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Impfkommunikation

Zwischen Akzeptanz und Ablehnung: Impfzögern richtig verstehen

Häufig scheitert die Grippeimpfung nicht an Skepsis, sondern an unterschätztem Risiko und fehlender persönlicher Relevanz. Was folgt daraus für die Praxis?

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Zwischen Akzeptanz und Ablehnung: Impfzögern richtig verstehen

© Westend61 / Roger Richter | Getty Images

Influenza-Impfung erfolgreich fördern: Erkenntnisse und Best Practices aus dem aktuellen ECDC-Bericht

Patientinnen und Patienten, die eine empfohlene Impfung nicht wahrnehmen, lehnen diese nicht zwangsläufig ab. Der ECDC-Report „Tools and methods for promoting vaccination acceptance and uptake" vom April 2025 macht einen deutlichen Unterschied zwischen Akzeptanz der Impfung und tatsächlicher Inanspruchnahme (1). Eine Impfung kann grundsätzlich akzeptiert und sogar erwünscht sein, aber doch scheitern, beispielsweise an Terminlogistik oder einer ausbleibenden ärztlichen Empfehlung. Für die Kommunikation und Organisation in der Praxis ist eine Einordnung dieser Gründe besonders relevant, denn eine Botschaft, die Sicherheitsbedenken ausräumt, läuft bei jemandem ins Leere, der die Impfung grundsätzlich für überflüssig hält.

Der ECDC-Bericht greift dafür unter anderem auf das etablierte 5C-Modell zurück. Es unterscheidet fünf Gruppen von Einflussfaktoren, die helfen können, Impfbarrieren systematischer einzuordnen:

  • Confidence: Vertraut die Person der Sicherheit, Wirksamkeit und Empfehlung?
  • Complacency: Hält sie Influenza für relevant und potenziell schwerwiegend?
  • Constraints: Erschweren Termine, Zeitdruck, fehlende Angebote oder andere Hürden die Impfung?
  • Calculation: Wie intensiv wägt sie Nutzen und mögliche Risiken ab?
  • Collective Responsibility: Spielt der Schutz anderer Menschen eine Rolle?

Je nach Antwort greifen unterschiedliche Maßnahmen: Wer der Impfung misstraut, braucht ein klärendes Gespräch. Wer sie schlicht nicht auf dem Schirm hat, muss vor allem eine eindeutige Empfehlung hören und ein niedrigschwelliges Angebot erhalten. Der Report und das darin beschriebene Modell sind impfstoffübergreifend angelegt. Welches „C“ überwiegt, ist je nach Impfung, Zielgruppe und Land unterschiedlich.

Häufig fehlt die persönliche Relevanz

Für Deutschland liefert die Repräsentativbefragung zum Infektionsschutz 2022 der damaligen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung – heute Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) – ein differenzierteres Bild speziell für die saisonale Influenza. Von 2.404 Befragten, die zu mindestens einer der untersuchten Indikationsgruppen gehörten (chronisch Kranke, Personen ab 60 Jahren oder medizinisches Personal), gab knapp die Hälfte (48 %) an, sich regelmäßig jedes Jahr gegen die saisonale Grippe impfen zu lassen. Innerhalb der Gruppen fällt das Bild sehr unterschiedlich aus: Bei den Über-60-Jährigen sind es 58 Prozent, bei chronisch Kranken 50 Prozent und bei Personen, die im medizinischen Bereich mit Patientenkontakt arbeiten, lediglich 33 Prozent. (2)

Diese Werte basieren auf Selbstauskünften aus telefonischen Interviews und liegen zumindest teilweise deutlich über dem, was tatsächlich dokumentiert ist. Die KVImpfsurveillance des Robert Koch-Instituts wertet pseudonymisierte Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen aus. Nach diesen Daten, aufbereitet im RKI-Tool VacMap, lag die Influenza-Impfquote bei Erwachsenen mit impfrelevanten Grunderkrankungen in den vergangenen Saisons immer wieder bei nur etwa 30 Prozent – bei den jüngeren Altersgruppen trotz bestehender Indikation nochmals deutlich niedriger (3). Die Abrechnungsdaten deuten damit auf niedrigere Impfquoten hin, als die Selbstauskünfte der Befragung vermuten lassen. Ein direkter Vergleich ist aufgrund der unterschiedlichen Datengrundlagen und betrachteten Gruppen allerdings nur eingeschränkt möglich.

