Impfstatus Klinikpersonal
Hohe Verantwortung, moderate Impfquote
Pflegekräfte haben engen Kontakt zu vulnerablen Patientengruppen – dennoch liegt ihre Influenza-Impfquote seit Jahren nur bei rund 50 Prozent. Welche Faktoren beeinflussen Impfentscheidungen im Klinikalltag?
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© FatCamera | Getty Images (Symbolbild mit Fotomodellen)
Medizinisches Personal, insbesondere Pflegekräfte, stehen im Versorgungsalltag in engem und oft körpernahem Kontakt mit Patientinnen und Patienten – darunter auch viele Menschen mit chronischen Erkrankungen oder erhöhtem Risiko für schwere Influenza-Verläufe. Entsprechend empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die jährliche Influenza-Impfung ausdrücklich sowohl für chronisch Kranke als auch für die Menschen in ihrer Umgebung und explizit für medizinisches und pflegerisches Personal (1).
Aktuelle Studiendaten machen deutlich, dass sich die Impfquoten im Gesundheitswesen zwischen den Berufsgruppen deutlich unterscheiden (2). Zugleich geben sie Einblick in die Faktoren, die Impfentscheidungen im Versorgungsalltag prägen.
Nur jede zweite Pflegekraft ist geimpft
Mehrjährige Erhebungen unter Beschäftigten im Gesundheitswesen zeigen ein konsistentes Bild: Während rund vier von fünf Ärztinnen und Ärzten jährlich gegen Influenza geimpft sind, liegt die Impfquote beim Pflegepersonal seit mehreren Jahren bei etwa 50 Prozent (2–4).
Die aktuelle OKaPII-Studie (Onlinebefragung von Krankenhaus-Personal zur Influenza-Impfung) des Robert Koch-Instituts – ein bundesweites Monitoring der Impfquoten und Impfmotive im Klinikbereich – bestätigt dieses Muster erneut. An der Erhebung 2025 nahmen über 12.324 Mitarbeitende aus 85 Krankenhäusern teil. Die Ergebnisse: 80,8 % der Ärzteschaft ließen sich gegen Influenza impfen, aber nur 46,1 % des Pflegepersonals und 50,7 % der therapeutischen Berufe (2).
Selbst bei regelmäßigem Kontakt zu besonders vulnerablen Patientengruppen lässt sich in den Studiendaten keine entsprechend höhere Impfbereitschaft erkennen. Die Impfquote von Klinikmitarbeitenden mit mindestens wöchentlichem Kontakt zu geriatrischen, onkologischen oder immundefizienten Patienten lag bei 58,8 % – nur 4,5 Prozentpunkte höher als bei Mitarbeitenden ohne diesen regelmäßigen Kontakt (54,3 %) (2).
Was Impfverhalten im Klinikalltag bestimmt
Die OKaPII-Studie liefert jedoch nicht nur eine Bestandsaufnahme der Impfquoten beim Klinikpersonal, sondern auch Hinweise darauf, welche Faktoren Impfentscheidungen in diesem Kontext tatsächlich beeinflussen. In den Analysen zeigt sich besonders deutlich, dass das Vertrauen in die Sicherheit der Impfung der stärkste Prädiktor für das Impfverhalten ist. Ebenfalls relevant ist das Verantwortungsgefühl gegenüber anderen, also der Wunsch, Patientinnen, Patienten sowie Kolleginnen und Kollegen zu schützen (2).
Bei ungeimpften Mitarbeitenden stehen hingegen andere Aspekte im Vordergrund. Am häufigsten wurde eine fehlende Priorisierung der Impfung genannt – etwa, dass die Impfung vergessen oder zu spät daran gedacht wurde (22,1 %) oder keine Zeit gefunden wurde (17,5 %). Daneben spielen auch Sicherheitsbedenken eine Rolle: 18,9 % gaben Angst vor Nebenwirkungen an, 16,3 % sorgten sich vor einem möglichen Arbeitsausfall. Hinzu kommt eine geringe Risikowahrnehmung, etwa die Einschätzung, selbst kein relevantes Risiko für Patientinnen und Patienten darzustellen oder eine Influenza-Erkrankung für unwahrscheinlich zu halten (2).
