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Arzneimittel-Kompass 2025

GKV-Ausgaben: Arzneimittelpreise auf dem Prüfstand

Die Arzneimittelausgaben der GKV wachsen seit Jahren deutlich schneller als die Ausgaben in anderen Leistungsbereichen. Aktuelle Analysen zeigen, dass diese Entwicklung vor allem strukturelle Ursachen hat. Nicht die Menge der verordneten Arzneimittel bestimmt die Ausgabendynamik.

Von Frank Brunner Veröffentlicht:
Blister mit Tabletten

Die steigenden Arzneikosten in der GKV liegen laut WIdO-Datenanalyse nicht am Verordnungsverhalten der Ärzte.

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Die Nettokosten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für die Arzneimittelversorgung haben 2024 mit 59,3 Milliarden Euro erneut ein Rekordniveau erreicht. Gegenüber dem Vorjahr entspricht dies einem Anstieg von rund zehn Prozent. Arzneimittel sind damit inzwischen der zweitgrößte Ausgabenposten der GKV.

Nach Einschätzung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) ist kein kurzfristiges Ende dieser Entwicklung absehbar. „Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht“, sagt Helmut Schröder, Geschäftsführer des WIdO und Mitherausgeber des Arzneimittel-Kompasses 2025.

Datenbasis: Abrechnungsdaten aller GKV-Versicherten

In der Ende 2025 erschienenen Publikation mit dem Schwerpunktthema „Die Preisfrage: Wege zu fairen Lösungen“ werden die Entwicklungen auf Basis der Arzneimittelabrechnungsdaten aller GKV-Versicherten analysiert. Damit können Marktstrukturen, Preisentwicklungen und regulatorische Instrumente systematisch beschrieben werden und die Publikation ordnet sie gesundheitsökonomisch ein.

Die Auswertungen zeigen, dass der Kostenanstieg seit Jahren nicht mengen-, sondern preis- und strukturgetrieben ist. Besonders ins Gewicht fallen patentgeschützte Arzneimittel. Obwohl sie 2024 nur gut sieben Prozent der verordneten Tagesdosen ausmachten, entfielen auf sie rund 54 Prozent der gesamten Kosten.

Ausgaben seit 2011 um über 125 Prozent gestiegen

Seit Einführung des Arzneimittelmarktneuordnungsgesetzes (AMNOG) im Jahr 2011 sind die GKV-Arzneimittelausgaben insgesamt um mehr als 125 Prozent gestiegen.

Ein zentrales Problem sieht das WIdO in der nachlassenden Steuerungswirkung des AMNOG. „Die Marktanalysen zeigen, dass die frühe Nutzenbewertung und die nachgelagerte Preisverhandlung zunehmend durch Umgehungsstrategien ausgehöhlt werden“, erläutert WIdO-Chef Schröder. In der Folge komme es wieder häufiger zu einer Entkopplung von Preis und therapeutischem Nutzen. Selbst Arzneimittel ohne belegten Zusatznutzen könnten hohe Erstattungsbeträge erzielen.

Wissenschaftler kritisieren „Preisblindheit“

Dass Preisverhandlungen stattfinden, ersetzte dabei keine systematische Berücksichtigung von Opportunitätskosten, Budgetwirkungen oder Evidenzrobustheit – genau diese „Preisblindheit“ kritisieren eine Vielzahl der wissenschaftlichen Autorinnen und Autoren im Arzneimittel-Kompass.

Besonders deutlich zeige sich das bei hochpreisigen Präparaten. Der durchschnittliche Packungspreis im Patentmarkt stieg laut der Analyse zwischen 2015 und 2024 von rund 4.100 auf etwa 7.700 Euro. Gleichzeitig seien 2024 knapp 49 Prozent des gesamten Bruttoumsatzes auf Packungen mit einem Preis von mehr als 1.000 Euro entfallen.

Auch wenn einzelne Preise im Zeitverlauf sinken, verschiebe sich das Ausgangsniveau neuer Markteintritte kontinuierlich nach oben – ein Effekt, der das System dauerhaft belaste, heißt es.

Orphan Drugs im Fokus

Hinzu komme die wachsende Bedeutung von Orphan-Arzneimitteln. 2024 wurden 42 neue Medikamente eingeführt, darunter 24 Orphan-Präparate. Obwohl Orphan-Arzneimittel in 2025 mengenmäßig kaum ins Gewicht fallen – ihr Anteil an den verordneten Tagesdosen liegt bei unter 0,1 Prozent –, verursachten sie der Analyse zufolge rund 14 Prozent der gesamten Arzneimittelausgaben.

Der Arzneimittel-Kompass zeigt, dass der Orphan-Status kein verlässlicher Indikator für dauerhaft kleine Märkte ist: Indikationserweiterungen und kumulative Patientenzahlen führten häufig erst Jahre später zu einer regulären Bewertung – oft mit deutlich geringerem Zusatznutzen als ursprünglich unterstellt.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage der Fairness in der Preisbildung an Bedeutung. Die häufig vorgebrachte Begründung hoher Preise mit angeblich unverzichtbaren Forschungsausgaben greift aus Sicht der Gesundheitsökonomin Privatdozentin Dr. Claudia Wild zu kurz. „Die Behauptung, diese Preise seien zwingend notwendig, ist schlicht falsch“, betont Wild.

Dr. Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, sagt: „Wir sind in Deutschland in der glücklichen Lage, einen schnellen Zugang zu neuen Therapien zu haben. Damit das auch künftig möglich bleibt, brauchen wir wirksame und faire Instrumente der Preisregulierung.“ Dazu gehört aus Sicht der AOK, Preise stärker entlang des Produktlebenszyklus‘ auszurichten und bei neuer Evidenz konsequent nachzusteuern.

Bezahlbar, evidenzbasiert, verlässlich

  • In ihrem Papier „Positionen zur Arzneimittelversorgung – Eckpunkte für mehr Wirtschaftlichkeit, Qualität und Sicherheit“ fordert die AOK eine Neujustierung der Arzneimittelpolitik. Nur so würden Innovationen dauerhaft finanzierbar bleiben.
  • Zentrale Voraussetzung sei eine angemessene Preisbildung ab Markteintritt: Statt frei gesetzter Einstiegspreise soll ein Interimspreis gelten, der sich an der zweckmäßigen Vergleichstherapie orientiert und später mit dem ausgehandelten Erstattungsbetrag verrechnet wird.
  • Geheimpreise und intransparente Vergütungsmodelle lehnt die AOK ab.

Das gesamte Positionspapier finden Sie unter: https://www.aok.de/pp/bv/positionen/

Den „Arzneimittel-Kompass 2025“ können Sie kostenfrei Downloaden unter www.wido.de/publikationen-produkte/buchreihen

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