Impfen in der Praxis
Die vergessene Reiseimpfung
Gelbfieber, Hepatitis A, Malaria – und Influenza? Eine der häufigsten impfpräventablen Reiseinfektionen wird im Beratungsgespräch regelmäßig übersehen. Wann und für wen die Impfung besonders wichtig ist.
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Reisemedizinische Beratungsgespräche werden klassischerweise von tropenspezifischen Themen wie Gelbfieber, Hepatitis A oder Malariaprophylaxe dominiert. Dabei gerät eine Infektion häufig in den Hintergrund, die für Reisende deutlich relevanter ist, als es die Beratungspraxis vermuten lässt und darüber hinaus auch bei Reisen innerhalb Europas angesprochen werden sollte: die saisonale Influenza.
Die STIKO empfiehlt die jährliche Influenzaimpfung grundsätzlich für definierte Risikogruppen, insbesondere chronisch Kranke und Personen ab 60 Jahren (1). Laut den Empfehlungen des Ständigen Ausschusses Reisemedizin (StAR) der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit e. V. (DTG) zählt Influenza neben COVID-19 zu den häufigsten impfvermeidbaren Infektionskrankheiten auf Fernreisen – anders als die STIKO spricht sich der StAR daher für eine Impfung aller Reisenden aus (2).
Influenza ist kein rein „heimisches Winterthema": Während die saisonale Aktivität in den gemäßigten Zonen der Nordhalbkugel vor allem von Oktober bis April und auf der Südhalbkugel von April bis Oktober auftritt, ist die Saisonalität in den Tropen deutlich variabler und schwerer vorherzusagen (3). Für Reisende bedeutet das: Auch wer in Deutschland außerhalb der Grippesaison aufbricht, kann am Zielort direkt in eine aktuelle Influenzazirkulation geraten. Besonders relevant ist dabei, dass die üblichen Impfpläne der Nord- bzw. Südhalbkugel jeweils Lücken in den Frühjahrs- und Sommermonaten lassen – genau dann, wenn viele Reisende in die jeweils andere Hemisphäre aufbrechen und dort einer aktiven Grippezirkulation ausgesetzt sein können (3).
Hinzu kommen bestimmte Reiseformen und -szenarien, die ein eigenständiges Übertragungsrisiko mit sich bringen: Der StAR weist ausdrücklich darauf hin, dass bei Gruppenreisen – insbesondere Kreuzfahrten und längeren Busreisen –, aber auch bei Großveranstaltungen und Pilgerreisen eine ganzjährige Impfindikation bestehen kann, weil Mitreisende aus Regionen mit aktiver Grippezirkulation stammen können (2).
Die Beratung bezüglich Grippeschutzimpfung sollte also nicht bei der Frage stehen bleiben, wer nach STIKO ohnehin geimpft werden sollte, sondern auch thematisieren, bei welchen Reiseprofilen die Impfung noch sinnvoll ist – und ob sie vor Abreise mit dem in Deutschland verfügbaren Impfstoff oder, etwa bei längeren Aufenthalten auf der Südhalbkugel, besser im Zielland mit dem dort angepassten Impfstoff erfolgen sollte. Zu beachten ist, dass die reisemedizinische Empfehlung des StAR nicht in jedem Fall einen gesetzlichen Erstattungsanspruch begründet. Für privat veranlasste Reiseimpfungen hängen Kostenübernahme und Erstattung von der jeweiligen Krankenkasse ab.
STIKO-Risikogruppen: Impflücken vor der Reise schließen
Die Reiseberatung ist ein wichtiger Kontaktpunkt, um die ohnehin von der STIKO empfohlene Influenzaimpfung umzusetzen. Die aktuellen Indikationen umfassen Personen ab 60 Jahren, Schwangere ab dem zweiten Trimenon (bei chronischer Grunderkrankung bereits im ersten Trimenon), Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit chronischen Grundleiden (z.B. kardiovaskulär, pulmonal inkl. Asthma, metabolisch, hepatisch, renal, neurologisch, immunsuppressiv), Bewohnerinnen und Bewohner von Alten- und Pflegeheimen sowie Personen mit erhöhter beruflicher Exposition (1).
