Stadtreinigung

Wie zieht man ergonomisch eine Mülltonne?

Harte Arbeit, zwölf Prozent Krankenstand und eine überalterte Belegschaft: Bei der Stadtreinigung in Berlin hat Prävention eine hohe Priorität.

Von Helmut Laschet Veröffentlicht: 02.12.2019, 07:03 Uhr
Wie zieht man ergonomisch eine Mülltonne?

Für eine saubere Hauptstadt: Bei der Berliner Stadtreinigung ist Gesundheitsprävention für die Mitarbeiter Chefsache.

© BSR

Ihr Job ist es, die deutsche Hauptstadt von Müll und Kehricht zu befreien. 2,5 Millionen Kilometer legen die 330 Müllfahrzeuge jährlich zurück, um fast 19 Millionen Mal Mülltonnen zu entleeren. Der Dreck einer Stadt, der geschleppt, gehoben, über Bordsteinkanten und Schlaglöcher gehievt werden muss, bei Wind und Wetter.

Entsorgungsbetriebe haben den höchsten Krankenstand überhaupt. Knapp sieben Prozent im Bundesdurchschnitt, bei den Beschäftigten der Berliner Stadtreinigung (BSR) sind es neun Prozent (ohne Lohnfortzahlung) und zwölf Prozent, gezählt ab dem ersten Abwesenheitstag mit und ohne Lohnfortzahlung.

Einen hohen Anteil machen Krankheiten des Muskel- und Skelettsystems aus. Circa neun Prozent der Mitarbeiter sind länger als sechs Wochen krankgeschrieben, und das bedeutet auch persönliche Einkommensausfälle für Menschen.

Die meisten AU-Fälle durch Muskel-/Skelett-Erkrankungen

Das Management der BSR hat daraus bereits vor Jahren Konsequenzen gezogen und ein Gesundheitsmanagement geschaffen, das direkt unter der Vorstandsebene angesiedelt ist.

In dieser Geschäftseinheit wurden die Bereiche Betriebsärztlicher Dienst, Arbeitssicherheit, Gesundheits-und Sozialberatung, Betriebliches Eingliederungsmanagement sowie das Gesundheitsmanagement Integration und die Betriebsgastronomie zusammengefasst. Dies ermöglicht einen ganzheitlichen BGM Ansatz, betont Brinkmann.

Bei den Krankheiten der BSR-Beschäftigten ist der Anteil der Muskel- und Skeletterkrankungen am höchsten. Sie machen zwei Drittel aller Anlässe für Arbeitsunfähigkeit aus. Die BSR hat für die unterschiedlichen Betroffenengruppen Maßnahmen erarbeiten und teilweise schon implementiert.

Seit geraumer Zeit hat die BSR für die leistungsgeminderten Beschäftigten – also solchen, die bei Müllabfuhr und Straßenreinigung geforderte Leistung aufgrund von körperlichen Beeinträchtigungen nicht mehr vollständig erbringen können – andere wertschöpfende und damit auch wertschätzende Tätigkeiten in einem eigenen Einsatzbereich geschaffen.

Die Tätigkeiten in diesem Einsatzbereich unterstützen unterschiedliche Geschäftseinheiten in der BSR.

Sperrmüll belastet anders

Gleichzeitig sind diese leichteren Tätigkeiten von Leistungsgeminderten ausführbar. So wurde die einst outgesourcte Papierkorb-Reparatur wieder in die BSR integriert.

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern sich um die Liegenschaften der BSR, andere wurden fortgebildet, mit dem Ziel, ihr in der Praxis erworbenes Wissen über Abfallentsorgung und Stadtsauberkeit bei der Umweltbildung zu nutzen.

Ferner unterstützt die BSR in Kooperation mit der Unfallkasse, der TK und BKK VBU bedarfsorientierte Präventionsleistungen. Speziell für die Beschäftigten der Müllabfuhr und der Straßenreinigung wurde das Programm „Boxenstopp“ entwickelt, das in allen Bereichen angeboten wird. Darin wird etwa ergonomisches Tonnenziehen gelernt.

Mit Achtsamkeitsübungen und Bewegungstraining soll Krankheitsentstehung und Chronifizierung vorgebeugt werden. Die Übungsprogramme werden künftig nach Einsatzgebieten differenziert: Männer, die Sperrmüll abholen, sind anders belastet als diejenigen, die Tonnen entleeren.

Bei den einen leidet der untere Rückenbereich, bei letzteren eher die Schulter-Nacken-Region. Solche sehr spezifischen Programme sind derzeit noch in der Entwicklung und werden ab 2020 sukzessive umgesetzt.

Ehrenamtliche Gesundheitslotsen

Eine wichtige und bereits 2016 evaluierte Präventionsmöglichkeit ist der Einsatz von Gesundheitslotsen, von denen es inzwischen 20 – im Schnitt zwei je Betriebshof – gibt.

Das sind ehrenamtliche Kräfte aus der Arbeitspraxis, die an fünf Wochenenden eine berufsspezifische Gesundheits-/Präventionsfortbildung erhalten haben und die ihren Kolleginnen und Kollegen vor Ort beratend zu Seite stehen können: bei Problemen mit der Ernährung, bei psychischen Belastungen, aber auch zur Vermittlung von Hilfsangeboten.

Eine bedeutende Rolle bei der Minderung der Arbeitslast spielen technische Innovationen: Mülllaster der neuen Generation sind Niederflurfahrzeuge, die leicht bestiegen werden können. Für schwere Mülltonnen, die über längere Strecken und unwegsames Gelände gezogen werden müssen, werden elektrische Zughilfen getestet.

In der Straßenreinigung wurden beispielsweise bei der BSR selbst Kehrrichtkarren entwickelt, die deutlich leichter sind, als die am Markt bis dahin erhältlichen, eine Option für die Zukunft sind selbstfahrende kleine Kehrmaschinen, die die Beschäftigten begleiten und unterstützen.

So entwickeln die Bereiche gemeinsam mit dem Gesundheitsmanagement Lösungen, die Anzahl der Muskel-Skeletterkrankungen zu reduzieren. Andere Ideen stammen auch aus dem BSR-eigenen Ideenlabor und auch dem Zukunftsdialog „BSR 2030+“ – einem breit angelegten Projekt, das die Zukunft der Stadt und Ideen für die Aufgabe und Entwicklung der BSR darin beleuchtet.

„Abschließend kann man sagen, dass nur ein gemeinsames Herangehen zwischen Betroffenen und dem Unternehmen nachhaltige Lösungen schafft, für die Beschäftigten die Arbeitsbedingungen und die Arbeitsorganisation so aufzustellen, dass jeder und jede lange seine Gesundheit erhält, so Brinkmann.

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