Der eigentliche Wert der Befragung liegt aber nicht in den Quoten, sondern in dem, was sie über die Beweggründe der Personen offenbart. Aufschlussreich sind vor allem die Gründe, die von den 1.252 Befragten genannt wurden, die sich trotz Empfehlung nicht regelmäßig impfen lassen. An erster Stelle steht die Einschätzung, Grippe sei keine besonders schwere Krankheit (42 %), dicht gefolgt von der Annahme, gar nicht zu einer Gruppe zu gehören, für die eine Impfung empfohlen wird (39 %). Erst danach folgt der Zweifel, ob die Impfung überhaupt schützt (34 %). Angst vor Nebenwirkungen (19 %) und der Umstand, dass niemand auf die Notwendigkeit der Impfung hingewiesen hat (18 %), liegen deutlich dahinter. Alle weiteren abgefragten Gründe, wie beispielsweise verpasste Termine, ärztliches Abraten oder Angst vor Spritzen bewegen sich im einstelligen Bereich (bei möglichen Mehrfachnennungen). (2)

Der Zeitverlauf schärft dieses Bild zusätzlich. Genau jene Barrieren, die klassische Aufklärungsarbeit adressiert, sind über ein Jahrzehnt hinweg deutlich zurückgegangen: der Zweifel am Schutz durch die Impfung von 51 Prozent (2012) auf 34 Prozent, die Angst vor Nebenwirkungen von 34 auf 19 Prozent, die Angst vor Spritzen von 9 auf 5 Prozent. Die Fehleinschätzung der Krankheitsschwere dagegen ist über denselben Zeitraum praktisch unverändert geblieben.

In die Logik des 5C-Modells eingeordnet, lassen sich die beiden am häufigsten genannten Gründe vor allem dem Bereich Complacency zuordnen. Die Daten sprechen damit eher für eine Unterschätzung der Erkrankung beziehungsweise eine fehlende Selbstzuordnung zur Risikogruppe als für ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem Impfstoff. Dass die Empfehlung überhaupt für sie gilt, wissen nur 59 Prozent der Personen mit chronischen Erkrankungen (2).

Confidence-Bedenken spielen dennoch eine relevante Rolle: 34 Prozent zweifeln daran, dass die Impfung schützt, 19 Prozent nennen Angst vor Nebenwirkungen. Beide Gründe werden zwar deutlich seltener genannt als noch 2012, gehören aber weiterhin zu den häufigeren Gründen gegen eine regelmäßige Impfung.

18 Prozent geben an, auf die Notwendigkeit der Impfung nicht hingewiesen worden zu sein. Dieser Befund betrifft weniger die Einstellung zur Impfung als die Frage, ob eine Impfempfehlung die Person im Versorgungsalltag überhaupt erreicht. Daraus ergeben sich zwei Ansatzpunkte: die passende Kommunikation im Gespräch und Strukturen, die Impfgelegenheiten zuverlässig schaffen.

Im Gespräch die passende Ansprache finden

Grundsätzlich empfiehlt die WHO vier Grundhaltungen für die Kommunikation zu Impfungen: mit Empathie zuhören, offene Fragen stellen, vor dem Vermitteln zusätzlicher Informationen möglichst um Erlaubnis fragen und die eigenen Beweggründe teilen. Ausdrücklich rät sie davon ab, Menschen mit Fakten zu überschütten, statt an ihre Motive anzuknüpfen (4). Diese Grundhaltungen gelten unabhängig vom Gegenüber. Woran das Gespräch inhaltlich ansetzt, hängt dagegen davon ab, welches „C" im konkreten Fall im Vordergrund steht. Die folgenden Situationen orientieren sich an den Gründen, die in der Befragung am häufigsten genannt wurden. Weil die beiden meistgenannten Gründe, die unterschätzte Krankheitsschwere und die fehlende Selbstzuordnung zur Risikogruppe, beide dem Bereich Complacency zuzuordnen sind, steht dieses „C“ hier zweimal, jeweils mit einem anderen Gesprächsansatz.

