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Telemedizin

Eine Plattform für Nierentransplantierte

Nach einer Transplantation sind Patienten wegen ihres geschwächten Immunsystems besonders gefährdet. Gerade ihnen kommen digitale Betreuungsangebote in hohem Maße zugute – nicht nur in Zeiten einer Pandemie. Das Telemedizin- Projekt MACCS vereinfacht einen sicheren Informationsaustausch.

Von Taina Ebert-Rall Veröffentlicht: 16.04.2020, 17:26 Uhr
Eine Plattform für Nierentransplantierte

Das Telemedizinprojekt MACCS für Nierentransplantierte beinhaltet auch eine Patienten-App. (Motiv mit Fotomodellen)

© WavebreakMediaMicro / stock.adobe.com

Berlin. Hohe Disziplin bei der Einnahme von Medikamenten, regelmäßige Arztbesuche und vierteljährliche Kontrollen im Transplantationszentrum: Das Aufgabenheft von Patienten nach einer Nierentransplantation ist gut gefüllt. Technik kann dabei helfen, diese Menschen beim Einhalten der Therapievorgaben zu unterstützen. Nun profitieren Versicherte der AOK Nordost und der Techniker Krankenkasse seit Anfang des Jahres 2020 von einer telemedizinischen Versorgung für nierentransplantierte Patienten.

Dafür kooperieren die AOK Nordost und die Techniker Krankenkasse in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern im Rahmen des MACCS-Projekts mit dem Nierentransplantationszentrum der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Sie verfolgen das Ziel, Komplikationen vorzubeugen, Krankenhausaufenthalte zu verringern, Organabstoßungen und eine erneute Dialyse zu vermeiden. Das Konzept setzt vor allem auf die bessere Einbeziehung der Patientinnen und Patienten in ihre Therapie. MACCS steht für Medical Assistant for Chronic Care Services.

Verknüpfung mit Niedergelassenen

Die Basis für die telemedizinische Betreuung bildet eine digitale Plattform. Diese ist verknüpft mit dem Patienteninformationssystem der Charité, dem Praxisverwaltungssystem niedergelassener Fachärztinnen und Fachärzte und mit einer Patienten-App. Über die Plattform werden notwendige Informationen zwischen dem Nierentransplantationszentrum, den Arztpraxen sowie den Patienten auf direktem Weg sicher elektronisch ausgetauscht. Ein Medikationsmanagement ist ebenfalls Bestandteil der telemedizinischen Mitbetreuung.

„Wegen der derzeitigen Kontakteinschränkungen können wir unsere ursprünglichen Schulungspläne niedergelassener Kollegen zwar nicht wie geplant umsetzen“, bedauert Professor Klemens Budde, der das Modellprojekt und damit den Vorgänger von MACCS 2016 aufgebaut hatte. Der Nephrologe leitet den Campus Charité Mitte und konnte für MACCS bereits mehr als 30 Patienten gewinnen. „Wir haben inzwischen schon etliche Anfragen von niedergelassenen Ärzten, die sehr interessiert sind und die wir eigentlich Anfang April mit der Technik vertraut machen wollten. Jetzt mussten wir die geplanten Besuche in den Praxen wegen Covid-19 absagen und versuchen deshalb, die Kolleginnen und Kollegen online zu schulen. Denn MACCS ist ideal in Zeiten wie diesen, weil die Patienten zu Hause medizinisch überwacht werden können.“

Erleichterung für Patienten

Bei Patienten ist die Schulung derzeit einfacher umzusetzen. Sie werden direkt bei der Entlassung aus der Klinik mit der Technik vertraut gemacht und über Datenschutz und weitere rechtliche Fragen aufgeklärt. Budde: „Die Patienten nehmen das sehr gut an.“ Die Vorteile für sie liegen nach seiner Einschätzung auf der Hand: „Sie werden hier bei uns geschult, wir unterstützen sie dabei, die App auf ihr Smartphone oder ein anderes Gerät herunterzuladen und schon kann es losgehen. Sie werden an die Medikamenteneinnahme erinnert, können ihre Vitalwerte eingeben und erhalten den neuesten Medikationsplan direkt auf ihr Smartphone. Im Falle einer Videosprechstunde können lange Anfahrtswege zur Charité vermieden werden.“

