Ärzte Zeitung online, 09.10.2019

Studie

Krankenkassen mit strukturellem Milliarden-Defizit?

Das erste Halbjahr 2019 haben die Krankenkassen mit einem Minus abgeschlossen. Eine Bertelsmann-Prognose geht künftig von Milliarden-Defiziten aus. Die Analysten sehen eine politische Maßnahme als zentral an, um die Beiträge stabil zu halten.

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Sparschwein auf Münzstapel: Die Kassenbeiträge könnten stetig steigen, so die Bertelsmann-Stiftung.

© solarseven / Getty Images / iStock

GÜTERSLOH. Nach Jahren mit Milliarden-Überschüssen haben die Krankenkassen das erste Halbjahr 2019 mit einem Defizit von 544 Millionen Euro abgeschlossen. Einer neuen Prognose zufolge ist in Zukunft mit Milliarden-Defiziten zu rechnen.

Im Jahr 2040 werde sich das Minus auf fast 50 Milliarden Euro belaufen, wenn die Politik nicht frühzeitig gegensteuere, heißt es in einer am Mittwoch in Gütersloh veröffentlichten Berechnung im Auftrag der Bertelsmann Stiftung.

Der Beitragssatz müsste demnach von derzeit 14,6 Prozent bis zum Jahr 2040 schrittweise auf 16,9 Prozent erhöht werden, um erwartete Ausgabensteigerungen abzudecken.

Schere wird wohl auseinander gehen

Es zeichne sich ab, dass sich spätestens ab Mitte der 2020er Jahre die Schere zwischen Gesundheitsausgaben und Beitragseinnahmen „wieder in Richtung Defizit“ öffnen werde.

Ein wesentlicher Treiber sei die demografische Entwicklung – mit einem steigenden Anteil älterer Menschen, die eher Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen, wie die Autoren vom Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (Iges) schreiben. Vor allem aber sinke mit dem Eintritt der geburtenstarken Jahrgänge ins Rentenalter deren Beitrag zu den GKV-Einnahmen.

Auf wichtige Einflussfaktoren für die Finanzsituation der GKV –also wie die Entwicklung der Beschäftigung und der Einkommen oder die Preisentwicklung in Gesundheitswesen – habe die Politik keinen direkten Einfluss, sagte Stiftungsexperte Stefan Etgeton.

Es gebe aber wirkungsvolle politische Instrumente, um einem Defizit entgegenzuwirken: So könnten etwa Überkapazitäten im Klinikbereich abgebaut werden, um Kosten zu sparen.

Bundeszuschuss soll steigen

Der Bundeszuschuss für die GKV von aktuell jährlich 14,5 Milliarden Euro solle stufenweise steigen, empfiehlt die Stiftung. Wolle man den allgemeinen Beitragssatz (ohne Zusatzbeitrag) stabil auf rund 15 Prozent halten, müsse der Zuschuss ab 2028 alle zwei Jahre erhöht werden – dieser würde dann 2040 rund 70 Milliarden Euro betragen, kalkuliert die Studie.

Derzeit liegt der Beitragssatz bei 14,6 Prozent. Für 2018 hatte das Bundesgesundheitsministerium für die gesetzlichen Krankenkassen einen Überschuss von zwei Milliarden Euro gemeldet, 2017 waren es drei Milliarden gewesen. Ende 2018 betrugen die Rücklagen der Kassen 21 Milliarden Euro.

Der GKV-Spitzenverband erwartete zuletzt trotz schwächerer Konjunkturaussichten vorerst weiter robuste Einnahmen, warnte im Sommer aber auch vor deutlichen Ausgabenrisiken. (dpa)

Lesen Sie dazu auch:
Ärzte und Kassenpatienten: Hausarztprämie fände breite Zustimmung
Kommentar: Zu kurz gesprungen

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[10.10.2019, 18:23:03]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Studie lachhaft - Krankenkassen haben strukturelle Milliarden-Überschüsse!
1. Das ist keine Bertelsmann- sondern eine IGES-Prognose.

2. Offenkundig beherrscht man die Grundrechenarten nicht mehr.

3. Ein Anstiegs von 14,6 auf 16,9 bis 18,7 Prozent innerhalb von 21 Jahren bis 2040 bedeutet eine Steigerung um 0,12 bis 0,20 Prozent pro Jahr.

4. Wenn das eine desaströse Entwicklung sein soll, dürften im selben Zeitraum die Lohnsummen und die Beitragsbemessungsgrenzen nicht ansteigen.

5. Die Kassen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) hatten Ende 2018 zwei Milliarden Euro und Ende 2017 drei Milliarden Überschuss.

6. Ende 2018 betrugen die Rücklagen der GKV-Kassen insgesamt 21 Milliarden Euro.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM  zum Beitrag »

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