Round-Table-Gespräch
Wie Haus- und Fachärzte gemeinsam Impflücken schließen
Die Impfquote bei chronisch Erkrankten unter 60 Jahren liegt weit unter dem Ziel der WHO. Round-Table-Experten sehen eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Haus- und Fachärzten sowie Digitalisierung und niedrigschwellige Angebote als Schlüssel zum Erfolg.
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© Vladimir Vladimirov | iStock (Symbolbild mit Fotomodellen)
Das Problem: Versorgungslücke bei vulnerabler Patientengruppe
Chronische Erkrankungen erhöhen das Risiko für schwere Verläufe von Influenzainfektionen [1]. Trotzdem sind Influenza-Impfquoten bei jungen Erwachsenen mit chronischen Krankheiten wie Diabetes, Rheuma oder Asthma nach wie vor alarmierend niedrig. Nur ca. jeder Zehnte aller chronisch Erkrankten unter 60 Jahren ist gegen Grippe geimpft, weit entfernt von der WHO-Zielmarke von 75 Prozent [2, 3]. Diese Versorgungslücke verdeutlicht ein systemisches Problem: Während ältere Menschen ab 60 Jahren routinemäßig zur Influenza-Impfung aufgerufen werden, fallen jüngere chronisch Kranke häufig durch das Raster der Präventionsmedizin. Die Folgen können nicht nur für die Betroffenen schwerwiegend werden, sondern belasten auch das gesamte Gesundheitssystem durch vermeidbare Hospitalisierungen und Folgeerkrankungen.
Vielschichtige Ursachen erfordern differenzierte Lösungen
Um diese besorgniserregende Situation zu verstehen, führten Experten im November 2024 ein Round-Table-Gespräch durch. Prof. Dominik Bettenworth (Münster), Dr. Markus Nikolaus Frühwein (München), PD Dr. Paula Hoff (Berlin), Prof. Jörg Schelling (Martinsried) und Prof. Thomas Weinke (Berlin) identifizierten dabei mehrere ineinandergreifende Problemebenen.
Auf struktureller Ebene erschweren unklare Zuständigkeiten zwischen Haus- und Fachärzten eine koordinierte Impfstrategie. Während Fachärzte häufig davon ausgehen, dass die Grundimmunisierung in der Hausarztpraxis erfolgt, haben Hausärzte nicht immer alle relevanten Grunderkrankungen ihrer Patienten im Blick. Diese Schnittstellenproblematik wird besonders bei immunsupprimierten Patienten deutlich, die wegen entzündlicher Darmerkrankungen oder rheumatischer Leiden behandelt werden und eine besonders enge Abstimmung zwischen den Behandlern benötigen.
Gleichzeitig zeigen sich erhebliche Wissens- und Einstellungsdefizite. Viele Patienten und sogar manche Ärzte unterschätzen die Gefährlichkeit der Influenza und betrachten sie als harmlosen Infekt. Hinzu kommt eine gewisse Überforderung angesichts der Komplexität moderner Impfempfehlungen sowie eine allgemeine Impfmüdigkeit, die sich besonders bei jüngeren Menschen manifestiert.
Auf organisatorischer Ebene innerhalb der Praxis erweist sich die mangelnde Integration der Impfung in Routineabläufe als zentrales Hindernis. Viele Praxen verfügen noch nicht über digitale Impfmanagementsysteme, die automatisch an fällige Impfungen erinnern könnten. Erschwerend kommt hinzu, dass Impfungen für Ärzte wirtschaftlich wenig attraktiv sind, da die Vergütung gering und der Zeitaufwand verhältnismäßig hoch ist.
Handlungsfelder aus der Praxis
Trotz dieser vielschichtigen Herausforderungen konnten die Round-Table-Experten aus ihren praktischen Erfahrungen konkrete und umsetzbare Lösungsansätze ableiten.
Der wichtigste Erfolgsfaktor liegt in der konsequenten Integration der Impfung in die täglichen Praxisabläufe. Erfolgreiche Einrichtungen nutzen jeden Patientenkontakt systematisch zur Impfstatusabfrage und bieten Impfungen direkt an. Besonders bewährt hat sich das Modell "Impfen to go", bei dem Patienten, die ohnehin in der Praxis sind, spontan geimpft werden können, ohne zusätzliche Terminvereinbarung. Diese niedrigschwellige Herangehensweise eliminiert organisatorische Hürden und erhöht die Impfbereitschaft nachweislich.
Ein weiterer Schlüssel zum Erfolg liegt in der optimalen Nutzung der Teamkompetenz. Medizinische Fachangestellte (MFA) können als geschulte Impfbeauftragte eine zentrale Rolle übernehmen und dabei weit mehr als nur organisatorische Aufgaben übernehmen. Sie führen Impfaufklärungen durch, koordinieren Impftermine und können bei entsprechender Qualifikation auch selbst impfen. Dieses Delegationspotential entlastet nicht nur die Ärzte, sondern verbessert oft auch die Patientenkommunikation, da MFAs häufig mehr Zeit für ausführliche Gespräche haben.
