Ärzte Zeitung, 12.10.2005

FOLGE 3

Wie das Wechselspiel von Hirn und Welt zu deuten ist

Die Debatte um Willensfreiheit ist auch ein Disput darüber, wer die Welt deutet - das wird Philosophen und Hirnforschern nur gemeinsam gelingen

NEU-ISENBURG (fst). Denke ich - oder denkt es mich? Auf diese Entgegensetzung läßt sich der Streit zwischen Philosophen und Hirnforschern über die Willensfreiheit des Menschen reduzieren.

Im Max-Planck-Institut für neuropsychologische Forschung in Leipzig wird bei einer Probandin ein EEG vorbereitet. Philosophen konstatieren: Um neuronale Vorgänge zu beschreiben, muß man etwas "Geistiges" zunächst erfaßt haben. Foto: dpa

Für die als Deterministen bezeichnete Gruppe von Hirnforschern sind wir durch neuronale Verschaltungen festgelegt. "Keiner kann anders, als er ist", sagt Wolf Singer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung. Die Annahme, es gebe einen "immateriellen Dirigenten", eine von neuronalen Prozessen unabhängige Instanz im Gehirn, ist für Singer Humbug.

 

Lesen Sie dazu auch:

  Drei Denkansätze in der Hirnforschung
 

Lesen Sie dazu Folge1:

  Die schöne neue Welt der Neurowissenschaftler
  Befürworter des Determinismus
  Gegner des Determinismus
  Lesen Sie dazu Folge 2:
 

Was Philosophen im Reich der Synapsen suchen

Jede Handlung, jedes Gefühl hat danach ein neuronales Korrelat. Daher billigen Deterministen dem Gehirn eine Art Subjektstatus zu. Wer oder was handelt genau, wenn ein Mensch Beweggründe abwägt und Urteile trifft? Hier findet sich aus Sicht von Philosophen eine der Leerstellen in der Argumentation von Deterministen.

"Das limbische System schweigt zur Frage ‚Präimplantationsdiagnostik ja oder nein‘?", schreibt der Philosoph Lutz Wingert. Für die einer Entscheidung vorausgehenden Abwägungsprozesse existierten aber keine neurophysiologischen Äquivalente.

Geisteswissenschaftler untersuchen sinnhaft konstituierte Gegenstände, Naturwissenschaftler physische Phänomene. Die Debatte um Willensfreiheit könnte eine fruchtbare Fortsetzung erfahren, wenn beide Disziplinen stärker als bisher die Grenzen ihrer wissenschaftlichen Beschreibungssysteme ausloteten.

Ist eine Vermittlung im Disput zwischen Hirnforschern und Philosophen in Sicht?

Ist im Disput über Willensfreiheit eine Vermittlung zwischen Hirnforschern und Philosophen in Sicht?

Von Lutz Wingert

DER AUTOR

Lutz Wingert hat nach Promotion und Habilitation in Philosophie und Assistenztätigkeit in Frankfurt/Main einen Lehrstuhl für praktische Philosophie an der Uni Dortmund inne. Forschungsschwerpunkte sind Ethik und Erkenntnistheorie sowie die Analyse von Möglichkeiten und Grenzen einer naturalistischen Auffassung vom Menschen.

Eine Vermittlung zwischen den Vertretern eines naturalistischen Menschenbildes und Philosophen ist noch nicht wirklich in Sicht. Grund ist, daß Philosophen von einer erkenntnisbezogenen Abhängigkeit des Materiell-Biologischen vom Geistigen ausgehen. Ich verstehe unter dieser Abhängigkeit grob folgenden komplizierten Sachverhalt: Um biologisch beschriebene Zustände als neuronale Korrelate und Ermöglichungsbedingungen für kognitive und emotionale Leistungen zu identifizieren, muß man etwas Geistiges bereits erfaßt haben.

