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Psychologin Gabriele Wilz im Gespräch

„Für pflegende Angehörige ist es wichtig, auch für sich zu sorgen“

Wer pflegebedürftige Partner, Eltern, Großeltern zu Hause versorgt, gerät immer wieder an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit. Unterstützung bietet jetzt das Portal „Familiencoach Pflege“ der AOK. Die Psychologin Professor Gabriele Wilz von der Uni Jena erklärt, wie die Website, aber auch Hausärzte helfen können.

Von Susanne Werner Veröffentlicht: 25.06.2020, 13:59 Uhr
„Für pflegende Angehörige ist es wichtig, auch für sich zu sorgen“

Gereiztheit und Erschöpfung: Gerade die Betreuung dementer Angehöriger kostet Kraft. (Motiv mit Fotomodellen)

© AOK-Mediendienst

Was sind nach den Erkenntnissen der Wissenschaft die größten Belastungen für Menschen, die zu Hause ihre Angehörigen pflegen?

Professor Gabriele Wilz: Pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten. Entscheidend ist, wer gepflegt wird und wer die Pflege übernimmt. Unter den Pflegebedürftigen sind es insbesondere Menschen mit Demenz, die viel Fürsorge und Geduld ihrer Nächsten benötigen. Unter den pflegenden Angehörigen sind vor allem jene am meisten belastet, die wenig Unterstützung erhalten oder neben der Verantwortung für die pflegebedürftigen Eltern, auch die eigene Familie und den Beruf stemmen müssen.

Es ist dann einfach zu viel?

Ja, es gibt zu viele Anforderungen von unterschiedlichen Seiten. Viele fühlen sich auch allein und unfrei, erleben, dass die eigenen Wünsche und Bedürfnisse keinen Platz mehr in ihrem Alltag haben. Zudem sind nicht alle pflegenden Angehörigen selbst völlig fit. Gerade bei älteren Paaren leiden manchmal beide unter gesundheitlichen Beeinträchtigungen.

Gibt es besondere Herausforderungen für Angehörige, die Menschen mit Demenz pflegen?
„Für pflegende Angehörige ist es wichtig, auch für sich zu sorgen“

Die Psychologin Professor Gabriele Wilz von der Universität Jena

© privat

Demenz ist eine fortschreitende Erkrankung. Das Trauern um den Nächsten beginnt schon zu Lebzeiten des Betroffenen. Es ist schwer auszuhalten, wenn einen das einst vertraute Gegenüber nicht mehr erkennt oder beispielsweise Gespräche nicht mehr wie sonst gewohnt geführt werden können.

Die Familienangehörigen sind fortlaufend gefordert, sie müssen ständig präsent sein und oft auch mit schwierigen Verhaltensweisen umgehen lernen. Zudem: Wer Menschen mit Demenz pflegt, zieht sich manchmal auch zurück – aus Angst und Scham, dass sich der Erkrankte im Freundeskreis, in der Öffentlichkeit unangemessen verhalten könnte.

Was raten Sie pflegenden Angehörigen, die sich vor Überlastung schützen wollen?

Zentral ist, dass sie sich Hilfe organisieren. Mehrfachbelastungen sind oft gar nicht zu schaffen. Es gibt professionelle Unterstützung beispielsweise durch Pflegedienste oder auch Tagespflege. Möglich ist auch, sich innerhalb der Familie anders zu organisieren oder in informellen Netzen um Unterstützung zu bitten. Für pflegende Angehörige ist es sehr wichtig, auch für sich selbst zu sorgen und Pausen zur Entlastung in ihren Alltag einzubauen.

Auf welche Anzeichen oder Signale der Überlastung sollten Pflegende achten?

Schlafstörungen können ein typisches Zeichen sein, dass eine Belastungsgrenze erreicht ist. Auch ständiges Grübeln – etwa darüber, wie viele Jahre die belastende Situation noch auszuhalten ist – sollte alarmieren. Oder auch Gereiztheit und Erschöpfung.

Eine Online-Plattform, die ich anonym nutzen kann, macht es leichter, sich zeitlich flexibel mit diesen Problemen auseinanderzusetzen – aber braucht es zur Bewältigung nicht mehr als Infos aus dem Netz?

Der „Familiencoach Pflege“ ist ein Selbsthilfeprogramm. Die Ratsuchenden können sich informieren und werden umfassend aufgeklärt. Der Umgang mit psychischen Belastungen und die Selbstfürsorge sind dabei zentrale Themen.

Das Trainingsprogramm signalisiert aber auch, wann eine externe Beratung oder psychotherapeutische Gespräche hilfreich sind, und gibt Hinweise, wie dies zu organisieren ist.

Welche Rolle können Hausärzte aus Ihrer Sicht spielen, um betroffene Angehörige zu unterstützen?

Hausärzte sind zentrale Gesprächspartner für pflegende Angehörige. Wenn sie empfehlen, dass eine externe Hilfe in Anspruch genommen werden sollte, dann hat das Gewicht. Hausärzte sollten zu den Krankheitsbildern aufklären, die Angehörigen beraten und ihnen Wege weisen, wo sie entsprechende Unterstützung finden können.

Prof. Gabriele Wilz

  • Leiterin der Abteilung für Klinisch-psychologische Intervention an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
  • Gemeinsam mit anderen Experten hat sie den „Familiencoach Pflege“ erstellt.
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