Die persönliche Empfehlung des behandelnden Arztes bleibt der wichtigste Auslöser für eine Impfentscheidung. Entscheidend ist jedoch, dass diese Empfehlung authentisch und überzeugend erfolgt. Ärzte, die selbst von der Impfung überzeugt sind und dies glaubwürdig kommunizieren, erreichen deutlich höhere Impfquoten. Dabei helfen einfache, verständliche Kernbotschaften – etwa der Hinweis, dass die Influenza-Impfung nicht nur vor der akuten Infektion schützt, sondern auch das Risiko für kardiovaskuläre Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall mildern kann.
Digitalisierung bleibt Hoffnungsträger
Die Digitalisierung der Impfverwaltung birgt enormes Potenzial für die systematische Schließung von Impflücken. Elektronische Impfpässe, automatische Erinnerungssysteme und intelligente Impf-Recall-Programme können das Praxisteam erheblich entlasten und gleichzeitig die Versorgungsqualität verbessern. Moderne Impfmanagementsysteme erkennen Impflücken automatisch und erinnern Patienten per App an anstehende Immunisierungen. Praxen, die solche digitalen Instrumente bereits erfolgreich einsetzen, berichten von deutlich gestiegenen Impfquoten und einer spürbaren Entlastung des Praxisteams.
Ergänzend können moderne Kommunikationswege die klassische Aufklärung wirkungsvoll unterstützen. Social Media-Kampagnen, verständliche Erklärvideos oder QR-Codes in Wartezimmern erreichen Patienten über verschiedene Kanälen und verstärken die Impfbotschaft. Auch die Zusammenarbeit mit Selbsthilfegruppen und zielgruppenspezifische Patientenvorträge haben sich als vielversprechende Ansätze erwiesen, da sie das Vertrauen in die Impfempfehlung durch Peer-to-Peer-Kommunikation stärken.
Politische Rahmenbedingungen
Die nachhaltige Lösung des Impfproblems erfordert jedoch auch strukturelle Reformen auf politischer Ebene. Die derzeitigen Rahmenbedingungen schaffen zu wenig Anreize für eine konsequente Impfstrategie in den Praxen.
Hier muss die Politik Verantwortung übernehmen und die Vergütungsstrukturen so anpassen, dass sich präventive Maßnahmen für Praxen wirtschaftlich lohnen. Das stärkste Argument für solche Investitionen liegt auf der Hand: Prävention ist langfristig deutlich kostengünstiger als die Behandlung von vermeidbaren Folgeerkrankungen. Jeder Euro, der in die Verbesserung von Impfquoten investiert wird, spart dem Gesundheitssystem ein Vielfaches an Behandlungskosten.
Darüber hinaus sollten die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission konkreter formuliert werden, um Ärzten mehr Handlungssicherheit zu geben. Klare, eindeutige Impfindikationen reduzieren Unsicherheiten und erleichtern die Impfentscheidung sowohl für Ärzte als auch für Patienten.
Ausblick: Ein weiter Weg bis zur WHO-Zielmarke
Die niedrige Influenza-Impfquote bei jungen chronisch Kranken [2] verdeutlicht ein gravierendes Versorgungsdefizit. Die Round-Table-Experten identifizierten jedoch konkrete Lösungswege: Eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Haus- und Fachärzten, die Abfrage des Impfstatus bei jedem Praxisbesuch, niedrigschwellige Impfangebote wie „Impfen to go“, MFAs als „Impfbeauftragte“ und die konsequente Digitalisierung des Impfmanagements können die Situation nachhaltig verbessern.
Langfristig müssen diese Ansätze durch klare politische Rahmenbedingungen gestützt werden. Prävention rechnet sich – medizinisch wie ökonomisch. Verbesserte Vergütungsstrukturen und finanzielle Anreize für Praxen sind ebenso notwendig wie konkretere STIKO-Empfehlungen, die Ärzten mehr Handlungssicherheit geben.
Der Weg zur WHO-Zielmarke von 75 Prozent Impfquote [3] ist klar vorgezeichnet – jetzt gilt es, die entwickelten Strategien konsequent umzusetzen und die besorgniserregenden Impflücken bei dieser vulnerablen Patientengruppe zu schließen.
Literatur
1. Bundesminisiterium für Gesundheit. Influenza (Grippe), https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/gesundheitsgefahren/influenza.html, abgerufen am 31.12.2025.
2. Berechnung auf Grundlage von: Robert Koch-Institut (2025). VacMap – Dashboard zum Impfgeschehen in Deutschland. https://www.rki.de/vacmap, Influenza, für den Berichtszeitpunkt 2023/2024 über die Zielgruppe: Personen mit Grunderkrankungen; Statistisches Bundesamt (Destatis): Bevölkerung nach Altersgruppen, https://www.destatis.de, jeweils abgerufen am 01.07.2025.
3. WHO. Managing seasonal vaccination policies and coverage in the European Region; https://www.who.int/europe/activities/managing-seasonal-vaccination-policies-and-coverage-in-the-european-region, abgerufen am 31.12.2025.
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