75 % Durchimpfungsrate in den Risikogruppen – das ist das gemeinsame Ziel von WHO und EU (4). In Deutschland wird es bis heute nicht einmal ansatzweise erreicht. Laut RKI VacMap liegt die Durchimpfungsrate bei Personen mit chronischen Grunderkrankungen bei lediglich 28 %, bei Personen ab 60 Jahren bei 34 % (5). In der reisemedizinischen Praxis ist daher jede bevorstehende Reise ein guter Anlass, die saisonale Influenzaimpfung anzusprechen und Impflücken zu schließen.
Lesen Sie hier mehr dazu, wie Haus- und Fachärzte gemeinsam Impflücken schließen.
Vor dem Hintergrund der weltweit zirkulierenden hochpathogenen H5Nx-Influenzaviren hat die STIKO im Juli 2025 die Indikation erweitert: Auch Personen mit häufigem, regelmäßigem direktem Kontakt zu Schweinen, Geflügel, Wild- und Wassergeflügel oder Robben – beruflich oder privat – sollen jährlich geimpft werden, um genetisches Reassortment im Falle einer Ko-Infektion zu minimieren (6). Reisende, die landwirtschaftlichen Betriebe besuchen, an Vogelbeobachtungen teilnehmen oder Wildtierprojekte aufsuchen, fallen damit ebenfalls in die Indikation.
Reisesituationen mit erhöhtem Übertragungsrisiko
Doch auch jenseits der durch die STIKO benannten Risikogruppen gibt es Konstellationen, in denen das Influenzarisiko auf Reisen deutlich erhöht ist – nicht durch eine Grunderkrankung, sondern durch das Reisesetting selbst: die Destination, das Verkehrsmittel, die Reiseform oder die Zusammensetzung der Reisegruppe.
- Hemisphärenwechsel: Wer im europäischen Sommer in die südliche Hemisphäre reist, betritt eine laufende Grippesaison. Der nordhemisphärische Impfstoff bietet dabei einen gewissen Grundschutz, der jedoch aus zwei Gründen eingeschränkt sein kann: Zum einen nimmt die Immunität in den Monaten nach der Impfung ab, zum anderen stimmt die Antigenzusammensetzung nicht zwingend mit den auf der Südhalbkugel zirkulierenden Stämmen überein. Eine Impfung vor Abreise ist daher sinnvoll und besser als kein Schutz – der StAR weist jedoch darauf hin, dass insbesondere Langzeitreisende zusätzlich auf die Möglichkeit hingewiesen werden sollten, sich im Zielland mit dem dort angepassten Impfstoff impfen zu lassen (2).
- Tropenreisen: In tropischen Regionen fehlt ein klar abgrenzbarer saisonaler Gipfel – Influenza kann ganzjährig zirkulieren, mit regional sehr unterschiedlichen Mustern (3). Wer in die Tropen reist, kann daher zu jedem Zeitpunkt auf aktive Viruszirkulation treffen. Der StAR empfiehlt die Influenzaimpfung für alle Reisenden unabhängig von der Jahreszeit (2). Aktuelle Lageinformationen zum Zielland sind über das FluNet-Tool der WHO abrufbar (7).
- Kreuzfahrten: Influenzaausbrüche auf Kreuzfahrtschiffen sind gut dokumentiert und betreffen typischerweise zwei bis sieben Prozent der Passagiere – bei der Besatzung wurden teilweise noch höhere Raten beobachtet (8). Der StAR benennt Kreuzfahrten explizit als Szenario, in dem eine ganzjährige Impfindikation bestehen kann, da Mitreisende aus Regionen mit aktiver Grippezirkulation stammen können (2). Begünstigend wirken die hohe Personendichte, gemeinsam genutzte Aufenthalts- und Lüftungsbereiche sowie der Umstand, dass Besatzungsmitglieder als asymptomatische Reservoire zwischen Reisen fungieren können (3).
