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Impfkommunikation

„Motivational Interviewing“ in der Impfberatung

Informationen allein ändern selten Verhalten. Für impfzögernde Patientinnen und Patienten braucht es eine andere Gesprächsführung. „Motivational Interviewing“ bietet dafür einen praxistauglichen 4-Schritte-Ansatz.

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„Motivational Interviewing“ in der Impfberatung

© SrdjanPav | Getty Images

Impfzögernde Patientinnen und Patienten kennen häufig die Fakten – und entscheiden sich dennoch gegen eine Impfung. Wer als betreuender Arzt oder Ärztin darauf mit weiteren Daten und Argumenten reagiert, verstärkt oft das Gegenteil dessen, was beabsichtigt ist: Widerstand wächst, Vertrauen schwindet, die Impfbereitschaft sinkt. Aus der Kommunikationsforschung ist dieses Phänomen als psychologische Reaktanz bekannt – ein innerer Widerstand, der entsteht, wenn rationale Gegenargumente auf emotional verankerte Bedenken treffen [1].

Eine strukturierte Alternative bietet Motivational Interviewing (MI): eine personenzentrierte Gesprächsführung, die in der Verhaltensänderungsforschung gut etabliert ist und zunehmend auch im Kontext der Impfberatung eingesetzt wird. Der Kinderarzt und Forscher Prof. Dr. Arnaud Gagneur von der Universität Sherbrooke (Kanada) beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit Impfzögerlichkeit und hat gemeinsam mit internationalen Kolleginnen und Kollegen einen praxistauglichen MI-Rahmen für die klinische Impfberatung entwickelt und dessen Wirksamkeit belegt [2].

Was Motivational Interviewing (MI) leisten kann

MI ist kein Kommunikationstrick, sondern eine strukturierte, personenzentrierte Art der Gesprächsführung. Ziel ist es, die eigene Motivation einer Person zur Verhaltensänderung hervorzulocken und zu stärken – nicht, sie zu überreden. MI setzt gerade an der Ambivalenz an, die den meisten Impfentscheidungen zugrunde liegt.

Gagneur et al. konnten zeigen, dass eine MI-basierte Intervention die Impfzögerlichkeit bei Eltern um 40 Prozent reduzierte und Impfintention sowie -rate signifikant verbesserte. Besonders stark war der Effekt bei den Eltern, die zu Beginn am stärksten zögerten: Der Anteil derer, die ihr Kind impfen lassen wollten, stieg von 35 auf 66 Prozent. Die kanadische Provinz Québec implementierte daraufhin ein MI-basiertes Landesversorgungsprogramm, das ähnliche Ergebnisse erzielt.

Laut Gagneur et al., empfehlen sowohl die Weltgesundheitsorganisation als auch die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention MI als wirksame Strategie gegen Impfzögerlichkeit.

Der „Spirit of MI“: Was hinter der Technik steckt

MI-Gespräche beruhen auf vier Grundhaltungen, die die Autoren als „Spirit of MI“ bezeichnen und unter dem Akronym CAPE zusammenfassen:

  • Compassion (Mitgefühl): Das Wohlbefinden der Patientin oder des Patienten steht im Mittelpunkt.
  • Acceptance (Akzeptanz): Die Autonomie der Person wird respektiert – auch wenn sie sich gegen die Impfung entscheidet.
  • Partnership (Partnerschaft): Arzt und Patient begegnen sich auf Augenhöhe, nicht in einer Belehrungs-Hierarchie.
  • Evocation (Evokation/Hervorrufen): Die Gründe für eine Impfung werden aus der Person selbst herausgearbeitet, nicht von außen hineingegeben.

Gagneur et al. betonen, dass die Wirksamkeit von MI untrennbar mit dieser ethischen Grundhaltung verbunden ist: Ohne den „Spirit of MI“ könnten die Techniken nicht therapeutisch, sondern manipulativ wirken.

Vier Schritte für die Praxis

Gagneur et al. beschreiben ein 4-Schritte-Modell, das im klinischen Alltag auch unter Zeitdruck anwendbar ist:

Schritt 1: Vertrauen aufbauen (Engage)

Bevor Informationen wirken können, braucht es eine sichere Gesprächsatmosphäre. Das bedeutet konkret, offen zu fragen, statt zu argumentieren, zuzuhören, statt zu korrigieren, Bedenken ernst zu nehmen, statt zu widerlegen. Ein einfacher Einstieg könnte lauten „Was denken Sie über die Impfung?“ – und dann zu schweigen, bis die Antwort vollständig geäußert werden konnte.