Complacency – unterschätzte Krankheitsschwere: Die Person schätzt ihr persönliches Risiko gering ein. Statt die Schwere einer Influenza allgemein zu betonen, sollte die konkrete gesundheitliche Situation im Mittelpunkt stehen: „Entscheidend ist bei Ihnen weniger die Grippe an sich als Ihre Herzinsuffizienz. Eine Influenza kann Ihre Grunderkrankung zusätzlich belasten. Darf ich Ihnen kurz erklären, warum ich Ihnen deshalb die Impfung empfehle?“

Complacency – fehlende Selbstzuordnung: Die Person weiß nicht, dass die Empfehlung für sie gilt. Hier geht es weniger um Überzeugungsarbeit als darum, die persönliche Relevanz klarzumachen: „Wegen Ihres Diabetes gehören Sie zu den Menschen, denen die STIKO die jährliche Grippeimpfung ausdrücklich empfiehlt. Das ist vielen nicht bewusst. Deshalb würde ich Ihnen die Impfung empfehlen. Wir könnten sie heute direkt mitmachen.“

Confidence – negative Vorerfahrung: Die Person verbindet die Impfung mit einer unangenehmen Erfahrung. Aussagen wie „Davon werde ich doch immer krank“ kommen im Gespräch zur Grippeimpfung ebenfalls vor. Zunächst sollte die Erfahrung erfragt und nicht sofort korrigiert werden: „Erzählen Sie mir kurz, wie das damals war.“ Erst danach, und bestenfalls mit Erlaubnis, lässt sich fachlich einordnen, was möglicherweise hinter den Beschwerden stand.

Calculation – intensive Abwägung: Die Person hat sich bereits ausführlich informiert. Wer vorab recherchiert hat und nach Zahlen fragt, braucht vor allem eine ehrliche Einordnung einschließlich bestehender Unsicherheiten und Grenzen: „Sie haben sich das offenbar genau angesehen. Sagen Sie mir, worauf Sie gestoßen sind, dann schauen wir gemeinsam, was davon für Ihre Situation relevant ist.“ Intensive Beschäftigung mit Nutzen und Risiken ist dabei nicht automatisch ein Zeichen von Skepsis, sondern kann Ausdruck des Wunsches nach einer fundierten Entscheidung sein.

Collective Responsibility – Schutz anderer: Die Person denkt auch an ihr Umfeld. Bei Menschen mit pflegebedürftigen Angehörigen oder Patientenkontakt kann neben dem eigenen Risiko auch der Schutz anderer ein wichtiger Gesprächsansatz sein: „Sie sind viel bei Ihrer Mutter im Pflegeheim. Die Impfung kann deshalb nicht nur für Ihren eigenen Schutz relevant sein. Indem Sie sich vor Influenza schützen, können Sie auch dabei helfen, besonders gefährdete Menschen in Ihrem Umfeld vor einer Ansteckung zu bewahren.“

Constraints – die Person will, kommt aber nicht dazu. Aussagen wie „Im Herbst schaffe ich es nie her“ weisen nicht auf ein Überzeugungsproblem hin, sondern auf eine praktische Hürde. Wichtig ist hier, die Umsetzung möglichst einfach zu machen: die Impfung heute direkt mit erledigen oder einen verbindlichen Termin vereinbaren. Treten solche Hürden regelmäßig auf, geht es nicht mehr nur um das Gespräch, sondern auch um die Praxisorganisation.

Die hier beschriebenen Kategorien und Szenarien sind keine festen Patiententypen: Bei einer Person können mehrere Faktoren gleichzeitig eine Rolle spielen. Für das Gespräch dienen die fünf Cs deshalb eher als Orientierung dafür, welche Barriere gerade im Vordergrund steht.