- Pilgerreisen und Massenveranstaltungen: Der StAR weist ausdrücklich darauf hin, dass bei Pilgerreisen (z.B. Hadsch und Umrah) eine Influenzaimpfung ganzjährig sinnvoll ist (2). Bei diesen Ereignissen treffen Menschen aus Regionen mit höchst unterschiedlicher, teils aktiver Grippezirkulation auf engstem Raum zusammen. Vergleichbares gilt für andere Großveranstaltungen mit internationaler Beteiligung.
- Verkehrsmittel als Übertragungssetting: Flugzeuge, Busse und Züge sind dokumentierte Übertragungsorte – laut einer systematischen Übersichtsarbeit wurden auf mehreren Langstreckenflügen bis zu vier laborbestätigte Sekundärfälle pro Flug identifiziert, auf Busreisen wurde Übertragung ebenfalls laborbestätigt, und auf einer Zugfahrt in China wurde Transmission auf eine große Zahl von Mitreisenden als hochwahrscheinlich eingestuft – mit einem Zusammenhang zwischen Sitznähe zum Indexfall und Übertragungsrisiko (8). Der StAR hält darüber hinaus fest, dass grippale Symptome vor dem Betreten dieser Verkehrsmittel abgefragt werden können – mit dem Risiko, bei fieberhafter Symptomatik abgesondert oder gar vom Transport ausgeschlossen zu werden (2).
- VFR- & beruflich Reisende: Eine besondere Gruppe sind sogenannte VFR-Reisende (visiting friends and relatives), die ihre Herkunftsländer besuchen. Sie gelten in der Reisemedizin als eigenständige Risikogruppe für impfpräventable Infektionskrankheiten, da sie sich häufig über längere Zeiträume in privaten Haushalten mit hoher Kontaktdichte aufhalten, lokale öffentliche Räume intensiver nutzen als Touristen und ihr Infektionsrisiko in vertrauter Umgebung oft unterschätzen (9). Auch beruflich Reisende, Servicetechniker/-innen und Hilfsorganisationsmitarbeitende profitieren von einer konsequenten Impfempfehlung.
Vulnerable Reisende und limitierte Versorgung im Zielland
Wer zu Hause bei einer Influenza auf eine gut ausgestattete Notaufnahme, vertraute Ansprechpartner und leitliniengerechte Behandlung zählen kann, findet diese Strukturen in vielen Reiseregionen nicht vor. Wenn Patientinnen und Patienten beispielsweise mit kardiovaskulären, pulmonalen, metabolischen, renalen, hepatischen oder neurologischen Grunderkrankungen in Regionen reisen, in denen Intensivkapazitäten, vertrauter Sprachzugang oder gewohnte medizinische Standards eingeschränkt sind, multipliziert sich ihr Risiko im Falle eines schweren Influenza-Verlaufs erheblich. Die Erkrankung kann dann nicht so behandelt werden, wie es zu Hause möglich wäre.
Der StAR hält fest, dass jedes Fieber während oder nach einer Tropenreise sofortige Abklärung erfordert – leider mit dem Risiko, sich im lokalen Gesundheitssystem mit multiresistenten Erregern zu kolonisieren oder eine nosokomiale Infektion zu erwerben (2).
Praktische Umsetzung im Beratungsgespräch
Zeitlich gilt die Faustregel, mindestens ein bis zwei Wochen vor Reiseantritt zu impfen, um einen ausreichenden Antikörperaufbau zu gewährleisten (2). Bei erhöhtem individuellem Influenzarisiko – etwa durch Alter und Expositionsrisiko – kann laut StAR eine erneute Impfung vor Reiseantritt erwogen werden, wenn die vorherige Impfung länger als sechs Monate zurückliegt (2).
Bei Reisen auf die Südhalbkugel während der dortigen Saison stellt sich die Frage des Impfstoffs: In Deutschland ist kein auf die Südhalbkugel angepasster Impfstoff zugelassen, und die Antigenzusammensetzung der beiden Hemisphären kann sich unterscheiden. In der Praxis wird daher der verfügbare nordhemisphärische Impfstoff verabreicht, der einen gewissen Grundschutz bietet; bei Langzeitreisenden oder vulnerablen Personen sollte jedoch explizit auf die Möglichkeit einer Impfung im Zielland hingewiesen werden (2).
