Studie
„Präventionswende“: Wenn der Zugewinn an Gesundheit im Zentrum steht
Mehr Prävention und Gesundheitsförderung fordert jeder. Autoren des Bosch Health Campus nähern sich dem Thema grundsätzlicher. Sie messen ein Gesundheitswesen daran, inwieweit es Menschen viele gesunde Lebensjahre ermöglicht.
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Einfach nur mehr Präventionsangebote reichen nicht: Autoren des Bosch Health Campus mahnen eine umfassende Präventionswende an.
© udra/Getty Images/iStock
Berlin/Stuttgart. Autoren des Bosch Health Campus drängen auf eine umfassende „Präventionswende“. Das bisher primär krankheitsorientierte Versorgungssystem sollte zu einem Gesundheitssystem umgebaut werden, „dessen Erfolg daran gemessen wird, wie viele gesunde Lebensjahre es ermöglicht“, heißt es in einem Positionspapier, dass kürzlich zusammen mit der AOK Baden-Württemberg vorgestellt wurde.
Das bisherige Gesundheitsverständnis orientiere sich vor allem an Defiziten, bei der Gesundheit als idealer Zustand verstanden wird, so die Autoren des Robert Bosch Centrums für Innovationen im Gesundheitswesen. Abweichung davon würden vor allem als Ansatzpunkt für Behandlung verstanden, der Blick auf Ressourcen und Fähigkeiten des Patienten komme dabei zu kurz.
„Wir brauchen einen Perspektivwechsel: von der Behandlung von Krankheit hin zur systematischen Förderung von Gesundheit“, sagt Professor Mark Dominik Alscher, Geschäftsführer des Bosch Health Campus. Dieses veränderte Verständnis sollte als Leitprinzip in Versorgungsstrukturen, Vergütungssystemen und politischen Steuerungsinstrumenten verankert sein.
Ziel müsse es sein, Prävention, Gesundheitsförderung und Versorgung „konsequent auf Gesundheitszugewinne“ auszurichten. Mehr Präventionsangebote allein seien keine ausreichende Antwort auf diese Herausforderung. Geboten sei stattdessen „eine Neuordnung des Systems – in seiner Zielsetzung, seinen Anreizen und seiner Steuerungslogik“. Fünf Hebel werden in dem Papier genannt:
- Gesundheitskompetenz stärken: Wie gut können Menschen im Zusammenspiel zwischen ihren eigenen Fähigkeiten und den strukturellen Bedingungen Gesundheitsinformationen nutzbar machen, um informierte Entscheidungen zu treffen? Sie sollen also befähigt werden, auch bei bestehenden Erkrankungen ihr Gesundheitspotenzial auszuschöpfen. Doch um die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung ist es in Deutschland nicht gut bestellt. Studien zufolge haben mehr als 50 Prozent der Menschen hierzulande eine problematische oder inadäquate Gesundheitskompetenz.
- Gesundheitszugewinne über alle Lebens- und Krankheitsphasen ermöglichen: Wenn Prävention mit Gesundheitsvermeidung gleichgesetzt wird, verschenkt man Potenziale. Ziel müsse es sein, unabhängig von vorliegenden Erkrankungen gesundheitliche Ressourcen zu stärken. An die Stelle der Einteilung von Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention sollte ein integriertes Verständnis treten, das den gesamten Lebensverlauf umfasst.
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Personalisierung, Digitalisierung und KI für wirksamere Prävention nutzen: An die Stelle von Prävention nach dem Gießkannenprinzip sollte eine „personenzentrierte Prävention“ treten. Gesundheitsdaten und digitale Anwendung könnten einen Beitrag leisten, Gesundheitsrisiken und vorhandene Gesundheitspotenziale differenzierter zu erfassen.
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Gesundheit vor Ort gestalten – in den Lebenswelten und in der Primärversorgung: Die Autoren werben dafür, medizinische Versorgung Prävention, Gesundheitsförderung und soziale Unterstützung vor Ort zusammenzuführen. Bislang würden weder der Öffentliche Gesundheitsdienst noch Kommunen, Schulen, Betriebe oder Apotheken systematisch in diese Aufgabe eingebunden. Um dies zu erreichen, sollten unter anderem multiprofessionelle Primärversorgungszentren gestärkt werden. Eine Brückenfunktion kommt auch akademisch qualifizierten Pflegefachpersonen oder Community Health Nurses zu. Als ein weiteres Beispiel werden Schulgesundheitsfachkräfte genannt.
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Finanzierung und Steuerung an Gesundheitszugewinnen ausrichten: So lange Vergütungsmechanismen sich vor allem an der Behandlung von Krankheit orientieren, werden die zuvor genannten Umsetzungsschritte strukturell unterfinanziert bleiben, zeigen sich die Autoren überzeugt. Das Ziel, mehr gesunde Lebensjahr für alle zu ermöglichen, müsse also in Vergütungslogiken überführt werden. Die Herausforderung wird darin bestehen, neben individuellen patientenbezogenen Outcomes auch populationsbezogene Zugewinne von Gesundheit als Maßstab zu verankern. (fst)









