Ärzte Zeitung online, 14.02.2014
 

Doping

"Für Gold würden viele sterben"

Für ihren Erfolg tun manche Sportler alles - und nehmen Substanzen, die weder an Mensch noch Tier getestet wurden. Mit Blut- und Urintests allein ist dem kaum beizukommen. Im Interview spricht der Pharmakologe Professor Fritz Sörgel über Hürden beim Doping-Kampf. Und er fordert, Topsportler besser zu überwachen und schwarze Schafe zu kriminalisieren.

Das Interview führte Thomas Müller

"Für Gold würden viele sterben"

Fritz Sörgel in seinem Institut in Heroldsberg bei Nürnberg.

© Daniel Karmann / dpa

Ärzte Zeitung: Der Sportmediziner Professor Perikles Simon prophezeit, dass bis zu 60 Prozent der Athleten in Sotschi gedopt sind. Halten Sie das für realistisch?

Professor Fritz Sörgel: 60 Prozent wäre ein hoher Wert. Herr Simon ist da vielleicht etwas übers Ziel hinausgeschossen. Glaubt man Umfragen, sind es etwas weniger. Bei der Leichtathletik-WM 2011 hat etwa ein Drittel der anonym Befragten zugegeben, im Vorfeld der WM unerlaubte Mittel genommen zu haben.

Bei den Panarabischen Spielen in Doha im gleichen Jahr waren es bei einer Umfrage 45 Prozent. Ich gehe von einem Anteil aus, der irgendwo bei 20 bis 50 Prozent liegt. Eine genaue Zahl zu nennen ist aber unseriös. 30 Prozent wären ja auch schon viel. Zum Vergleich: Die Zahl positiver Dopingtests in Deutschland liegt seit Jahren stabil bei 2-3 Prozent. Dass der Dopingmissbrauch in Deutschland so ganz anders sein soll als im Rest der Welt ist aber nur schwer vorstellbar.

Angeblich werden in Sotschi knapp 2500 Dopingproben untersucht - mehr als je zuvor bei Olympischen Spielen. Was muss ein Athlet tun, um trotzdem nicht erwischt zu werden?

Prof. Fritz Sörgel

Der Anti-Doping-Experte Professor Fritz Sörgel ist Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) in Nürnberg und außerplanmäßiger Professor am Institut für Pharmakologie der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen sowie Lehrbeauftragter im Bereich Klinische Pharmazie der Universität Würzburg.

Sörgel: Er braucht vor allem gute Dopingberater - oft sind das Autodidakten ohne jegliche medizinische oder pharmakologische Ausbildung. Die arbeiten dann ein so geschicktes Dosierungsregime aus, dass bei den Kontrollen nichts entdeckt wird.

Wie gut das klappt, haben uns viele Sportler demonstriert - allen voran Lance Armstrong: Gut 500-mal kontrolliert und kein positiver Test. Ein anderes Beispiel ist die US-Baseball-Legende Alex Rodríguez. Über Jahre hinweg hat er in einer Anti-Aging-Klinik in Florida gedopt und dafür angeblich 12.000 US-Dollar im Monat bezahlt. Aufgeflogen ist er nicht durch einen positiven Test, sondern weil ihn jemand verpfiffen hat.

Sind die vielen Tests bei Olympia dann nicht Augenwischerei?

Sörgel: Es macht eben Eindruck zu sagen, bei diesen Spielen gibt es noch mehr Tests als bei den letzten. Inzwischen ist es tatsächlich sehr selten, dass bei solchen Großereignissen noch jemand erwischt wird. Meistens passiert das Sportlern aus Ländern, die sich keine teuren Berater leisten können und leicht nachweisbare Dopingmittel verwenden müssen, oder bei Radfahrern, die ja in der Statistik des Dopingmissbrauchs weit vorne liegen.

Da sind es dann Fälle wie beim Radprofi Stefan Schumacher: Er hatte bei den Sommerspielen in Peking offensichtlich noch Restmengen von früheren Injektionen des bis dahin in der Szene kaum bekannten CERA im Blut. Schumacher hatte die lange Halbwertszeit von CERA wohl unterschätzt, da war der Berater offenbar nicht so gut.

Es besteht immer eine gewisse Gefahr, dass sich die Sportler verrechnen, wenn sie versuchen, die Mittel rechtzeitig vor dem Wettkampf abzusetzen. Die Pharmakokinetik unterliegt eben vielen Einflüssen. Wenn dann noch der Dopingtester in einem günstigen Moment kommt, wird der Betrüger ertappt.

