Interview

„Arzneimittelsicherheit gehört ins SGB V“

Die Multimorbidität macht die Arzneitherapie komplexer. Professor Daniel Grandt, Chefarzt am Klinikum Saarbrücken und Vorstandsmitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) erklärt, wie Ärzte die Herausforderung meistern. Und wo digitale Mittel sie dabei unterstützen.

Veröffentlicht:

Ärzte Zeitung: Herr Professor Grandt, Sie sprechen sich wie der Vorstand der AkdÄ dafür aus, die Arzneimittelsicherheit gesetzlich zu verankern. Warum?

Daniel Grandt: Bei Zulassung und Überwachung von Arzneimitteln ist Deutschland gut aufgestellt. Vermeidbare Risiken gibt es vor allem bei der Anwendung von Medikamenten. Das hat nichts mit unzureichender Qualifikation der Ärzte zu tun. Es hat mit Behandlungsprozessen und Arzneitherapie zu tun, die wegen der Multimorbidität vieler älterer Patienten komplexer geworden sind. Meist sind mehrere Ärzte beteiligt. Sie alle verschreiben Arzneimittel.

Aus der zunehmenden Notwendigkeit, mehrere Erkrankungen durch mehrere Ärzte parallel zu behandeln, erwachsen Risiken, die wir stärker in den Fokus rücken müssen. Arzneimitteltherapiesicherheit gehört daher als Recht des Patienten, aber auch als Verpflichtung für Ärzte, Kliniken und Kassen explizit ins Sozialgesetzbuch V. Nur dann lassen sich konkrete Schritte hin zu mehr Arzneimittelsicherheit in größerem Umfang als bislang umsetzen.

Multimedikation stellt besondere Anforderungen an den Hausarzt. Welche?

Grandt: Der Hausarzt verordnet etwa die Hälfte der Arzneimittel. Die andere Hälfte kommt von Fachärzten. Bei Patienten mit Multimorbidität entsteht dadurch ein sehr komplexes Behandlungskonstrukt. Die Herausforderung für den Hausarzt besteht darin, dass er hier den Überblick haben muss.

Da kann ihm der Medikationsplan helfen. Aber der Hausarzt muss sich auch mit den behandelnden Fachärzten austauschen und abstimmen. Er macht das heute noch so wie vor 50 Jahren. Das lässt sich besser organisieren und technisch unterstützen.

Leitlinien geben Orientierung. Mancher Arzt wendet ein, er habe kaum Zeit, da auf dem Laufenden zu sein.

Grandt: Zeit spielt sicher eine Rolle. Hinzu kommt, dass Leitlinien für Einzelerkrankungen oft nicht ausreichend Multimorbidität berücksichtigen und bei paralleler Anwendung bei Patienten mit mehreren Erkrankungen zu Problemen führen. Es braucht daher Behandlungsempfehlungen, die Leitlinienkonflikte bei Multimorbidität lösen und operationalisierbar sind.

Wichtig ist auch die elektronische Unterstützung des Arztes, damit dieser einen Überblick der Medikation hat. Hier bietet sich an, Kassendaten zu nutzen. Diese Daten sind bezüglich der abgegebenen Medikamente vollständig und auch elektronisch in Echtzeit verfügbar.

Sie bieten somit auch eine gute Basis, damit der Arzt vermeidbare Risiken erkennen und ausschließen kann. Das alles sind Grundelemente, die unter anderem beim Projekt eLiSa vorbildlich realisiert sind. (hom)

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Das war der Tag: Der tägliche Nachrichtenüberblick mit den neuesten Infos aus Gesundheitspolitik, Medizin, Beruf und Praxis-/Klinikalltag.

Eil-Meldungen: Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Mädchen geht chemischen Experimenten in einem Klassenzimmer nach, die Haare stehen ihr zu Berge.

© Andrey Kiselev / stock.adobe.com

Inkretinmimetika

GLP-1: Wie aus dem kleinen Hormon ein Rockstar wird

Die Einschätzung des Operationsrisikos solle Mazen Al-Mansour und seinem Team zufolge einem „ganzheitlichen, integrativen Ansatz“ folgen, bei dem „der kumulative Effekt multipler Faktoren berücksichtigt werden sollte“.

© Issara / stock.adobe.com

Risikoanalyse

Komplikation nach Hernien-Operation: Wer ist gefährdet?