Drei Fragen an Professor Busse

„Nur graduelle Verbesserungen“

Nachgefragt bei Professor Reinhard Busse, Schirmherr unserer Initiative „Gesundheitsvorsorge der Zukunft“.

Von Denis Nößler Veröffentlicht: 02.12.2019, 07:00 Uhr

Wir leben in einer immer komfortableren Welt. Doch Rückenleiden sind die häufigste Krankheit. Wie erklärt sich dieser Widerspruch?

Professor Reinhard Busse: Es ist kein Widerspruch: Zunächst hat die Krankheitslast – gemessen als verlorene Lebensjahre durch vorzeitigen Tod sowie durch krankheitsbedingte Einschränkungen – durch Infektionskrankheiten abgenommen, was zu einer (relativen) Zunahme der nicht-infektiösen Krankheiten geführt hat.

In den letzten Jahrzehnten beobachten wir einen Rückgang der Herz-Kreislauf-Krankheitslast, ein Plateau bei Krebsleiden und einen Anstieg bei den muskuloskelettalen Erkrankungen, insbesondere Rückenschmerzen.

Global gesehen sind diese Erkrankungen laut der „Global Burden of Disease“-Studie aus dem Jahr 2017 mit 7,6 Prozent für den größten Anteil der gesundheitlichen Beeinträchtigungen verantwortlich – vor Kopfschmerzen mit 6,4 Prozent und Depression mit 5,1 Prozent.

In Deutschland sind es sogar 14,3 Prozent (plus 5,0 Prozent für Nackenschmerzen), gefolgt von Kopfschmerzen mit 5,9 Prozent, Depression mit 4,8 Prozent.

Betriebliches Gesundheitsmanagement hat mit dem Präventionsgesetz einen neuen Stellenwert bekommen. Wie beurteilen Sie die Performance?

Busse: Seit dem Präventionsgesetz von 2015 hat sich laut Präventionsbericht 2018 die Zahl der erreichten Betriebe von 10 900 im Jahr 2015 auf 17.700 im Jahr 2017 deutlich erhöht, ebenso wie die Teilnehmerzahlen von 1,3 auf 1,85 Millionen.

Die Maßnahmen erreichen aber immer noch nur eine Minderheit, da es insbesondere in kleineren Betrieben unter 100 Beschäftigten keine Angebote gibt.

Bei den verhältnisbezogenen Interventionen steht übrigens die gesundheitsförderliche Gestaltung der Arbeitsplätze und einer bewegungsförderlichen Umgebung auf den ersten beiden Plätzen.

Bei den verhaltensbezogenen Maßnahmen steht das bewegungsförderliche Arbeiten auf Platz 1. Aber zu über 60 Prozent erschöpft sich die Erfolgskontrolle auf das Messen der Zufriedenheit bei Arbeitgebern und -nehmern. Nur in jedem sechsten Fall werden Gesundheitsparameter gemessen – das ermöglicht keine seriöse Beurteilung.

Stichwort Kindergesundheit: Sind Kitas und Schulen richtig aufgestellt, was Sport und Bewegung angeht?

Busse: Ganz ähnlich ist die Situation in Kitas und Schulen: Laut Präventionsbericht wurden hier 2017 knapp 2,6 Millionen Kinder erreicht, davon rund eine Million in Grundschulen. Das bedeutet, dass Haupt-, Förder- und Berufsschulen immer noch deutlich unterrepräsentiert sind.

Bewegung und Ernährung liegen bei den Inhalten vorn – aber die Erfolgskontrolle erfolgt zumeist auch nur durch Zufriedenheitsmessungen. So sind wir von einer evidenzbasierten Gesundheitsförderung leider noch weit entfernt.

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