Kontrollieren müsste man die Athleten dann wohl eher während der Vorbereitung und nicht nur beim Wettkampf.

Sörgel: Besonderen Erfolg verspricht, die Leistungskurven von Sportlern im Wettkampf genau zu analysieren, also auf eine plötzliche Leistungsexplosion zu achten. Hilfreich wären auch Kontrollen in entlegenen Gebieten, in die sich gerade die Superathleten gerne zum Training zurückziehen und sicher fühlen. Um Usain Bolt und die jamaikanischen Sportler ranken sich ja solche Gerüchte, aber bei weitem nicht nur um diese.

Welche Mittel werden derzeit am häufigsten genommen? Immer noch Epo und Anabolika?

Sörgel: Nach wie vor sind es wohl die üblichen Verdächtigen: Epo, Insulin, IGF-1, Amphetamin-Derivate und Steroide. Ich sage zu Steroiden nur ungern Anabolika, da sie nicht immer für eine anabole Wirkung genommen werden, sondern um Entzündungen zu behandeln, belastbarer, aggressiver und leistungsbereiter zu machen.

Überhaupt haben viele der Substanzen auch Wirkungen, die nicht in Lehrbüchern stehen. Epo scheint auch für die Stimmung gut zu sein, und welcher Nephrologe oder Onkologe hätte vermutet, dass das Hormon bereits in Mikrodosierungen leistungssteigernd wirkt? Das alles finden die Sportler mit der Zeit in geheimen Programmen und Selbstversuchen heraus.

Selbst Diuretika nehmen manche noch, um den Dopingnachweis zu erschweren: Damit wurde der Luxemburger Fränk Schleck bei der Tour de France 2012 erwischt. Diuretika sind ja harntreibend. Wenn jemand am Tag der Dopingprobe 2,5 Liter statt 1,5 Liter Harn ausscheidet, wird das eigentliche Dopingmittel verdünnt und schwerer nachweisbar.

Aber dieser diuretische Effekt hält bei Gesunden nur ein bis zwei Tage an, dann lässt die harntreibende Wirkung nach, es wird also gar nicht mehr Urin ausgeschieden als sonst. Es sind vermutlich schon viele nach einem Diuretikanachweis gesperrt worden, obwohl der Harn gar nicht mehr verdünnt war.

Neuere Dopingmittel wie Wachstumshormon, MGF und IGF-1 sind zumindest in der Body-Builder-Szene weit verbreitet. Im Internet findet man ohne Mühe Gebrauchsanleitungen fürs Training und Bezugsquellen. Sind diese Substanzen auch bei Profisportlern beliebt?

Sörgel: Zu Wachstumshormonen gibt es kaum Zahlen, das ist schwer nachzuweisen. Aktuell wurde wieder ein Sportler freigesprochen, weil die Grenzwerte nicht zuverlässig validiert sind. Auf viele dieser Mittel wird bei Kontrollen auch gar nicht getestet, denn der Nachweis ist teuer und schwierig. Die werden allenfalls bei Großveranstaltungen untersucht. Doch nicht einmal der DFB macht einen kompletten Check, was ich bei einem solch steinreichen Verband für unerträglich halte.

Athleten können also gezielt mit Substanzen dopen, auf die bislang gar nicht getestet wird?

Sörgel: Klar. Es gibt eine sehr große Szene der Designerdrogen, und es gibt eine Dopingdesignerszene, die sehr viel experimentiert. Da durchforsten Leute die wissenschaftliche Literatur und schauen, ob jemand etwas Neues entdeckt hat: Einen Mechanismus oder einen Wirkstoff, mit dem sich vielleicht die Leistung steigern lässt.

Sobald in der Literatur eine solche Substanz, ein Hormon oder ein Protein neu beschrieben wird, machen sich Diagnostika-Hersteller an die Arbeit und produzieren das ausschließlich für die Forschung. Die bieten es dann ihrem nächsten Katalog an. Solche Substanzen können sich aber nicht nur Forscher, sondern auch Leute besorgen, die an Doping interessiert sind.

Das von einem Moskauer Professor kürzlich angebotene "Full Size MGF" trug den Hinweis "exclusively for in vitro use". Dennoch bot er es für den sofortigen Gebrauch bei Sportlern an. Natürlich müssen die Dopingberater erst einmal herausfinden, ob solche Mittel bei Sportlern tatsächlich wirken. Das geschieht dann oft in geheimen Testprogrammen in den Saisonpausen. Die Athleten nehmen die Substanzen ein paar Wochen ein und trainieren. Wenn es was nützt, bleiben sie dabei.