Bei der Co-Administration mit anderen Reiseimpfungen gilt: Totimpfstoffe erfordern untereinander in der Regel keine Mindestabstände. Wird jedoch gleichzeitig ein parenteraler Lebendimpfstoff wie die Gelbfieberimpfung verabreicht, sind die Hinweise zur Co-Administration in den Fachinformationen zu beachten (2).
Auch ein Hinweis zum Schutz von Mitreisenden kann angebracht sein. Wer mit immunsupprimierten, sehr alten oder sehr jungen Familienmitgliedern reist oder nach der Rückkehr engen Kontakt zu solchen Personen hat, kann mit der eigenen Impfung auch das Umfeld schützen.
Von der Randnotiz zur Routineempfehlung
Die Influenzaimpfung ist die wichtigste Einzelmaßnahme zur Prävention der häufigsten impfpräventablen Reiseinfektion (3) – und wird im Beratungsgespräch doch oft übersehen. Dabei ist der Kreis der Reisenden, für die eine Influenzaimpfung sinnvoll ist, breiter als oft angenommen und umfasst Reisende in verschiedensten Risikokonstellationen: Kreuzfahrten, Hemisphärenwechsel, Massenveranstaltungen, Familienbesuche und berufliche Reisen. Dazu ist die reisemedizinsche Beratung ein konkreter Anlass, bestehende Impflücken bei chronisch kranken und vulnerablen Patientinnen und Patienten zu schließen, für die eine Influenza fernab vertrauter Versorgungsstrukturen besonders schwerwiegende Folgen haben kann.
Literatur
1. Ständige Impfkommission (STIKO). Empfehlungen der Ständigen Impfkommission beim Robert Koch-Institut 2026. Epidemiologisches Bulletin 2026; 4:1–79. https://doi.org/10.25646/13636.3, abgerufen am 28.05.2026.
2. Rothe C et al. für den Ständigen Ausschuss Reisemedizin (StAR) der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit e.V. (DTG). Reiseimpfungen – Hinweise und Empfehlungen. Flug und Reisemedizin 2026; 33:52–81. https://doi.org/10.1055/a-2777-0949, abgerufen am 28.05.2026.
3. Kakoullis L, Steffen R, Osterhaus A et al. Influenza: Seasonality and Travel-Related Considerations. Journal of Travel Medicine 2023; 30(5). https://doi.org/10.1093/jtm/taad102, abgerufen am 28.05.2026.
4. Robert Koch-Institut. Gesundheitsberichterstattung des Bundes – Influenzaimpfung. https://www.gbe.rki.de/DE/Themen/GesundheitsfoerderungPraeventionUndVersorgung/GesundheitsfoerderungundPraevention/VorsorgeUndFrueherkennung/Influenzaimpfung/influenzaimpfung_node.html, abgerufen am 28.05.2026.
5. Robert Koch-Institut (2025). VacMap – Dashboard zum Impfgeschehen in Deutschland. https://www.rki.de/vacmap, abgerufen am 28.05.2026.
6. Robert Koch-Institut. Beschluss der STIKO zur Erweiterung der Indikations- und beruflichen Indikationsempfehlung für die saisonale Influenza-Impfung. Epidemiologisches Bulletin 2025; 29:4–10. https://doi.org/10.25646/13290, abgerufen am 28.05.2026.
7. World Health Organization (WHO). FluNet – Global Influenza Surveillance. https://www.who.int/tools/flunet, abgerufen am 28.05.2026.
8. Browne A, St-Onge Ahmad S, Beck CR, Nguyen-Van-Tam JS. The roles of transportation and transportation hubs in the propagation of influenza and coronaviruses: a systematic review. Journal of Travel Medicine 2016; 23(1). https://doi.org/10.1093/jtm/tav002, abgerufen am 28.05.2026.
9. Kling K, Wichmann O, Burchard G. Reiseimpfungen für besondere Personengruppen. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 2020; 63:85–92. https://doi.org/10.1007/s00103-019-03067-w, abgerufen am 28.05.2026.
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