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Ambulant-stationäre Versorgung

Ampel schaltet beim Abbau der Sektorengrenzen auf Grün

Die Koalitionäre in spe planen mehr Impulse für die sektorenübergreifende Versorgung. Bei Ärzten, Kliniken und Kassen stößt das auf Wohlwollen. Die Kunst liege nun darin, die Ansätze umzusetzen.

Von Thomas Hommel Veröffentlicht:
Im Gespräch: Professor Jonas Schreyögg (li.), AOK-Chef Martin Litsch und Moderatorin Nicola Kuhrt.

Im Gespräch: Professor Jonas Schreyögg (li.), AOK-Chef Martin Litsch und Moderatorin Nicola Kuhrt.

© Stefan Melchior

Berlin. Ein besseres Timing hätten sich die Teilnehmer der „AOK im Dialog“-Veranstaltung kaum vorstellen können. Gut eine Stunde, nachdem die mutmaßlichen Ampel-Koalitionäre ihre Pläne vorgestellt hatten, kam die Runde aus Vertretern von Ärzteschaft, Kassen, Klinikmanagement, Wissenschaft und Landespolitik am Donnerstagnachmittag zusammen. Ihr Thema: „Gesundheitsversorgung der Zukunft: Sektorengrenzen überwinden, Veränderung ermöglichen“.

Der 177-seitige Koalitionsvertrag enthalte dazu einige „gute Ansätze“, lobte der Gesundheitssachverständige und wissenschaftliche Direktor des Hamburg Center for Health Economics, Professor Jonas Schreyögg. „Vieles wie etwa die Weiterentwicklung der Krankenhausvergütung oder die Notfallreform kann man schnell auf den Weg bringen.“ Allerdings sei bei der sektorenübergreifenden Versorgung ein „dickes Brett“ zu bohren.

„Dickes Brett zu bohren“

Gründe, etwas zu verändern, gebe es etliche, so Schreyögg. Eine zersplitterte Versorgung, die zu Brüchen in der Patientenbehandlung führe, hohe Fallzahlen in Praxen wie Krankenhäusern, zu viele Leistungen, die sich ambulant erledigen ließen, aber in Kliniken erbracht würden, die Fehlallokation personeller Ressourcen und eine unzureichende Arbeitsteilung innerhalb und zwischen den Sektoren – die Liste der Defizite sei lang.

Wir müssen flexibel agieren. Regionale Akteure kennen die regionalen Bedürfnisse am besten.

Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands

Ambulantes Operieren, Praxiskliniken, spezialfachärztliche Versorgung – das alles trage schon heute zur Überwindung der Sektoren bei, betonte Schreyögg. Gescheitert seien viele solcher Initiativen aber an fehlenden „einheitlichen Rahmenbedingungen“. Bund und Länder müssten jetzt an mehreren „Stellschrauben“ drehen: „Wir brauchen eine leistungsorientierte Planung und müssen weg von einer Input-Orientierung.“

Versorgung vom Patienten her denken

In der zurückliegenden Legislatur sei strukturell wenig passiert – auch wenn viel Geld ins Gesundheitssystem gepumpt worden sei, stellte der scheidende Vorstandschef des AOK-Bundesverbands, Martin Litsch, fest. „Wir müssen jetzt an Strukturen ran.“ Die Versorgung sei vom Patienten her zu denken – diese Forderung sei so alt wie die nach sektorenübergreifender Versorgung und trotzdem immer noch richtig. Auch die Qualität gehöre stärker in den Fokus. „Wir müssen unnötig hohe Kosten verhindern“.

Versorgung sei „immer regional“, so Litsch. Das Konzept der 3+1-Gremien, in denen Versorgung von den Ärzten, Kliniken, Kassen und Ländern vor Ort geplant werde, folge genau diesem Prinzip. „Der Rahmen muss für alle derselbe sein, die Ausgestaltung aber vor Ort geschehen.“

Dem stimmte der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, Mark Barjenbruch, grundsätzlich zu. Wichtig seien „Spielregeln, die für alle gleichermaßen gelten“. Gepuscht werde der Bedarf an Kooperation vom Mangel an Fachkräften und Ärzten. „Der niedergelassene Arzt wird so in Zukunft nicht mehr da sein.“ Die Arbeit der Zukunft werde eine kooperative sein. Neue Versorgungsstrukturen aufzusetzen, sei richtig. Bestehende Projekte dürften aber nicht einfach austrocknen, so Barjenbruch.

Der Chef der privaten Klinikkette Fresenius-Helios, Dr. Francesco De Meo, sagte, trotz langer Debatten gebe es noch immer zu viele Grenzübergänge in der Versorgung. Helios wolle sich in der ambulanten Medizin engagieren und mobile Teams übers Land schicken, stoße aber auf Widerstände. „Solange wir diese Grenzdiskussionen haben, wird es nicht funktionieren.“

Doppelstrukturen abbauen

Zu oft diskutiere man, was die Strukturen bräuchten und nicht, welche Bedarfe die Menschen hätten, monierte De Meo. „Wir müssen schauen, wer kann die Versorgung leisten, die gebraucht wird – zu welchem Preis und mit welcher Qualitätskontrolle.“

„Wenn wir Sektorengrenzen nicht überschreiten und Doppelstrukturen abbauen, haben wir auch ein Personalproblem“, warnte Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manfred Lucha. „Die Menschen gehen uns bald von der Stange.“ Die Ampel habe „die Richtung für sektorenübergreifende Versorgung in Gesetzen als eigenständige Leistungsbausteine gelegt“. Solche Ideen gehörten nun umgesetzt. In Baden-Württemberg habe man mit dem Haus- und Facharztvertrag einen „Benchmark“ für kooperative Versorgungsprojekte gesetzt.

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