Direkt zum Inhaltsbereich

Bundestag sucht nach effektiver Hilfe für die Contergan-Opfer

BERLIN (HL). Contergan-Geschädigte Menschen gelten gemeinhin als Behinderte, die ihre schweren und schwersten Deformitäten meistern - doch diese Auffassung ist nach Auffassung von Experten nicht korrekt.

Veröffentlicht:

Die Betroffenen leiden inzwischen als Folge ihrer Behinderung unter schweren Krankheiten, etwa Arthrosen und chronisch schweren Schmerzen. Medizin, Rehabilitation und Pflege sind darauf nicht eingestellt, notwendige Leistungen werden von Krankenkassen nicht bezahlt, weil sie nicht ins Versorgungsschema passen.

Derzeit unternimmt der Bundestag einen neuen und sehr grundsätzlichen Anlauf, den in Deutschland etwa 2900 lebenden Contergan-Opfern effektiver zu helfen. Zwar wurde die staatliche Rente erst jüngst mit Wirkung zum 1. Juli auf etwas mehr als 1000 Euro monatlich erhöht, und zusätzlich hat das Unternehmen Grünenthal eine weitere einmalige Entschädigung von 50 Millionen Euro zugesagt. Tatsächlich bleiben aber auch diese erhöhten Leistungen hinter dem zurück, was in anderen europäischen Ländern an Finanzhilfen für die Opfer von Thalidomid gezahlt wird.

Die Contergan-Folgen passen nicht ins Schema der Medizin.

Bei den heute etwa 50jährigen Geschädigten zeigen sich nun die Folgen schwerer Fehlbildungen von Gliedmaßen und Organen. Sie führen vorzeitig zu multiplen Krankheits- und Alterungsprozessen, beispielsweise multilokale Arthrosen schwerster Art, wie der Heidelberger Gerontologe Professor Andreas Kruse bei einer Anhörung des Bundestags-Familienausschusses sagte. Das ist verbunden mit starken chronischen Schmerzen, vorzeitiger Alterung und wahrscheinlich auch steigender Pflegebedürftigkeit.

Das Kernproblem - auch für Ärzte, die Contergan-Opfer behandeln - ist, dass die im Zusammenhang mit den schweren körperlichen Gebrechen auftretenden Krankheitsprozesse unbekannt und neuartig sind, jedenfalls häufig nicht in gängige medizinische Schemata passen. Das löst bei Ärzten Rat- und Hilflosigkeit aus.

Hinzu kommt: Anders als bei Unfallopfern ist das System der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung ebenso wie das Behindertenrecht nicht auf den besonderen Versorgungsbedarf ausgerichtet. Das führt in Einzelfällen, wie Betroffene berichten, zu "menschenverachtenden Entscheidungen" von Krankenkassen. Beispiel: Ein Mensch ohne Ohrmuscheln, der eine Brille benötigte, musste sich zur Brillenbefestigung einer plastische Operation unterziehen. Die Krankenkasse ebenso wie das Sozialgericht werteten dies als ästhetischen Eingriff - der betroffene Patient musste die Kosten von rund 4500 Euro selbst übernehmen.

Kruse fordert deshalb ein permanentes Forschungsprogramm speziell für Contergangeschädigte: Er schlägt vor, diese Menschen in eine dauerhafte Studie aufzunehmen, den Bedarf an medizinischer Behandlung, Reha und Pflege permanent mit steigendem Alter der Betroffenen und mit ihnen gemeinsam zu ermitteln und dabei das Ziel zu verfolgen, den Contergan-Opfern auch für die Zukunft Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

Schlagworte:
Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

GOÄneu und die Mikrobiologie

DGHM-Chef Aepfelbacher: „Die Rasenmäher-Methode bei der GOÄneu ärgert uns“

Kooperation | In Kooperation mit: Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM) e.V.
Kommentare
Vorteile des Logins

Mit unserem kostenloses Login erhalten Ärztinnen und Ärzte, Medizinstudierende sowie Fachkräfte im Gesundheitswesen vollen Zugriff auf unsere medizinischen und praxisrelevanten Inhalte.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Sie fragen – Experten antworten

Wann zählt die FSME-Impfung bei der Vorhaltepauschale mit?

Lesetipps
Ehrenamtliches Engagement beeindrucke sie nicht nur, „es berührt mich“, erklärte die einstige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt.

© David Vogt

Springer Medizin Gala

Preisträger des Springer Medizin Charity Awards feierlich gekürt

Bei der Springer Medizin Gala wurden die Preisträger des Galenus-von-Pergamon-Preises und des Charity Awards gekürt.

© Marc-Steffen Unger

Preisträger gekürt

Das sind die Gewinner des Galenus-von-Pergamon-Preises 2026