Und wenn die Person sich heute nicht entscheidet? Ein Gespräch, das ohne Entscheidung zur Impfung endet, ist nicht gescheitert. Die Autonomie ausdrücklich anzuerkennen und einen Anschlusspunkt zu setzen, hält die Tür offen: „Das ist Ihre Entscheidung. Wenn Sie möchten, greifen wir das beim nächsten Termin noch einmal auf.“

Wie lässt sich ein Impfgespräch führen, wenn nach der Eröffnung Widerstand oder Ambivalenz sichtbar werden? Lesen Sie hier mehr zum „Motivational Interviewing.

Im Praxisalltag die Gelegenheit schaffen

Nicht jede Impfbarriere lässt sich im Gespräch lösen. Wenn die Bereitschaft grundsätzlich vorhanden ist, kommt es darauf an, die Umsetzung möglichst einfach zu machen.

  • Erinnern und gezielt ansprechen. Erinnerungs- und gezielte Ansprache-Maßnahmen können an konkreten Impfbarrieren ansetzen. In der Praxis lassen sich Risikopatientinnen und -patienten beispielsweise vor Saisonbeginn gezielt anschreiben oder per SMS erinnern.
  • Jeden Praxiskontakt nutzen. Entscheidend ist, Maßnahmen an der jeweils vorherrschenden Barriere auszurichten. Fehlt vor allem der Anstoß zur Impfung, können bestehende Versorgungskontakte genutzt werden: Auch MFA können den Impfstatus routinemäßig erfragen. DMP-Termine, Chroniker-Kontrollen und andere ohnehin stattfindende Praxisbesuche bieten Gelegenheit, die Grippeimpfung anzusprechen.
  • Hürden niedrig halten. Constraints umfassen praktische Schwierigkeiten, die einer Impfung im Weg stehen. Entsprechend sollten Zugangsbarrieren möglichst reduziert werden. Wo möglich, sollte die Impfung ohne zusätzlichen Termin angeboten werden. (1)

Nicht überzeugen, sondern anknüpfen

Nicht jede ausbleibende Impfung bedeutet Ablehnung. Viele Menschen, die trotz Empfehlung ungeimpft bleiben, haben keine grundsätzlichen Vorbehalte gegen Impfungen. Besonders häufig fehlt die persönliche Relevanz: Die Influenza wird unterschätzt oder die eigene Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe ist nicht bewusst. Zugleich können Zweifel am Impfschutz und praktische Hürden eine Rolle spielen. Gute Impfkommunikation sollte deshalb dort ansetzen, wo die konkrete Barriere liegt. Eine durchdachte Praxisorganisation kann dazu beitragen, dass aus einer Empfehlung möglichst einfach eine Impfgelegenheit wird.

Literatur

1. European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC). Tools and methods for promoting vaccination acceptance and uptake: a social and behavioural science approach. Stockholm: ECDC; 2025. https://www.ecdc.europa.eu/en/publications-data/tools-and-methodspromoting-vaccination-acceptance-and-uptake, abgerufen am 24.08.2026.

2. Horstkötter N, Seefeld L, Müller U et al. Einstellungen, Wissen und Verhalten von Erwachsenen und Eltern gegenüber Impfungen – Ergebnisse der Repräsentativbefragung 2022 zum Infektionsschutz: Impfungen im Erwachsenenalter (Teilbericht 2). BZgA-Forschungsbericht 2024. https://doi.org/10.17623/BZgA:T2-IFSS-TB2-2023, abgerufen am 24.08.2026.

3. Robert Koch-Institut (2025). VacMap – Dashboard zum Impfgeschehen in Deutschland. Influenza, Saisons 2022/23, 2023/24 und 2024/25. https://www.rki.de/vacmap, abgerufen am 24.08.2026.

4. World Health Organization (WHO). How to talk about vaccines. 2025. https://www.who.int/news-room/feature-stories/detail/how-to-talk-aboutvaccines, abgerufen am 24.08.2026.

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