteressant geworden, auch weil sie sich seit den siebziger Jahren vehement weiter entwickelt und komplizierte Argumente den gesellschaftspolitischen Träumen nachfolgten.

Ein vierter Grund für den Neuroboom ist die zunehmende Gleichsetzung von Wissenschaft mit Naturwissenschaft. In den Wissenschaftsmagazinen des Fernsehens und in den mit "Wissen" betitelten Zeitungsressorts kommen fast nur Nachrichten, Themen und Personen aus den Naturwissenschaften vor. Diese Gleichsetzung ist auch eine Folge einer ökonomisch motivierten Wissenschaftspolitik und der Lenkung der Geldströme.

Ein Geisteswissenschaftler bekommt heute kaum noch ein großdimensioniertes Forschungsprojekt durch, ohne einen Neurobiologen im Boot oder wenigstens im Beiboot zu haben. Was wichtig ist, wird häufig in Geld bemessen. Je mehr Geld hinter etwas steht, desto wichtiger ist es.

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