Schritt 2: Bedenken verstehen (Understand)

Impfzögerlichkeit hat viele Gesichter: Angst vor Nebenwirkungen, geringe Risikowahrnehmung, Misstrauen gegenüber Institutionen, Fehlinformation aus sozialen Medien. Nur wer die spezifische Sorge einer Person kennt, kann relevante Informationen anbieten. Häufig genügt eine konkrete Nachfrage: „Erklären Sie mir genauer, was Sie besorgt.“

Schritt 3: Gezielt informieren (Offer Information)

Informationen werden nach dem Ask-Offer-Ask-Prinzip eingebracht: Zunächst um Erlaubnis fragen („Dürfte ich Ihnen etwas dazu mitteilen?“), dann gezielt das ansprechen, was zur genannten Sorge passt, und anschließend die Reaktion erfragen („Was halten Sie davon?“). Dieses Vorgehen respektiert die Autonomie der Person und fördert aktive Verarbeitung statt passiver Rezeption. Wichtig ist hier, nicht zu viele Informationen auf einmal bereitzustellen und keine unrelevanten Fakten zu kommunizieren.

Schritt 4: Autonomie respektieren und planen (Clarify & Accept)

Am Ende des Gesprächs wird die Perspektive der Patientin oder des Patienten zusammengefasst. Zeigt sich Bereitschaft („Change Talk“), kann ein konkreter Impftermin geplant werden. Besteht weiterhin Ambivalenz, wird die Autonomie ausdrücklich anerkannt: „Ich hoffe, die Informationen helfen Ihnen. Die Entscheidung liegt bei Ihnen.“ Dieses Vorgehen hält das Vertrauen aufrecht und eröffnet die Möglichkeit, das Gespräch beim nächsten Termin fortzuführen.

Change Talk: Ein Indikator für Gesprächsfortschritt

Ein zentrales Konzept bei MI ist „Change Talk“ – Äußerungen, die Offenheit gegenüber der Verhaltensänderung signalisieren („Ich verstehe, warum die Impfung wichtig sein könnte“). Solche Signale anzuerkennen und darauf einzugehen ist eine entscheidende Kompetenz. Sie ermöglicht es, den richtigen Moment für den Übergang zur konkreten Impfplanung zu erkennen – und vermeidet, zu früh Druck auszuüben oder zu spät zu reagieren.

Im Umkehrschluss signalisiert „Sustain Talk“ („Die Impfung wird ohnehin nichts ändern“) anhaltendes Zögern. In diesem Fall ist weiterer Informationsdruck kontraproduktiv. Der klug genutzte Abschluss des Gesprächs – mit Respekt für die Entscheidung und einem offenen Gesprächsangebot für später – ist hier die wirksamere Option.

Für die Praxis: Was es braucht

MI lässt sich erlernen: Gagneur et al. belegen, dass Schulungsprogramme für medizinisches Fachpersonal zu messbaren Kompetenzsteigerungen führen. Der Zeitaufwand pro Gespräch muss dabei nicht hoch sein – entscheidend ist die Grundhaltung, nicht die Gesprächslänge.

Die Autoren der Studie schließen mit einem Plädoyer für einen Paradigmenwechsel: weg von der Annahme, dass wissenschaftliche Fakten allein Impfentscheidungen verändern, hin zur Anerkennung der emotionalen und sozialen Dimensionen von Impfzögerlichkeit. MI ist in diesem Sinne kein kommunikatives Add-on, sondern ein Werkzeug, das dort ansetzt, wo reine Sachinformation an ihre Grenzen stößt – bei den Menschen, die am schwersten zu erreichen sind, und die gleichzeitig den größten Nutzen von einer Impfung hätten.

Literatur

1. Brehm SS, Brehm JW. Psychological Reactance: A Theory of Freedom and Control. Cambridge, MA: Academic Press; 2013.

2. Gagneur A, Gutnick D, Berthiaume P, Diana A, Rollnick S, Saha P. From vaccine hesitancy to vaccine motivation: A motivational interviewing based approach to vaccine counselling. Human Vaccines & Immunotherapeutics. 2024;20(1):2391625. https://doi.org/10.1080/21645515.2024.2391625 [Zugriff am 19.03.2026].

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