Ergänzend weisen die Studiendaten auf relevante Wissenslücken hin. So glaubten 11,8 % der ungeimpften Befragten, die Influenza-Impfung könne eine Grippe-Erkrankung auslösen. Unabhängig vom Impfstatus wussten zudem rund 80 % der Teilnehmenden nicht, dass die Influenza-Impfung das Risiko für Herzinfarkte senken kann (2).
Insgesamt deuten die Analysen darauf hin, dass Impfverhalten im Gesundheitswesen weniger durch formales Wissen oder objektives Risiko bestimmt wird als durch subjektive Risikowahrnehmung, Vertrauen in Sicherheit und Wirksamkeit sowie ganz praktische Aspekte des Arbeitsalltags. Auch bei regelmäßigem Kontakt zu besonders gefährdeten Patientengruppen bleibt die Impfung für viele Beschäftigte eine Entscheidung, die im klinischen Alltag nicht zuverlässig priorisiert wird.
Wie Impfbereitschaft im Team entsteht
Die Analyse der Studiendaten lenkt den Blick auf Faktoren, die auf die soziale und organisatorische Einbettung von Impfentscheidungen hinweisen. Zwar begründen Geimpfte ihre Entscheidung überwiegend mit Selbstschutz, doch zeigen die Analysen, dass Impfbereitschaft im Klinikalltag vor allem mit Vertrauen in die Sicherheit der Impfung, Verantwortungsgefühl gegenüber anderen sowie praktischen Rahmenbedingungen zusammenhängt. Impfverhalten entsteht damit nicht isoliert, sondern im Kontext des Teams und der Arbeitsorganisation.
Vor diesem Hintergrund legen die Studienergebnisse nahe, dass Maßnahmen zur Steigerung der Impfquote nicht allein auf Information setzen sollten. Entscheidend ist, Impfungen auch organisatorisch zu erleichtern und im Arbeitsalltag sichtbar zu verankern. Ansätze, die gezielt die identifizierten Einflussfaktoren adressieren, könnten besonders vielversprechend sein:
- Vertrauen stärken: Wo Zweifel an Nebenwirkungen oder am Nutzen bestehen, bleibt die Impfbereitschaft gering – selbst bei regelmäßigem Kontakt zu chronisch kranken Patienten. Transparente Information über Sicherheit, Wirksamkeit und zusätzliche Effekte der Impfung (z. B. Reduktion des Herzinfarktrisikos) kann hier ansetzen.
- Verantwortung betonen: Der Wunsch, Patientinnen, Patienten sowie Kolleginnen und Kollegen zu schützen, erweist sich in den Analysen als besonders starker Impfanreiz. Strategien, die an Patientensicherheit und professioneller Verantwortung anknüpfen, können diese Motivation gezielt aufgreifen.
- Barrieren abbauen: Zeitmangel, fehlende Priorisierung und organisatorische Hürden stehen einer Impfung häufig entgegen. Maßnahmen, die Impfungen niedrigschwellig in den Arbeitsalltag integrieren – etwa mobile Angebote, flexible Zeitfenster oder Erinnerungen – adressieren diese Barrieren direkt und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass Impfangebote wahrgenommen werden.
Praxisbeispiele aus deutschen Krankenhäusern zeigen, dass entsprechende Ansätze bereits erfolgreich erprobt werden. Im Rahmen der OKaPII-Studie dokumentierte das Robert Koch-Institut konkrete Maßnahmen zur Impfquotensteigerung (5). Dazu zählen insbesondere niedrigschwellige Angebote wie mobile Impfteams, die Stationen direkt aufsuchen, oder temporäre Impfstationen an stark frequentierten Orten wie der Kantine. Auch offene Impfsprechstunden oder flexible Zeitfenster sollen organisatorische Hürden reduzieren.
Um Vertrauen und Verantwortungsgefühl zu stärken, setzen einige Häuser auf sichtbar gelebte Vorbildfunktion – etwa indem sich Klinikleitungen öffentlich impfen lassen – sowie auf persönliche Erfahrungsberichte von Mitarbeitenden, die selbst schwer an Influenza erkrankt waren. Ergänzend werden kommunikative Maßnahmen eingesetzt, etwa digitale Erinnerungen auf Dienstrechnern, Intranetkampagnen oder gezielte Informationsangebote zu Sicherheit und Zusatznutzen der Impfung. Einzelne Kliniken kombinieren diese Ansätze mit Anreizsystemen wie Verlosungen oder kleinen Sachprämien.
