Ärzte Zeitung, 26.03.2013
 

Tipps für Medizinstudenten

Schummelei in Studien entlarven

Täglich werden Hunderte medizinischer Studien publiziert - doch nicht jede liefert verlässliche Ergebnisse. Am Universitätsklinikum Ulm lernen Medizinstudenten, wie sie Schwachstellen in Studien auf die Schliche kommen.

Von Johanna Dielmann-von Berg

Schummelei in Studien entlarven

Studenten hören einem Professor im Hörsaal zu.

© imago/biky

ULM. "Fi-le-tie-ren". Scharf wie ein Messer zerteilt die sonore Stimme von Franz Porzsolt das Verb in seine Silben. Die 52 Studenten im Hörsaal des Uniklinikums Ulm lauschen dem Professor.

Filetieren - das wollen sie lernen. Nicht, wie sie ungenießbare Haut und Gräten von einem Fischfilet trennen. Vielmehr, wie sie Studien auf ihre Konsistenz analysieren und unbrauchbare Teile herauslösen können.

"Ob ein Paper etwas taugt, kann ich Ihnen nach fünf bis zehn Minuten Lektüre sagen", erzählt der klinische Ökonom Porzsolt, der in der Gruppe Versorgungsforschung an der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie des Uniklinikums Ulm mitarbeitet.

Nach etwa drei bis fünf der von ihm angebotenen "Mogelkurse" sollen auch Medizinstudenten die Schwachstellen von Studien in kürzester Zeit herauslesen können.

Jetzt hat sich Porzsolt in Fahrt geredet. Seine Wangen färben sich rötlich. Die Sätze sprudeln aus seinem Mund, während er den Studenten die sechs Schritte der evidenzbasierten Medizin erklärt.

Porzsolt: Die meisten Arbeiten nicht valide

Aufgepasst heißt es vor allem bei Punkt vier: "Kritische Auseinandersetzung mit externer Evidenz". So seien etwa drei Viertel der publizierten medizinischen Arbeiten nicht valide, zitiert der Professor die renommierte Cochrane Collaboration.

Diese internationale gemeinnützige Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, aktuelle medizinische Informationen und Evidenz zu therapeutischen Fragen allgemein verfügbar zu machen.

"Hinterfragen Sie, ob die Ergebnisse überhaupt auf Ihren Patienten anzuwenden sind", fordert Porzsolt seine Studenten auf. Dafür sollen sie die Ein- und Ausschlusskriterien von Studienteilnehmern unter die Lupe nehmen.

"Es bringt ihnen nämlich nichts, wenn die Studie mit 35-Jährigen gemacht wurde, bei Ihnen aber ein multimorbider 87-Jähriger in der Praxis sitzt."

Auch die Praxis- oder Klinikausstattung oder das Können des Arztes sei dafür zu berücksichtigen.

Welche Evidenz hat Vorrang?

Im nächsten Schritt gilt es, interne Evidenz, also eigenes Wissen aus Studium und Praxis, mit externer Evidenz zu vergleichen.

Das klingt leichter als es ist. Denn "leider stimmen eigene Meinung und externe Empfehlungen oft nicht überein. Und dann Frau Kollegin?", fragt Porzsolt eine Mittzwanzigerin in der vierten Reihe.

Die Frage ist ihm wichtig. Ihm, der unter vielen Kollegen als harter Kritiker der evidenzbasierten Medizin verrufen ist. Die Hände hat er wie ein Dirigent vor dem entscheidenden Schlussakkord auf Brusthöhe gehoben.

Voller Erwartung fixiert er die dunkelhaarige Studentin. Die nuschelt, sodass sie in der letzten Reihe kaum zu hören ist: "Dann muss man überlegen, was man macht."

"Diese Frau ist sehr schlau!"

Porzsolt reckt den rechten Zeigefinger in die Höhe. Er läuft nun wieder eifrig vor der Tafel auf und ab. "Die Frau ist sehr schlau!"

Erleichtert sacken die Schultern der Befragten nach unten. "Es ist nämlich ein Fehler der evidenzbasierten Medizin gewesen, erfahrenen Ärzten vorzuschreiben: ‚Du musst machen, was das Paper sagt‘."

Nach Auffassung von Porzsolt, der auch als Onkologe gearbeitet hat, schränkt die evidenzbasierte Medizin Ärzte in ihrer Entscheidungsfreiheit nämlich nicht ein, sondern sie erweitert sie.

"Es liegt am Arzt zu entscheiden, ob ihn die externe oder die interne Evidenz für die Behandlung seines Patienten überzeugt." Soweit die Theorie.

Mit Fragen Studien filetieren

Nun folgt für die angehenden Ärzte die Praxis. Ausgerüstet mit einem Fragenkatalog sollen sie üben, zwei Studien zum PSA-Screening zu filetieren. In kleinen Gruppen machen sich "Haie", "Pandas" und "Pelikane" an die kritische Lektüre.

Es sind einfache Fragen, die die Aussagekraft einer Studie ins Wanken bringen können - das merken die Studenten schnell.

Ist das Design geeignet, um die Untersuchungsfrage zu beantworten? "Ursprünglich schon, aber es wird zu oft verändert. Die machen ständig wieder neue Seitenarme auf", meint Anna, die anderen sechs "Pelikane" nicken.

Waren Ärzte und Patienten stetig verblindet? "Der Leser auch", lacht Benno.

Am meisten Gesprächsbedarf wirft aber einer der letzten Punkte des Fragenkatalogs auf: Werden alle eingeschlossenen Patienten in der Evaluation der Endergebnisse berücksichtigt?

Max stichelt

Die Antworten tönen wild durcheinander. "Patienten, die trotz des Screenings krank geworden sind, werden extra diskutiert, warum?"

"Sie starten mit 16.000 Patienten, nach der Hälfte der Zeit sind nur noch 7000 übrig, aber nur 600 wurden wegen Biopsie oder Prostatakarzinom ausgeschlossen. Wo ist denn der Rest geblieben?", fragt ein Student.

"Die nehmen gleich die raus, die das Ergebnis kaputtmachen. Denn die wollen ja PSA als Indikator promoten", stichelt Max.

Ernüchtert kommen die 52 Studenten nach zwei Stunden Beratung zurück in den Hörsaal. "Die beiden Arbeiten, die Sie analysiert haben", schließt Porzsolt den Mogelkurs, "sind beide Kronzeugen dafür, dass das PSA-Screening in den Leitlinien steht".

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