Einer seiner ersten Patienten, der 65-jährige Bruno Walther (Name von der Redaktion geändert) empfiehlt die Anwendung nach „30 Jahren Erfahrung als nierentransplantierter Patient“ als „äußerst unkompliziert“. „Für mich macht das vieles leichter“, sagt Walther. „Die Einweisung einschließlich der Installation hat gerade einmal eine halbe Stunde gedauert. Und auch wegen des Datenschutzes mache ich mir bei dieser App keine Sorgen.“

Über die digitale Plattform behält das Telemedizinteam des Nierentransplantationszentrums den Überblick über die medizinischen Daten der Patientinnen und Patienten. Bei Auffälligkeiten wie erhöhter Temperatur, Gewichtszunahme, auffälligem Blutdruck oder einer Verschlechterung des Allgemeinzustandes nimmt das medizinische Personal frühzeitig Kontakt zu den Patientinnen und Patienten auf. So kann die Medikation zeitnah angepasst werden. Gegebenenfalls wird gemeinsam mit den Patienten entschieden, dass diese ihren behandelnden Nephrologen oder direkt die Notaufnahme aufsuchen sollten.

Umfassendes Arzneimanagement

Für das Medikationsmanagement erfasst die Plattform automatisch alle neuen Medikamente, die vom Telemedizinteam auf Wechsel- oder Nebenwirkungen geprüft werden. In der App können die Patienten neben ihren Vitaldaten auch Medikamente eingeben, die sie selbst in der Apotheke kaufen. Diese Informationen werden dann an die telemedizinische Plattform übermittelt. Somit erfasst das Medikationsmanagement alle Medikamente. Außerdem erinnert die App täglich an die Medikamenteneinnahme.

Patient Walther weiß die Funktionen zu schätzen: „Ich nehme jeden Tag 15 unterschiedliche Medikamente. Wenn ich also erkältet bin und zum Arzt gehe, muss ich jedes Mal neu erklären, warum ich welches Medikament nehme. Das fällt mit der App weg.“ Zwar, so Walther weiter, wird im Moment hauptsächlich noch die Therapietreue überprüft, aber das hilft auch schon enorm. „Früher musste ich daran denken, den Wecker für die Einnahme mancher Medikamente zu stellen. Jetzt hupt die App und sagt mir, welches Medikament ich gerade zu diesem Zeitpunkt einnehmen muss.“

Ausweitung geplant

In einem weiteren Schritt soll der Informationsaustausch über MACCS noch bequemer werden; geplant sind Chat- und Videofunktionen, die in wenigen Wochen ermöglicht werden. „So sind wir noch näher an den Patienten. Gleichzeitig muss das Pflegepersonal nicht ständig Anrufe beantworten – sofern die Fragen nicht zeitkritisch sind“, so Budde.

Darüber hinaus soll das telemedizinische Betreuungsprogramm schrittweise auf weitere Patientengruppen ausgeweitet werden. „Wir denken da zunächst an Patienten, die auf der Warteliste für eine Nierentransplantation stehen und weitere Gruppen von Transplantierten.“

Weitere Informationen zum Teleme dizinprojekt für nierentransplantierte Patienten finden Sie unter: www.MACCS-Telemedizin.de

Gefördertes Projekt

  • Das Projekt für Nierentransplantierte ist Teil der AOK- Initiative „Stadt.Land.Gesund“ zur besseren medizinischen Versorgung auf dem Land und in den Städten: www.stadtlandgesund.de, www.aok.de/nordost/stadtlandgesund
  • Die Entwicklung der digitalen MACCS-Telemedizin-Plattform wurde vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert und von der Stiftung Charité mit dem Max Rubner-Preis ausgezeichnet.
  • Von 2016 bis 2019 wurde MACCS im Rahmen des Förderprogramms Smart Service World 1 gefördert. Konsortialpartner waren das DFKI (Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz), die Beuth Hochschule, SAP SE, die smartpatient GmbH, die Dosing GmbH und die MedVision AG. Die Krankenkassen AOK Nordost und TK, Medizingerätehersteller, pharmazeutische Unternehmen, das KfH Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation und die Patientenselbsthilfeorganisation Bundesverband Niere e.V. waren assoziierte Partner.
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