Die Beispiele verdeutlichen, dass Impfbereitschaft nicht allein durch Information entsteht, sondern durch ein Zusammenspiel aus organisatorischer Erleichterung, sozialer Normbildung und adressiertem Sicherheitsvertrauen.
Ärztinnen und Ärzte als prägende Instanz im Team
Die Studiendaten erlauben zwar keine direkten Aussagen zur Rolle einzelner Berufsgruppen, legen aber nahe, dass Haltungen und soziale Normen im Team eine Rolle für Impfentscheidungen spielen. Für Ärztinnen und Ärzte ergibt sich daraus eine besondere Rolle. Die eigene Impfentscheidung ist dabei zwar ein wichtiges Signal, reicht aber allein nicht aus. Entscheidend ist, ob Grippeschutz im Alltag als selbstverständlicher Bestandteil von Patientensicherheit verstanden und kommuniziert wird.
Wo Ärztinnen und Ärzte Influenza-Prävention aktiv ansprechen, transparent vertreten und in den Kontext des Schutzes vulnerabler Patientengruppen (z.B. chronisch Kranke) einordnen, könnte sich auch die Wahrnehmung im Team wandeln. Impfungen werden dann weniger als persönliche Option, sondern stärker als gemeinsamer Beitrag zur Versorgungsqualität gesehen.
Konkret kann das bedeuten:
- Die eigene Impfung sichtbar machen und als Teil professioneller Verantwortung einordnen
- Im Teambriefing oder in Besprechungen gezielt auf den Schutz vulnerabler Patienten hinweisen
- Kolleginnen und Kollegen bei Unsicherheiten evidenzbasierte Informationen anbieten
- Falschinformationen sachlich korrigieren (z. B., dass die Impfung keine Grippe auslöst)
- Sich für niedrigschwellige Impfangebote im Haus einsetzen
- Individueller Impfschutz für die gemeinsame Bemühung um Patientensicherheit
Die Studiendaten machen deutlich, dass Impfentscheidungen im Gesundheitswesen nicht allein durch individuelles Wissen oder objektives Risiko bestimmt werden. Vielmehr spielen subjektives Vertrauen, Verantwortungsgefühl und die organisatorischen Rahmenbedingungen im Versorgungsalltag eine zentrale Rolle. Für den Schutz vulnerabler Patientengruppen bedeutet das, dass Grippeschutz im klinischen Alltag nur dann wirksam umgesetzt werden kann, wenn Impfangebote niedrigschwellig gestaltet und im Kontext eines teamübergreifenden Einsatzes für Patientensicherheit mitgedacht werden.
Literatur
1) Robert Koch Institut. Epidemiologisches Bulletin. 2026;4:14–15, https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Epidemiologisches-Bulletin/2026/04_26.pdf?__blob=publicationFile&v=3 [Zugriff am 02.03.2025].
2) Robert Koch-Institut. OKaPII – Onlinebefragung von Klinikpersonal zur Influenza-Impfung. Ergebnisbericht 2025. Berlin: Robert Koch-Institut; 2025, https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/Forschungsprojekte/OKaPII/Ergebnisbericht_2025.pdf?__blob=publicationFile&v=8 [Zugriff am 02.03.2025].
3) Robert Koch-Institut. OKaPII – Onlinebefragung von Klinikpersonal zur Influenza-Impfung. Ergebnisbericht 2024. Berlin: Robert Koch-Institut; 2024, https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/Forschungsprojekte/OKaPII/Ergebnisbericht_2024.pdf?__blob=publicationFile&v=3 [Zugriff am 02.03.2025].
4) Robert Koch-Institut. OKaPII – Onlinebefragung von Klinikpersonal zur Influenza-Impfung. Ergebnisbericht 2023. Berlin: Robert Koch-Institut; 2023, https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/Forschungsprojekte/OKaPII/Ergebnisbericht_2023.pdf?__blob=publicationFile&v=1 [Zugriff am 02.03.2025].
5) Robert Koch-Institut. Initiativen gegen Grippe – Was machen Krankenhäuser zur Steigerung von Influenza-Impfquoten? Berlin: Robert Koch-Institut; 2019, https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/Forschungsprojekte/OKaPII/OKaPII-Broschuere.pdf?__blob=publicationFile&v=1 [Zugriff am 02.03.2025].
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