Aber oft sind solche Substanzen weder an Mensch noch Tier getestet. Die Risikobereitschaft muss schon sehr hoch sein, wenn Sportler freiwillig Versuchskaninchen spielen.

Sörgel: In einer Untersuchung in USA wurden Topsportler befragt: Würden Sie dopen, wenn Sie damit jetzt die Goldmedaille holen, dafür aber in fünf Jahren tot sind? Da haben etwa die Hälfte Ja gesagt. Der Wunsch nach Ruhm ist hier eben so groß, dass einige Sportler enorme Risiken eingehen. Die tun alles für den Erfolg.

Haben Dopingtests unter diesen Umständen überhaupt noch eine Chance?

Sörgel: Manche glauben, man gibt Blut oder Urin in ein Gerät, und dann sagt das Gerät, diese und jene Substanz ist drin. Die heute in der Dopinganalytik dominierende Massenspektrometrie spürt zwar zunehmend auch unbekannte Substanzen auf, aber in der Regel gilt: Wenn ich die Substanz nicht kenne und kein Massenspektrum in einer Vergleichsbibliothek habe, kann ich auch nicht herausfinden, was es ist.

Ich muss also wissen, wonach ich suche, sonst habe ich ein Problem. Wird mit körpereigenen Hormonen und Peptiden gedopt, ist der Nachweis noch schwieriger. Hier sind immunologische Methoden oder indirekte Hinweise nötig, Veränderungen im Blutbild oder solche bei bestimmten Biomarkern.

Solche indirekten Nachweismethoden sind leider oft nicht besonders spezifisch und werden immer wieder kritisiert, aber ohne sie wird sich in Zukunft modernes Doping mit Substanzen aus der Biotechnologie kaum entdecken lassen.

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hat auf solche Neuentwicklungen reagiert, indem sie die Blut- und Urinproben nun acht statt zehn Jahre einfrieren lässt. Sie halten das für unzureichend.

Sörgel: Peptide, Eiweiße und Hormone, die zum Dopen genommen werden, halten sich oft keine zehn Jahre, zumindest nicht in Kühlschränken bei minus 20 bis 30 Grad, wie sie bisher Verwendung fanden. Hier wären viel tiefere Temperaturen nötig. Das wird die WADA, aber vor allem kleinere Sportverbände, vor unlösbare finanzielle Probleme stellen. Schon die Energiekosten für eine so lange Aufbewahrung sind enorm.

Was wäre also nötig, um Doping wirkungsvoll einzudämmen?

Sörgel: Wollen wir den Antidopingkampf ernsthaft führen, dann müssen wir dopende Sportler kriminalisieren und Detektive einsetzen. Bei den Olympischen Spielen in London hat man Putzfrauen beauftragt, in den Papierkörben der Athleten nach Spritzen oder anderen verdächtigen Gegenständen zu suchen.

Die Sportverbände lehnen das verständlicherweise ab, und auch ich finde solche Methoden nicht toll. Aber man darf nicht vergessen: Der Sport ist zum Teil hoch korrupt, manche Sportler werden durch Dopingbetrug zu Multimillionären, und die Hintermänner arbeiten mit kriminellen Methoden bis hin zu schwerer Erpressungen - auch in Deutschland.

Sportler und ihre Hintermänner müssen deshalb bei Verdacht als potenzielle Schwerstbetrüger behandelt werden. Deswegen gibt es ja die Diskussion um ein Anti-Doping-Gesetz.

[24.02.2014, 11:55:31]
Denis Nößler 
NADA: -80 statt -20°C
Per E-Mail erreichte uns folgende Stellungnahme der Nationalen Anti-Doping-Agentur Deutschland (NADA):

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) schreibt in ihrem Regelwerk vor, dass Serumproben nach dreimonatiger Lagerung bei -20 Grad in die Langzeitlagerung bei -80 Grad überführt werden müssen (siehe: Guidelines hGH, Isoformentest, S. 8, Fußnote, http://www.wada-ama.org/Documents/Resources/Guidelines/Wada-Guidelines-for-hGH-Differential-%20Immunoassays-v2-2014-EN.pdf). Diese Art der Tiefkühlung ist in den WADA-akkreditierten Laboren selbstverständlich vorhanden und wird genutzt. Somit ist gesichert, dass vorhandene Peptide, Eiweiße und Hormone auch bei Langzeitlagerung der Proben erhalten bleiben.  zum Beitrag »

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