Interview mit dem vfa-Vorsitzenden Han Steutel

„Die Dekade gegen Krebs mobilisiert Kräfte!“

Han Steutel erhofft sich eine neue Dynamik, die den Onkologie-Standort Deutschland wieder nach vorne bringt.

Von Günter Löffelmann Veröffentlicht:

Ärzte Zeitung: Stehen die Kosten für innovative Krebstherapien im Verhältnis zum klinischen Nutzen?

Han Steutel.

Han Steutel.

© BMS/Carolin Jacklin

Han Steutel: Mal besonnen betrachtet: Derzeit entfallen nur 14 Prozent der Arzneimittelausgaben auf Onkologika, obwohl fast die Hälfte der Bevöl-kerung irgendwann an Krebs erkrankt. Und bei vielen Krebsarten steigen die Überlebenszeiten. Grundsätzlich scheint mir daher diese Relation angemessen, und es zeigt sich auch, dass die Kosten das System nicht überfordern.

Von welchen diagnostischen und therapeutischen Neuerungen erwarten Sie in den kommenden Jahren die größten Fortschritte für Krebspatienten, und worin werden die Verbesserungen bestehen?

Den größten Fortschritt erwarte ich nicht von einem bestimmten Therapieprinzip, sondern von der wachsenden Vielfalt der Behandlungsoptionen. Sie sorgt dafür, dass Patienten mehr als nur ein oder zwei Chancen haben. Sicher werden die T-Zell-Therapien eine wachsende Rolle spielen, ebenso beispielsweise Antikörper und chemische Kinasehemmer gegen neue Targets.

Wenn sich die noch in Erprobung befindlichen therapeutischen RNA-Impfstoffe bewähren, bekommen wir eine radikal personalisierte Krebstherapie, die auch auf Rezidive gut reagieren kann. Und wenn erst solide validierte Bluttests zur Früherkennung verfügbar sind, werden viele Patienten all diese Medikamente gar nicht mehr benötigen.

Die Vision-Zero ist nicht ohne Prävention denkbar. Kann die pharmazeutische Industrie auch dazu etwas beitragen?

Steutel: Mit ihren Impfstoffen gegen Hepatitis B und HPV bieten Unternehmen einen wichtigen Beitrag an. Der wirkt aber nur, wenn er auch genutzt wird. Deshalb unterstützen die Unternehmen auch die Impfaufklärung.

Welche Position nimmt der Forschungsstandort Deutschland im internationalen Vergleich ein, und warum? Was sind die Stärken, was die Schwächen?

Steutel: Onkologika sind in der internationalen Pharmaindustrie das größte Forschungsgebiet; und das gilt auch für die deutschen Labore. Die sind vorne mit dabei: bei T-Zell-Therapien, RNA-Impfstoffen, antikörperbasierten Immun-Onkologika, Kinase-Hemmern und Immunkonjugaten.

Deutsche Studienzentren belegen Rang 3 bei der Mitwirkung an klini-schen Studien der Industrie, nach den USA und UK. Deutschland bietet auch die Nähe zu bedeutenden Krebsforschungseinrichtungen wie dem DKFZ und den Comprehensive Cancer Centers. Allerdings kamen trotzdem seit langem fast alle Pionierleistungen bei Onkologika aus den USA, und die Zahl der Studien in Deutschland nimmt ab.

Das muss sich ändern! Es ist erfreulich, dass die führenden Onkologen hierzulande das ebenso sehen und beispielsweise mit dem Konzept der „Wissensgenerierenden Versorgung“ darauf hinarbeiten. Klinische Therapieforschung kommt auch nicht nur den Patienten von morgen, sondern schon denen von heute zugute.

Was wünschen Sie sich von der Politik, um die Onkologie in Deutschland voranzubringen?

Steutel: Die Politik hat Weichen gestellt – in die richtige Richtung! Die „Dekade gegen Krebs“ mobilisiert Kräfte und Kooperationsbereitschaft. Die Förderung der Personalisierten Medizin stärkt einen Schlüsselbereich. Beide Male kann die forschende PharmaIndustrie als Partner viel Expertise einbringen.

Nun braucht es noch Entscheidungen pro Digitalisierung: Mit den richtigen Rahmenbedingungen könnten Onkologen wie Pharmaforscher aus elektronischen Krankenakten und Krebsregistern wichtige anonymisierte Informationen für weiteren Fortschritt gewinnen.

Diese Chance sollte Deutschland mit Blick auf den internationalen Standortwettbewerb, aber auch auf die zu versorgenden Patienten nicht liegen lassen! Die Politik sollte auch darauf hinwirken, dass Steuerungsinstrumente der Versorgung sich nicht gegenseitig so konterkarieren, dass beim Gros der Patienten die neuesten Resultate gelungener Translation nicht ankommen.

Han Steutel, Senior Vice President und General Manager Germany von Bristol-Myers Squibb, ist Vorsitzender des Verbandes der forschenden Arzneimittelhersteller (vfa).

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