"Geistiges" meint dabei nichts mysteriös Ätherisches (wie den als Flämmchen versinnbildlichten heiligen Geist in der christlichen Tradition), sondern all das, was etwas zu verstehen gibt und verstanden und vor allem mißverstanden werden kann.

Wir können auf technisch sehr aufwendige Weise in das lebende Gehirn eines Menschen schauen und beispielsweise aufgrund des Magnetfeldes, das von elektrischer Aktivität erzeugt wird, und aufgrund der Gamma-Strahlen, die Glukose- oder Sauerstoffkonzentration anzeigen, feststellen, daß eine bestimmte Gehirnregion besonders aktiv ist. Wir können dann unter Umständen sagen, daß dieser Mensch motorisch aktiv ist oder etwas sieht, sich in einem emotionalen Erregungszustand befindet, sich erinnert oder spricht.

Wir können aber nicht schon angeben, was er spricht, was er erinnert, was seine Furcht ausmacht oder welche Handlung er ausführt, indem er sich bewegt. Um das zu wissen, müssen wir über eine isolierte Betrachtung eines individuellen Gehirns hinausgehen und einen größeren Kontext erfassen.

Wir müssen eine zweite, nicht minder komplexe Verhaltensebene des ganzen Organismus und der sozialen Person, deren Leib dieser Organismus ist, aufsuchen. Nur so können wir die beobachteten Aktivitäten von bestimmen Nervenzellpopulationen als neuronale Korrelate bestimmter kognitiver Aktivitäten identifizieren.

Und wir müssen auf dieser zweiten Ebene ein wahrnehmbares Verhalten in einen Rahmen stellen, in dem es sinnvoll oder unsinnig sein kann, um dieses Verhalten als eine Handlung, als das Aussprechen eines Gedankens, als eine bestimmte emotionale Reaktion wie die Furcht vor der Giftigkeit einer Schlange zu begreifen. Dieses Verhalten ist etwas Geistiges, das heißt etwas, dem ein Beurteiltwerden nicht äußerlich ist. Ohne den Zugriff auf dieses Verhalten haben wir gar keinen Zugang zu den biologischen Zuständen, die Korrelate und Ermöglichungsbedingungen für dieses Verhalten sind. Das ist die gemeinte Abhängigkeit.

Die Vertreter der Neurobiologie - natürlich immer nur, so weit ich das sagen kann - geben zwar mittlerweile etwas bereitwilliger zu, daß sie allein mit ihren bildgebenden Verfahren und ohne ein Wissen anderer Art nicht an die zu erklärenden Phänomene herankommen. Insbesondere konzedieren sie den Psychologen den Status eines wichtigen Lieferanten für ihre Arbeit. Man muß, wie der Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, Wolf Singer, mehrmals sagte, auch von der Systemebene ("bottom down") zu den Systemkomponenten gehen, statt nur umgekehrt ("bottom up") von den Teilen zum Ganzen.

Aber die Hirnforscher glauben nicht, daß die genannte Abhängigkeit mehr ist als das Angewiesensein auf eine Kellertreppe, die von oben, also von der Verhaltensebene hinunter zu den neuronalen Antriebsmaschinen führt. Diese Maschinen, also das Gehirn, tut die ganze Arbeit, selbst das extrazerebrale Soma des Organismus, dessen Organ das Gehirn ist, scheint eine vernachlässigenswerte Agentur zu sein. Und diese Vernachlässigung erleidet im noch stärkeren Maße der Faktor "Umweltabhängigkeit" bei den Reifungsprozessen eines individuellen Gehirns.

Ich glaube, daß man am ehesten zu einer Vermittlung beider Positionen käme, wenn man sich dem Phänomen der Plastizität des Gehirns über die Frage nähert: Wie lernen wir Menschen? Dann würde meines Erachtens die These erhärtet werden, daß es eine Realitätsdimension im Zwischen der individuellen Organismen gibt, die kausal für unsere individuelle, kulturelle und gattungstypische geistige Existenz relevant ist.

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